Ich wollte ihn hinauswerfen, doch meine sterbende Mutter flüsterte einen fremden Namen

Als der fremde Mann mit den schwarzen Fingernägeln das Hospizzimmer meiner Mutter betrat, wollte ich ihn hinauswerfen. Dann flüsterte sie einen Namen, den ich noch nie gehört hatte.

„Sie können hier nicht einfach rein“, sagte ich und stellte mich zwischen ihn und das Bett.

Er blieb sofort stehen. Ein großer Mann, Anfang sechzig vielleicht, mit grauem Bart und einer alten Arbeitsjacke, deren Ärmel am Handgelenk ausgefranst waren. Unter seinem Arm klemmte eine flache Blechdose.

„Entschuldigung. Die Schwester sagte, ich soll hier warten.“

„Dann warten Sie bitte draußen.“

Meine Stimme war lauter geworden, als ich beabsichtigt hatte. Seit drei Nächten schlief ich kaum. Meine Mutter lag mit geschlossenen Augen da, ihr Atem ging flach, und ich konnte es nicht ertragen, dass jetzt jemand mit schweren Arbeitsschuhen in diese letzten Stunden hineintrat.

Der Mann sah an mir vorbei.

„Ich suche Frau Elisabeth Hartmann. Geborene Seidel.“

Ich griff nach der Rufanlage.

Da bewegte sich hinter mir die Bettdecke.

„Hannes?“

Es war kaum mehr als ein Hauch. Trotzdem hörten wir beide es sofort.

Der Fremde nahm seine abgewetzte Mütze ab. Seine Unterlippe zitterte.

„Nein, Frau Hartmann“, sagte er. „Ich bin Klaus. Aber ich komme wegen Hannes.“

Meine Mutter öffnete die Augen.

Und ich ließ die Rufanlage los.

Ich heiße Sabine, bin sechzig Jahre alt und habe bis zu diesem Donnerstag geglaubt, meine Mutter zu kennen.

Elisabeth Hartmann, siebenundachtzig. Früher Mitarbeiterin in einer kleinen Stadtbücherei, später ehrenamtlich in der Schulbibliothek. Eine Frau, die Geschenkpapier glatt strich und wiederverwendete, Geburtstage nie vergaß und sich selbst fürs Krankenhaus noch eine ordentliche Strickjacke zurechtlegte.

Mein Vater war seit vierundzwanzig Jahren tot. Meine Mutter hatte danach allein gelebt, bis die Treppe zu steil und die Krankheit zu groß geworden war.

Über ihre Jugend sprach sie selten. Von ihrem Elternhaus gab es ein paar Geschichten, von ihrer Hochzeit ein Album, von den Jahren dazwischen fast nichts.

Ich hatte nie ernsthaft nachgefragt.

Jetzt stand ein Mann vor ihrem Bett, den ich auf der Straße vermutlich für einen schlecht gelaunten Bauarbeiter gehalten hätte. Und meine Mutter sah ihn an, als habe er etwas mitgebracht, auf das sie ihr ganzes Leben gewartet hatte.

„Lebt er noch?“, fragte sie.

Klaus zog den Stuhl nicht heran. Er wartete, bis sie ihm die Hand entgegenstreckte.

Dann setzte er sich.

„Er ist im Februar gestorben. Zu Hause. Seine Tochter war bei ihm.“

Meine Mutter schloss die Augen. Eine Träne lief seitlich über ihre Schläfe ins Kissen.

Klaus hielt ihre Hand zwischen seinen beiden Händen. An seinem rechten Daumen fehlte ein Stück vom Nagel.

„Er hat mich gebeten, Sie zu finden“, sagte er. „Und Ihnen das hier zu bringen.“

Er legte die Blechdose auf die Bettdecke.

Es war eine alte Keksdose. Auf dem Deckel verblasste rote Blumen, an einer Ecke Rost.

„Was ist da drin?“, fragte ich.

