Als sie zum dritten Mal meinen Garten durchsuchten, war mein Sohn seit drei Tagen verschwunden. Und plötzlich interessierten sie sich mehr für meinen Beton als für ihn.
„Wann haben Sie diese Fläche gegossen, Herr Martens?“
Der Ermittler zeigte auf das Fundament neben meinem Schuppen. Auf seinem Klemmbrett lag ein Foto von Jannis. Elf Jahre alt, dunkelblonder Wirbel am Hinterkopf, blaues Hemd mit einem fehlenden Knopf.
„Letzten Dienstag. Das hab ich Ihrem Kollegen schon gesagt.“
„Und seitdem nichts mehr daran verändert?“
Ich sah auf die graue Fläche. Dann auf den Mann, der mir diese Frage stellte.
„Sie glauben, mein Junge liegt da drunter.“
Er antwortete nicht gleich. Das war schlimmer als alles, was er hätte sagen können.
„Wir müssen jede Möglichkeit prüfen.“
Ich hatte vierundvierzig Jahre lang Metall bearbeitet. Ich konnte am Geräusch erkennen, ob ein Lager noch einen Monat hielt oder am nächsten Morgen auseinanderfliegen würde. Aber in diesem Augenblick verstand ich nicht einmal mehr die Menschen in meinem eigenen Garten.
„Dann prüfen Sie endlich, wo mein Sohn ist.“
Meine Stimme war laut geworden. Der junge Beamte am Gartentor richtete sich auf, und ich sah, wie der Ermittler kurz auf meine Hände blickte.
Große Hände. Vernarbte Knöchel. Schwarze Ränder an den Fingernägeln, die auch nach Jahren nicht ganz verschwanden.
Hände, denen man offenbar eher etwas Schlimmes zutraute als einem Mann mit sauberem Hemd.
Dabei hatten diese Hände am Dienstag noch die Kruste von einem Käsebrot geschnitten. In sechs gleich große Stücke, weil Jannis sein Brot so am liebsten aß.
Ich heiße Egon Martens, bin fünfundsechzig und wohne am Rand einer Kleinstadt bei Kassel. Früher war ich Betriebsschlosser. Seit drei Jahren bin ich in Rente.
Meine Nachbarin hat einmal gesagt, ich sähe aus, als würde ich selbst einem kaputten Mähdrescher Angst machen. Breite Schultern, schiefe Nase, eine Stimme, die auch freundlich noch nach Streit klingt.
Jannis hatte vor dieser Stimme keine Angst.
Wenn ich morgens vor seiner Zimmertür „Na, mein Junge?“ sagte, hob er manchmal einen Fuß unter der Decke hervor. Das war unser Anfang des Tages. Ich fasste kurz an seine Ferse, und er zog sie lachend zurück.
Mein Sohn ist Autist und spricht nicht. Er braucht bei vielen Dingen Hilfe, beim Anziehen, beim Waschen, auf der Toilette. Geräusche, die andere kaum bemerken, können ihn völlig überfordern.
Aber er ist kein Junge ohne Gedanken, nur weil er sie nicht aussprechen kann.
Das wusste ich. Trotzdem sollte ich später merken, wie vieles ich für ihn entschieden hatte, ohne richtig nachzufragen.
Seit seine Mutter gegangen war, lebten wir zu zweit.
Maren war achtundvierzig, als sie ihre Sachen packte. Sie hatte seit Monaten kaum geschlafen und weinte manchmal beim Einräumen der Spülmaschine, so leise, dass ich erst dachte, der Wasserhahn tropfe.
„Ich kann nicht mehr, Egon“, sagte sie.
Ich antwortete etwas, das ich heute noch bereue.
„Ich kann auch nicht. Ich mach trotzdem weiter.“
Sie blieb damals vor der Haustür stehen, eine Reisetasche in jeder Hand. Ich hielt ihren Satz für eine Ausrede und meinen für eine Antwort.
Heute weiß ich, dass beides Hilferufe waren.
Sie zog in eine kleine Wohnung in einer anderen Stadt. Anfangs rief sie an, später immer seltener. Zweimal wurde ein Besuch vereinbart, zweimal sagte sie kurzfristig ab.
Irgendwann fragte ich nicht mehr.
Wenn jemand wissen wollte, wo Jannis’ Mutter sei, sagte ich: „Weg.“
Ein kleines Wort. Sehr praktisch, wenn man vermeiden will, über den Rest zu sprechen.
