Als ich allein in meiner Küche zusammenbrach, versuchte meine stumme Katze verzweifelt zu schreien. Doch ausgerechnet mein tauber Kater bemerkte zuerst, dass ich Hilfe brauchte.
„Bitte, Emma. Geh runter. Ich kann gerade nicht.“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ich lag auf dem Küchenboden, konnte meine Beine nicht richtig bewegen und spürte, wie mir der kalte Schweiß über die Stirn lief.
Emma saß auf meiner Brust. Ihr kleines graues Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.
Sie riss das Maul auf.
Wieder und wieder.
Aber es kam kein Laut heraus.
Dann stieß Fritz mit seinem schweren Körper gegen meine Seite. Der große rote Kater war taub. Er konnte weder meine Stimme hören noch das Klappern der Heizungsrohre oder das Zuschlagen der Türen.
Trotzdem hatte er als Erster gemerkt, dass etwas nicht stimmte.
Ich weiß bis heute nicht genau, wie lange ich dort gelegen habe.
Aber ich weiß, dass ich ohne diese beiden Katzen vielleicht nicht so schnell wieder auf die Beine gekommen wäre.
Und dabei hatte ich immer geglaubt, ich wäre diejenige, die sie gerettet hatte.
Ich heiße Gisela Schneider, bin 63 Jahre alt und wohne in einer kleinen Mietwohnung am Rand von Lübeck.
Zwei Zimmer, eine winzige Küche und ein Badezimmer, in dem man sich kaum umdrehen kann.
Das Haus stammt aus den sechziger Jahren. Die Heizkörper klopfen, die Fenster ziehen, und wenn der Nachbar über mir seinen Fernseher einschaltet, kann ich manchmal jedes zweite Wort verstehen.
Früher habe ich mich darüber geärgert.
Heute bin ich froh, wenn ich überhaupt jemanden im Haus höre.
Mein Mann Peter ist vor sechs Jahren gestorben. Wir waren 34 Jahre verheiratet.
Er war kein Mann großer Worte. Aber wenn ich abends nach Hause kam, stand meistens schon eine Tasse Tee auf dem Tisch.
Seit seinem Tod steht dort nur noch eine.
Unsere Tochter lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland. Wir telefonieren regelmäßig, aber ich erzähle ihr längst nicht alles.
Sie hat selbst genug Sorgen.
Und ich habe mir angewöhnt, auf die Frage „Mama, wie geht es dir?“ immer dasselbe zu antworten.
„Ach, ganz gut. Mach dir keine Gedanken.“
Dabei ging es mir schon lange nicht mehr besonders gut.
Meine kleine Rente reichte kaum für Miete, Strom und Lebensmittel. Deshalb arbeitete ich drei Vormittage in der Woche in der Küche eines Seniorenheims.
Ich schälte Kartoffeln, räumte Geschirr weg und wischte die Tische ab.
Die Arbeit war anstrengend, aber ich mochte sie.
Dann wurden die Dienstpläne geändert.
Aus drei Vormittagen wurden zwei. Manchmal blieb nur einer übrig.
Weniger Stunden bedeuteten weniger Geld.
Die Miete wurde trotzdem erhöht.
Ich begann zu rechnen.
Nicht einmal im Monat, sondern jeden Abend.
Was kostet ein Brot? Wie lange reicht die Milch? Kann ich die Stromrechnung bezahlen und trotzdem noch etwas für den Einkauf zurücklegen?
Im Supermarkt stand ich manchmal minutenlang vor einem Regal und verglich Preise.
Ein paar Cent hier. Ein paar Cent dort.
Man glaubt gar nicht, wie schwer eine Entscheidung über eine Packung Käse werden kann.
Ich kaufte die günstigsten Nudeln und kochte sie mit etwas Butter. Manchmal gab es nur eine Scheibe Brot und Tee.
Wenn ich keinen Hunger mehr spüren wollte, trank ich Kaffee.