Meine Mutter antwortete, ohne mich anzusehen.

„Das Leben, das ich dir nie erzählt habe.“

Die Pflegerin kam auf mein Klingeln hin herein. Sie bemerkte Mutters offene Augen und blieb ruhig neben dem Bett stehen.

„Ist der Besuch für Sie in Ordnung, Frau Hartmann?“

Meine Mutter nickte.

„Er soll bleiben.“

Die Pflegerin richtete ihr das Kissen und half ihr, einen Schluck Wasser zu trinken. Dann sagte sie, wir könnten jederzeit wieder klingeln, und ging hinaus.

Ich setzte mich auf die andere Bettseite.

„Wer ist Hannes?“

Meine Mutter schaute auf unsere Hände. Meine lag auf der Decke, ihre in der Hand dieses Fremden.

„Johann Weber“, sagte sie. „Aber für mich war er immer Hannes.“

Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte sie.

„Er hatte ständig Öl an den Fingern. Selbst sonntags.“

Sie hatten sich 1961 kennengelernt, in einer Kleinstadt am Rand des Sauerlands.

Meine Mutter war zweiundzwanzig und arbeitete im Schreibwarenladen ihrer Eltern. Hannes war ein Jahr älter und reparierte Lastwagen in einer Werkstatt am Ortsausgang.

„Großvater hatte einen Lieferwagen“, erzählte sie. „Der sprang eines Morgens nicht an. Hannes kam mit seinem Werkzeugkasten und fragte mich, ob der Wagen öfter so stur sei.“

Sie musste eine Pause machen.

„Ich sagte: Nur mein Vater.“

Klaus lachte leise. Meine Mutter auch.

Ich hatte dieses Lachen lange nicht gehört. Es war heller als das, das ich kannte.

Hannes brachte den Wagen wieder zum Laufen. Eine Woche später kam er wegen eines angeblich vergessenen Schraubenschlüssels zurück.

„Den hatte er absichtlich unter der Sitzbank liegen lassen“, sagte Mutter. „Das hat er mir später gestanden.“

Sie trafen sich nach Ladenschluss. Manchmal gingen sie am Fluss entlang, manchmal saßen sie in einer Gartenlaube hinter dem Haus eines Werkstattkollegen.

Er brachte belegte Brote mit, in Butterbrotpapier gewickelt. Sie brachte Kaffee in der Thermoskanne ihrer Mutter mit und behauptete zu Hause, sie besuche eine Freundin.

„Er wollte immer eine eigene kleine Werkstatt. Mit einer Wohnung darüber und einem Küchenfenster zum Hof.“

Sie sah mich an.

„Er hatte sogar ausgemessen, wie groß die Küche sein müsste.“

Ich versuchte, mir meine Mutter in dieser Gartenlaube vorzustellen. Ohne Perlenkette, ohne Einkaufszettel in der Manteltasche. Eine junge Frau, die heimlich Kaffee trank und mit einem Mann eine Küche plante.

Es gelang mir erschreckend leicht.

Ihre Eltern lehnten Hannes ab.

Nicht wegen einer Straftat, nicht wegen einer Schlägerei. Er war ein Werkstattgeselle ohne Ersparnisse, sein Vater hatte als Hilfsarbeiter gearbeitet, und seine Mutter verdiente mit Putzen dazu.

Für meinen Großvater stand damit alles fest.

„Er sagte, mit so einem käme man sein Leben lang nicht vom Fleck“, erzählte Mutter. „Ich hätte etwas Besseres verdient.“

„Und was hast du gesagt?“

„Dass ich ihn nicht nach seinem Wochenlohn ausgesucht hatte.“

Sie sah mich kurz an.

„Danach durfte ich abends nicht mehr allein weg.“

Im Frühjahr 1963 bot ein früherer Meister Hannes eine Stelle bei Hannover an. Mehr Lohn, ein Zimmer für den Anfang, später die Möglichkeit, beruflich weiterzukommen.