Unser Alltag hatte feste Haltepunkte. Frühstück am Küchentisch, danach die Bildkarten mit dem Tagesablauf, Schule mit Begleitung, nachmittags Garten oder ein kurzer Spaziergang.
Dienstags kam eine Therapeutin zu uns nach Hause. Danach hatte Jannis frei, wie ich es nannte.
Er liebte unser kleines Windrad. Rot, gelb, blau. Ein billiges Ding, dessen Stange ich schon dreimal repariert hatte.
Manchmal hielt er es minutenlang still und betrachtete nur die Farben. Dann bewegte er es plötzlich durch die Luft und summte dazu.
Ich hatte mir angewöhnt, sein Summen zu unterscheiden. Tief und gleichmäßig bedeutete meistens, dass alles in Ordnung war. Kurz und gepresst hieß, ich sollte nachsehen.
Manche Leute sahen mich mit ihm beim Einkaufen und machten einen Bogen. Andere sprachen über ihn, während er danebenstand.
„Das ist schon ein schweres Los für Sie.“
Dann sagte ich: „Jannis, wir brauchen noch Kartoffeln.“
Ich wollte nicht, dass mein Junge ständig hören musste, wie schwer sein Dasein für andere war.
Trotzdem war ich müde. Manchmal so müde, dass ich im Sitzen einschlief, während der Kaffee noch heiß war.
Die Frau vom Jugendamt wusste das. Frau Reuter war nach einer Meldung aus der Nachbarschaft gekommen, weil jemand Jannis hatte schreien hören.
Sie fand einen Jungen vor, dessen Schlafanzug eine störende Naht hatte, und einen Vater, der diese Naht gerade mit einer Nagelschere entfernte.
Später sprach sie mit mir über Entlastung.
„Sie müssen das nicht allein schaffen, Herr Martens.“
„Schaff ich aber.“
„Darum geht es nicht.“
Damals hörte ich darin nur Zweifel. Ich ließ sie die Küche sehen, die Vorräte, die Termine an der Pinnwand. Dann wartete ich darauf, dass sie wieder ging.
Am Dienstag verschwand Jannis kurz vor zwölf.
Er saß auf der Gartenbank und hielt sein Windrad zwischen den Knien. Ich stand in der Küche, schnitt Brot und konnte durch das Fenster seinen Hinterkopf sehen.
Unser Grundstück war eingezäunt. Das Gartentor war abgeschlossen, der Schlüssel hing neben dem Kühlschrank.
Als ich wieder hinaussah, war die Bank leer.
Zuerst dachte ich an den Schuppen. Manchmal setzte Jannis sich dort auf einen alten Schemel, weil er den Geruch von Holz mochte.
Ich stellte den Teller ab und ging hinaus.
„Jannis?“
Sein Windrad lag unter der Bank. Die Gartentür war zu.
Ich suchte im Schuppen, hinter den Regentonnen, zwischen den Sträuchern. Dann im Haus, sogar im Wäscheschrank, obwohl er dort seit Jahren nicht mehr hineingekrochen war.
Ich lief dieselben Stellen noch einmal ab.
Später fragte mich der Ermittler, warum ich erst nach fünfundvierzig Minuten angerufen hatte.
Darauf gibt es keine gute Antwort.
Ich dachte immer: Noch diese Ecke. Noch der Keller. Noch einmal unter dem Bett.
Wenn ich nur gründlich genug suchte, würde aus einer Katastrophe wieder ein Missverständnis werden.
Als ich schließlich die Polizei anrief, konnte ich unsere Hausnummer nicht aussprechen. Ich stand am Kühlschrank, starrte auf den Kalender und musste sie von einem alten Brief ablesen.
Sie kamen schnell.
Eine Beamtin blieb bei mir, während ihre Kollegen durch Haus und Garten gingen. Sie fragte nach Kleidung, Medikamenten, Lieblingsorten und danach, ob Jannis auf seinen Namen reagiere.
„Nicht zuverlässig“, sagte ich. „Wenn Sie ihn finden, gehen Sie langsam auf ihn zu. Nicht alle auf einmal.“
Sie schrieb es auf.
„Und bitte nicht anfassen, wenn es nicht nötig ist. Erst zeigen, was Sie wollen.“
Noch während ich sprach, hörte ich draußen Menschen seinen Namen rufen.
Am Nachmittag suchten Hunde die Umgebung ab. Helfer gingen Wege und kleine Waldstücke durch, andere kontrollierten Garagen, Gartenhäuser und leer stehende Gebäude.
Mein Freund Udo kam mit sechs Männern aus unserer alten Werkstatt.
