Ein Mädchen folgte mir vier Tage, bis ich den Brief ihres Vaters las

Vier Tage lang folgte mir das Mädchen durch unser Viertel. Als es endlich seinen Rucksack öffnete, begriff ich, warum sein Vater ausgerechnet mich gesucht hatte.

„Wenn du Angst vor mir hast, musst du nicht hier stehen bleiben.“

Das Mädchen wich einen Schritt zurück. Es stand gegenüber meiner Einfahrt und presste einen ausgewaschenen Rucksack an die Brust. Einer der Träger war mit blauem Garn geflickt.

„Ich hab keine Angst vor Ihnen“, sagte es.

„Dann sag mir bitte, weshalb du seit Dienstag überall auftauchst, wo ich bin.“

Sie senkte den Blick auf meine Hände. Große Hände, breite Finger, unter den Nägeln noch der dunkle Rand von der Arbeit an einem alten Schraubstock.

„Ich musste erst sicher sein, dass Sie es sind.“

Ich heiße Wilfried Berger, war damals siebenundsechzig und hatte achtundvierzig Jahre als Schlosser gearbeitet. Mein Rücken ließ mich das morgens wissen, meine Knie auf jeder Treppe. Seit dem Tod meiner Frau lebte ich allein in unserem kleinen Reihenhaus in Oberhausen.

Kinder grüßten mich selten von sich aus. Das lag vermutlich an meinem Gesicht, das selbst an guten Tagen aussah, als hätte gerade jemand meine Werkzeugkiste umgeworfen.

Dieses Mädchen aber suchte mich.

Am Dienstag hatte ich es zum ersten Mal in der Bäckerei gesehen. Es saß am Fenster vor einem halben Brötchen und beobachtete mich, während ich meinen Kaffee trank.

Als ich hinausging, stand es neben meinem alten Kombi.

„Suchst du jemanden?“, hatte ich gefragt.

Sie schüttelte den Kopf und ging.

Am Mittwoch tauchte sie im Supermarkt auf. Am Donnerstag saß sie auf einer Bank vor dem Nachbarschaftshaus, wo ich zweimal die Woche kaputte Haushaltsgeräte reparierte.

Und jetzt stand sie vor meinem Zuhause.

„Wie heißt du?“, fragte ich.

„Alma.“

„Weiß jemand, dass du hier bist, Alma?“

Sie antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie auf meinen linken Unterarm.

Dort verlief eine breite, helle Narbe vom Handgelenk bis fast zum Ellenbogen.

„Mein Papa hat gesagt, ich soll den Mann mit dem verbrannten Arm suchen. Und dem lila Streifen am Auto.“

Ich drehte mich unwillkürlich um. Auf der Heckklappe klebte noch immer der schmale Streifen, den meine Frau Hanne einmal angebracht hatte, damit sie unseren grauen Wagen auf Parkplätzen wiedererkannte.

„Dein Papa kennt mich?“

Alma schüttelte den Kopf.

„Sie kennen ihn auch nicht. Aber Sie haben ihn aus einem Auto gezogen.“

Ich spürte plötzlich jeden Schlag meines Herzens.

„Wann?“

„Vor dreiundzwanzig Jahren.“

Sie öffnete ihren Rucksack und zog einen Umschlag heraus. Auf der Vorderseite stand in sorgfältiger Handschrift:

Für den Mann, der damals angehalten hat.

Ich setzte mich auf die niedrige Gartenmauer.

Dreiundzwanzig Jahre zuvor war ich auf dem Heimweg von einer Spätschicht gewesen. Auf einer Bundesstraße hatte ein Lastwagen mehrere Autos ineinandergeschoben. Aus dem Motorraum eines kleinen Wagens schlugen Flammen.

Der Fahrer hing bewusstlos im Gurt. Die Fahrertür klemmte.

Ein anderer Mann und ich bekamen die Beifahrertür auf. Ich beugte mich hinein, löste den Gurt, und gemeinsam zogen wir ihn heraus. Dabei verbrannte ich mir den Arm am heißen Türrahmen.

Danach erinnerte ich mich vor allem an Geräusche. Das Zischen eines Feuerlöschers. Jemanden, der nach einem Verband rief. Die Stimme eines Sanitäters, der sagte, ich müsse ebenfalls behandelt werden.

Ich gab meine Personalien an, ließ den Arm versorgen und fuhr später nach Hause. Hanne saß am Küchentisch und schimpfte, während sie vor Erleichterung weinte.

Was aus dem jungen Fahrer geworden war, erfuhr ich nie.

Bis dieses Mädchen vor mir stand.

„Wie heißt dein Vater?“

„Malte Voss.“

Sie zog einen gefalteten Zeitungsausschnitt hervor. Das Papier war an den Kanten eingerissen. Auf dem kleinen Foto sah man zwei beschädigte Autos und mich im Hintergrund, eine Decke über dem Arm.

„Er hat das immer aufgehoben.“

Ich betrachtete das Bild. Damals hatte ich noch dunkle Haare gehabt.

„Wo ist er jetzt, Alma?“

Ihre Finger verkrampften sich um den Rucksack.

„Er ist gestorben.“

Auf der anderen Straßenseite zog jemand eine Mülltonne hinter ein Gartentor. Ein Lieferwagen hielt zwei Häuser weiter. Alles ging einfach weiter.