Sie beschlossen, gemeinsam zu gehen.

Am 15. Juni wollten sie den frühen Zug nehmen. Meine Mutter hatte ihre Ersparnisse in einen Umschlag gesteckt. Hannes hatte ihr einen kleinen Koffer besorgt, gebraucht, aber mit heilen Schlössern.

„Wir waren keine Kinder mehr“, sagte sie. „Aber zu Hause kam ich mir immer noch wie eines vor.“

Drei Tage vor der Abreise fand ihre Mutter den Umschlag.

Daneben lagen zwei Fahrkarten.

„Mein Vater schloss abends den Laden ab. Dann setzte er sich an den Küchentisch. Meine Mutter stand am Herd und drehte die ganze Zeit an einem Geschirrtuch.“

Meine Mutter holte vorsichtig Luft.

„Er sagte, wenn ich mit Hannes ginge, brauchte ich nie wiederzukommen.“

„Dann hättest du gehen können“, sagte ich.

Es klang hart. Ich hörte es selbst.

Mutter nickte.

„Ja. Das dachte ich auch. Bis er von Ruth anfing.“

Ihre jüngere Schwester hatte gerade das Abitur gemacht. Sie wollte Lehrerin werden und hatte einen Studienplatz in Aussicht. Für das Zimmer und ihren Lebensunterhalt brauchte sie die Unterstützung der Eltern.

„Er sagte, wenn ich die Familie so beschämte, sei Schluss mit dem Studium. Ruth könne dann im Laden stehen. Eine Tochter müsse schließlich vernünftig sein.“

Ich kannte Tante Ruth als pensionierte Lehrerin mit einem lauten Lachen und einer Schwäche für Pflaumenkuchen. Sie war vor sechs Jahren gestorben.

Nie hatte sie von so etwas erzählt.

„Wusste sie das?“

„Nein.“

„Mama, das war doch nicht deine Verantwortung.“

„Das weiß ich heute.“

Sie wischte mit dem Daumen über Klaus’ Finger.

„Damals hörte ich nur, dass Ruth wegen mir ihren Platz verlieren würde. Sie hatte so viel dafür getan.“

Am Morgen des 15. Juni ging meine Mutter zum Bahnhof.

Hannes wartete auf dem Vorplatz. Neben ihm standen sein Werkzeugkasten und der kleine Koffer für sie.

„Er hatte sich die Haare nass gekämmt. Das weiß ich noch genau. An einer Seite standen sie trotzdem ab.“

Ihre Augen füllten sich wieder.

„Er sah mich und nahm gleich meinen Koffer hoch. Als wäre alles schon geschafft.“

Sie sagte ihm, sie werde nicht mitkommen.

Er stellte den Koffer wieder ab.

Dann fragte er, was passiert sei.

„Ich sagte, mein Vater hätte recht. Wir passten nicht zusammen.“

„Und er?“, fragte Klaus.

Mutter sah ihn an.

„Er sagte: Das hast du vor drei Tagen noch anders gewusst.“

Sie hielt inne. Auf dem Flur klapperte Geschirr.

„Dann habe ich gesagt, dass ich ihn nicht liebe.“

Keiner von uns sprach.

„Er fragte mich, ob ich ihm dabei in die Augen sehen könnte. Und ich konnte es nicht.“

Sie war nach Hause gegangen.

Hannes fuhr allein.

Ich hatte meinen Großvater als älteren Herrn mit Weste und Pfefferminzbonbons in Erinnerung. Einen Mann, der mir einmal ein Puppenbett gebaut hatte.

Jetzt saß ich am Bett seiner Tochter und begriff, wie wenig ein Kind davon mitbekommt, was Erwachsene einander antun.

Zwei Jahre später heiratete meine Mutter meinen Vater.

Martin Hartmann, Buchhalter, zuverlässig, freundlich, aus einer Familie, die meinen Großeltern gefiel.

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