Sie standen vor dem Haus in Arbeitshosen, obwohl die meisten längst Rentner waren. Einer hatte eine Thermoskanne mitgebracht, ein anderer eine Taschenlampe, groß wie ein Vorschlaghammer.
„Sag uns, wo“, sagte Udo.
Die Polizei teilte sie einer Suchgruppe zu. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich wieder einen ganzen Atemzug nehmen.
Dann kam Kriminalhauptkommissar Bender.
Er war ruhig, sachlich und stellte Fragen, die zunächst vernünftig klangen. Wann ich Jannis zuletzt gesehen hatte, ob jemand einen Schlüssel besaß, ob es Streit gegeben hatte.
Später fragte er nach Maren.
„Wie kommen Sie mit der Betreuung allein zurecht?“
„Wir haben unseren Ablauf.“
„Aber es gibt schwierige Tage.“
„Natürlich.“
„Tage, an denen Ihnen alles zu viel wird?“
Ich sah ihn an.
„Haben Sie Kinder?“
Er ließ die Frage unbeantwortet.
Ab da hörte ich hinter jeder seiner Fragen noch eine zweite.
Am nächsten Morgen stand mein Gesicht im Internet.
Jemand hatte ein altes Foto aus der Werkstatt gefunden. Ich trug eine schwarze Lederweste über dem Pullover, meine tätowierten Unterarme lagen auf einer Drehbank.
Unter dem Bild stand, dass ich der Letzte gewesen sei, der Jannis gesehen hatte.
Das stimmte. Trotzdem fühlte es sich an wie eine Anschuldigung.
In den Kommentaren wurde aus meinem Sohn ein „Pflegefall“ und aus mir ein Mann, der „irgendwann bestimmt durchgedreht“ war.
Udo nahm mir das Handy weg.
„Lass den Dreck.“
„Die kennen uns nicht einmal.“
„Eben.“
Er stellte mir eine Schüssel Suppe hin. Ich schob sie weg.
„Egon“, sagte er, „wenn der Junge heimkommt, braucht er dich auf den Beinen.“
Ich aß vier Löffel. Mehr ging nicht.
Am zweiten Tag untersuchten sie meinen Garten genauer.
Das Fundament für den neuen Geräteschuppen hatte ich eine Woche zuvor mit Udo gegossen. Wir hatten monatelang darüber geredet, weil der alte Holzboden morsch geworden war.
Ich zeigte Bender die Rechnung vom Baustoffhandel und Bilder, die Udo während der Arbeit gemacht hatte.
Auf einem saß Jannis am Rand der Terrasse. Er hielt sich die Ohren zu, weil der Mischer lief.
Bender vergrößerte das Foto. Ich wusste nicht, ob er meinen Sohn ansah oder den Beton.
„Sie können Udo fragen“, sagte ich.
„Das werden wir.“
Nach dem Gespräch saß ich auf der Treppe zur Küche. Dort fand mich Frau Reuter.
Sie hatte die Schule angerufen, die Therapeutin gesprochen und geholfen, ein Blatt mit wichtigen Hinweisen für die Suchenden zusammenzustellen.
„Er braucht seinen blauen Becher“, sagte ich.
Sie setzte sich neben mich.
„Wenn er irgendwo etwas trinken soll. Mit einem anderen Becher wird es schwierig.“
„Ich ergänze das.“
Ich fing an zu weinen, ohne es vorher zu merken. Frau Reuter legte mir kein tröstendes Wort in den Mund und sagte nicht, dass alles gut werde.
Sie blieb einfach sitzen.
In der zweiten Nacht ging ich in Jannis’ Zimmer.
Die Decke war zurückgeschlagen. Auf dem Fensterbrett lagen seine Flaschendeckel in einer Reihe, abwechselnd weiß und blau.
Ich hatte ihn oft beobachtet, wie er sie ordnete, und gedacht, wenigstens diese kleine Welt verstünde ich.
Jetzt stand ich davor und wusste gar nichts mehr.
Hatte er Hunger? War er irgendwo eingeschlossen? Hatte jemand versucht, ihn zu trösten, und ihn damit noch mehr erschreckt?
Auf seinem Tisch lag eine Bildkarte mit einem Haus. Ich nahm sie in die Hand, als könnte ich sie ihm irgendwie zeigen.
Dann sagte ich in das leere Zimmer: „Du musst nur heimkommen. Den Rest kriegen wir hin.“
Freitagmittag standen die Beamten wieder am Fundament.
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