Kurz vor seinem Tod vertraute Opa seinem alten Kater ein Versprechen an, das Omas Leben für immer veränderte

Kurz bevor mein Opa für immer die Augen schloss, flüsterte er unserem alten Kater eine Bitte zu  und was danach geschah, veränderte Omas Leben.

„Emil, bitte bleib noch ein bisschen bei mir.“

Oma saß neben seinem Pflegebett und hielt seine Hand. Ihre Stimme zitterte. Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Augen waren rot vom Weinen.

Opa antwortete nicht. Er war zu schwach geworden.

Ich lag dicht an seiner Seite und spürte, wie langsam sein Herz schlug. Seine Hand ruhte auf meinem Fell. Früher hatte er mich kräftig hinter den Ohren gekrault. Jetzt konnte er kaum noch seine Finger bewegen.

Mein Name ist Moritz. Ich bin ein alter, grau getigerter Kater mit einer weißen Brust, einem etwas schiefen Schnurrhaar und müden Beinen.

Ich gehörte Emil und seiner Frau Helga.

Aber wenn man ehrlich ist, gehörten die beiden genauso zu mir.

Vierzehn Jahre lang waren wir eine Familie gewesen.

Oma sagte immer, ich sei Opas zweiter Schatten. Wo Emil war, war auch ich. Und wenn er mich einmal nicht finden konnte, musste er nur seinen alten Sessel aufsuchen.

Dort lag ich meistens schon und wartete auf ihn.

Wir wohnten in einem kleinen Haus am Rand von Celle. Es hatte weiße Wände, einen schmalen Vorgarten und eine Holzbank neben der Haustür.

Die Farbe am Gartenzaun blätterte ab. Eine Dachrinne tropfte schon seit Jahren. Und mitten im Rasen gab es eine kahle Stelle, über die Opa sich jeden Frühling ärgerte.

„Moritz, du bist bestimmt schuld daran“, sagte er dann.

Dabei wusste jeder, dass dort einfach nichts wachsen wollte.

Unser Leben war ruhig.

Morgens um halb sieben stand Opa auf. Er zog seine dunkelbraunen Hausschuhe an, ging in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an.

Ich hörte seine Schritte schon, bevor die Schlafzimmertür aufging.

Dann lief ich ihm entgegen.

„Na, mein alter Junge. Auch schon wach?“

Er bückte sich mühsam und strich mir über den Kopf.

Oma kam ein paar Minuten später. Sie trug meistens ihre blaue Strickjacke und schimpfte darüber, dass Opa die Zeitung wieder auf dem Frühstückstisch ausgebreitet hatte.

„Emil, ich möchte auch noch meinen Teller hinstellen.“

„Dann setz dich doch auf die Zeitung“, antwortete er.

Oma verdrehte die Augen.

Aber sie lächelte.

Ich saß meistens auf dem freien Küchenstuhl zwischen ihnen. Obwohl Oma behauptete, Katzen hätten am Tisch nichts verloren, bekam ich gelegentlich ein winziges Stück gekochtes Ei.

„Aber nicht dem Emil erzählen“, flüsterte sie.

Natürlich wusste Opa davon.

Er tat nur so, als würde er nichts merken.

So vergingen unsere Tage.

Opa kümmerte sich um den Garten, reparierte wackelige Stühle und hörte nachmittags das Radio. Oma backte sonntags Streuselkuchen, telefonierte mit ihrer Schwester und goss ihre Blumen.

Abends saßen beide vor dem Fernseher.

Opa in seinem braunen Sessel.

Oma auf dem Sofa.

Und ich irgendwo dazwischen.

Manchmal schlief Opa ein und schnarchte so laut, dass Oma die Lautstärke erhöhen musste.

„Der Kater ist wenigstens leise“, sagte sie.

Dann öffnete ich ein Auge und schnurrte.

Ich glaubte, das würde für immer so bleiben.

Doch irgendwann veränderte sich etwas.

Zuerst waren es Kleinigkeiten.