Viel zu viel Kaffee.
Aber eines habe ich nie gemacht.
Ich habe nie am Futter meiner Katzen gespart.
Emma war zuerst da.
Ich hatte sie vor drei Jahren aus einem kleinen Tierheim in der Nähe geholt.
Eigentlich wollte ich nur ein paar Decken abgeben, die noch von Peter übrig waren.
Eine Mitarbeiterin führte mich an den Katzenzimmern vorbei. Überall saßen Tiere, die miauten, sich an den Gittern rieben oder neugierig nach draußen schauten.
Nur eine kleine graue Katze saß ganz hinten auf einer alten Decke.
Sie hatte ein schmales Gesicht, etwas struppiges Fell und eine einzige weiße Vorderpfote.
Als ich vor ihrem Gehege stehen blieb, kam sie langsam näher.
Sie öffnete das Maul.
Aber ich hörte nichts.
„Die Kleine kann nicht richtig miauen“, erklärte die Mitarbeiterin. „Das ist schon seit ihrer Geburt so.“
Emma versuchte es noch einmal.
Ihr Brustkorb bewegte sich, ihre Schnurrhaare zitterten.
Nur ein leiser Atemzug kam heraus.
„Viele Leute denken, dass sie krank ist“, sagte die Frau. „Dabei ist sie sonst eine ganz normale Katze.“
Ich streckte einen Finger durch das Gitter.
Emma legte ihre weiße Pfote darauf.
Ganz vorsichtig.
Ich weiß nicht, warum mich das so getroffen hat.
Vielleicht, weil ich selbst damals noch nicht gelernt hatte, wie man mit der Stille in einer Wohnung umgeht.
„Wie heißt sie?“, fragte ich.
„Emma.“
Ich sah die kleine Katze an.
„Na, Emma. Dann kommst du wohl mit mir.“
Zwei Stunden später saß sie in meiner Küche.
In der ersten Nacht versteckte sie sich unter dem Bett.
In der zweiten schlief sie auf Peters altem Pullover.
Nach einer Woche folgte sie mir überallhin.
Wenn ich am Spülbecken stand, saß sie neben meinen Füßen. Wenn ich las, legte sie sich auf meine Knie.
Und wenn ich weinte, was damals häufiger vorkam, als ich zugeben wollte, drückte sie ihren kleinen Kopf gegen meine Hand.
Ohne einen einzigen Laut.
Fritz kam ein Jahr später.
Er war ein großer, rot getigerter Kater mit breiten Pfoten, einem schiefen Schwanz und einem Gesicht, das aussah, als wäre er ständig schlecht gelaunt.
Ich entdeckte ihn hinter den Mülltonnen unseres Hauses.
Er saß neben einem umgekippten Eimer und beobachtete mich.
„Na, du alter Räuber“, sagte ich.
Keine Reaktion.
Ich klatschte in die Hände.
Nichts.
Ich ließ meinen Schlüsselbund fallen.
Fritz zuckte nicht einmal.
Erst als ich mit dem Fuß leicht gegen den Boden tippte, hob er den Kopf.
Da wurde mir klar, dass etwas anders war.
Später bestätigte ein Tierarzt meinen Verdacht.
Fritz war vollständig taub.
Woher er kam, konnte niemand sagen. Ich fragte in der Nachbarschaft herum und ließ prüfen, ob er gekennzeichnet war.
Niemand vermisste ihn.
Also blieb er.
Die ersten Wochen waren schwierig.
Fritz erschrak, wenn ich plötzlich hinter ihm stand. Deshalb gewöhnte ich mir an, kräftig auf den Boden zu treten, bevor ich ihn berührte.
Er spürte die Erschütterung.
Dann drehte er sich um.
Mit der Zeit lernten wir, miteinander zu leben.
Ich zeigte ihm mit der Hand, wann es Futter gab.
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