Opa blieb morgens länger im Bett. Wenn er die Treppe zum Keller hinunterging, musste er zwischendurch stehen bleiben. Und seine geliebten Spaziergänge bis zur Bäckerei wurden immer kürzer.

Eines Tages kam er mit leeren Händen zurück.

„Haben die keine Brötchen mehr?“, fragte Oma.

„Doch, doch. Ich hatte nur keine Lust.“

Aber ich hatte gesehen, wie er sich draußen auf die Gartenbank gesetzt hatte, um wieder zu Atem zu kommen.

Danach ging Oma meistens selbst zum Bäcker.

Opa behauptete, das sei unnötig.

Doch er widersprach nicht mehr besonders lange.

Auch seine Hände veränderten sich. Sie wurden dünner, und manchmal zitterten sie, wenn er seine Tasse hielt.

Trotzdem streichelte er mich jeden Tag.

„Du und ich, Moritz“, murmelte er. „Wir zwei alten Männer müssen zusammenhalten.“

Ich drückte meinen Kopf gegen seine Hand.

Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig mir diese Worte einmal werden würden.

An einem Donnerstag kam Opa aus dem Krankenhaus zurück.

Oma half ihm aus dem Auto. Ein Nachbar trug seine Tasche ins Haus.

Emil sah müde aus.

Sehr müde.

Er setzte sich in seinen Sessel und blieb lange schweigend sitzen.

Oma stellte ihm eine Tasse Tee hin.

„Der Arzt hat gesagt, wir müssen jetzt vorsichtig sein“, sagte sie.

Opa nickte.

„Ich weiß, Helga.“

„Und du darfst dich nicht mehr übernehmen.“

„Ich weiß.“

Dann wurde es still.

Ich sprang auf seinen Schoß, doch er zuckte kurz zusammen.

„Langsam, mein Junge.“

Zum ersten Mal merkte ich, dass selbst mein kleines Gewicht ihm wehtun konnte.

Von diesem Tag an wurde unser Haus anders.

Es kamen Menschen, die ich vorher nicht kannte. Sie brachten Medikamente, prüften seinen Zustand und sprachen mit Oma über Dinge, die sie beunruhigten.

Oma hörte aufmerksam zu.

Sie stellte Fragen und schrieb Antworten auf einen kleinen Notizblock.

Wenn die Besucher gegangen waren, blieb sie manchmal lange in der Küche stehen.

Einmal sah ich sie am Spülbecken.

Sie hatte beide Hände auf den Rand gestützt und weinte leise.

Der Wasserhahn lief, obwohl kein Geschirr darin lag.

Ich setzte mich neben ihre Füße.

Sie bemerkte mich erst nach einer Weile.

„Ach, Moritz.“

Dann hob sie mich hoch und drückte ihr Gesicht in mein Fell.

„Was machen wir denn nur ohne unseren Emil?“

Ich konnte ihr nicht antworten.

Aber ich blieb ganz still in ihren Armen.

Wenige Wochen später wurde ein Pflegebett ins Wohnzimmer gestellt.

Direkt neben das große Fenster, durch das Opa immer den alten Ahornbaum betrachtet hatte.

Seinen Sessel schoben sie zur Seite.

Das gefiel mir überhaupt nicht.

Ich lief mehrmals durch das Zimmer und suchte nach meinem gewohnten Platz.

Opa sah mich dabei an.

„Na, Moritz? Haben sie dir auch alles durcheinandergebracht?“

Er lächelte schwach.

Ich sprang vorsichtig auf die Decke neben seinen Beinen.

„Da bist du ja.“

Seine Hand fand meinen Rücken.

Draußen fielen die ersten gelben Blätter.

Opa war inzwischen 82 Jahre alt. Oma war 79.

Mehr als fünfzig Jahre waren sie verheiratet.

Sie hatten zusammen gearbeitet, ein Haus gekauft, Kinder großgezogen und schwere Zeiten überstanden. Jetzt saß Oma oft neben seinem Bett und hielt seine Hand.

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