Ich wusste einen Moment lang nicht, was ich sagen sollte.

„Vor drei Wochen“, fügte sie hinzu. „Sein Herz.“

„Und deine Mutter?“

„Die ist schon tot, seit ich sechs bin.“

Sie sagte es so leise, als müsse sie sich dafür entschuldigen, dass nun auch diese Antwort fehlte.

Ich legte den Umschlag neben mich.

„Bei wem wohnst du gerade?“

„Bei Frau und Herrn Neumann.“

Ich kannte den Namen. Ein Ehepaar einige Straßen entfernt, das immer wieder Kinder für eine begrenzte Zeit aufnahm.

„Wissen die, dass du mich suchst?“

Alma schüttelte den Kopf.

„Ich darf nachmittags zum Spielplatz. Ich bin dann immer ein bisschen weiter.“

„Hast du ihre Telefonnummer?“

Sie holte einen kleinen Zettel aus dem vorderen Fach ihres Rucksacks. Während ich anrief, hielt sie den Blick auf mein Gesicht gerichtet.

Frau Neumann ging sofort ans Telefon. Als ich erklärte, wo Alma war, hörte ich, wie sie scharf Luft holte.

„Sie hatte gesagt, sie trifft ein Mädchen aus der Schule.“

„Sie ist bei mir vor dem Haus. Es geht ihr gut. Ich bleibe mit ihr hier.“

„Ich komme sofort.“

Alma schluckte.

„Sind Sie jetzt böse?“

„Nein. Aber jemand muss wissen, wo du bist.“

„Wenn ich es gesagt hätte, hätten sie mich vielleicht nicht gehen lassen.“

„Dann hätten wir einen anderen Weg gefunden.“

Sie sah wieder auf den Umschlag.

„Lesen Sie ihn trotzdem?“

Ich nickte und zog den Brief heraus.

Er bestand aus drei eng beschriebenen Seiten. Zwischen den Blättern lagen eine Telefonnummer und Kopien von Unterlagen.

Lieber Herr Berger,

Sie werden sich nicht an mich erinnern. Ich erinnere mich jeden Morgen an Sie.

Vor dreiundzwanzig Jahren haben Sie mich aus meinem Wagen geholt. Danach lag ich lange im Krankenhaus. Als ich wieder laufen konnte, wollte ich Ihnen danken. Ich wusste aber nur, dass Sie Schlosser waren und eine Frau auf Sie wartete.

Ich las langsamer weiter.

Malte hatte gesucht. Anfangs über die Polizei, später über die alte Zeitung. Dann waren Umzüge gekommen, Arbeit, seine Ehe, die Geburt seiner Tochter.

Vor acht Monaten hatte ein ehemaliger Kollege von mir den Zeitungsausschnitt wiedererkannt.

Malte war zweimal am Nachbarschaftshaus gewesen. Er hatte mich mit einer älteren Frau einen Toaster prüfen sehen und einmal mit einem Jugendlichen an einer Fahrradkette.

Beim ersten Mal hatte ich nicht den Mut, Sie anzusprechen. Beim zweiten Mal dachte ich, Sie würden mich für verrückt halten. Wie erklärt man einem Fremden, dass man ihm seit mehr als zwanzig Jahren sein ganzes Leben erzählen möchte?

Ich presste die Lippen zusammen.

Nach dem Tod seiner Frau war bei Malte eine schwere Herzerkrankung festgestellt worden. Es gab Behandlungen, bessere Wochen und schlechtere. Zuletzt hatte er begonnen, Dinge für Alma zu ordnen.

Es gab keine Großeltern mehr. Keine Geschwister, die einspringen konnten.

Ich weiß, wie ungeheuerlich diese Bitte ist. Sie haben mich einmal gerettet. Daraus entsteht keine Verpflichtung.

Trotzdem habe ich Ihren Namen bei meinen Unterlagen hinterlegt und darum gebeten, dass man mit Ihnen spricht, falls ich nicht mehr da bin. Meine Anwältin hat mir erklärt, dass ich damit nichts entscheiden kann. Und dass vor allem Sie zustimmen müssten.

Alma stand ganz still neben mir.

Ich las weiter.

Für Alma sind achtunddreißigtausend Euro zurückgelegt. Dieses Geld gehört ihr. Es soll ihr später helfen. Ich erwähne es nur, damit Sie wissen, dass ich versucht habe vorzusorgen.

Ich wünsche mir für sie jemanden, der bleibt. Jemanden, bei dem ein Versprechen mehr ist als ein freundlicher Satz.

Mein früherer Pflegevater war so ein Mensch. Durch Ihren ehemaligen Kollegen habe ich erfahren, dass Sie selbst auch nicht bei Ihren Eltern aufgewachsen sind. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mich überhaupt traue, Ihnen zu schreiben.

Da musste ich aufhören.

Ich war zwölf gewesen, als meine Eltern bei einem Unfall starben. Danach lebte ich in vier verschiedenen Haushalten.

Bei einer Familie durfte ich nicht denselben Kühlschrank benutzen. Bei einer anderen stand mein Koffer sechs Monate lang ungeöffnet unter dem Bett, weil ich überzeugt war, ohnehin bald wieder gehen zu müssen.

Über diese Jahre redete ich kaum. Hanne hatte davon gewusst. Meine Kinder kannten einzelne Geschichten.

Nun stand ein Mädchen vor mir, das seinen Rucksack festhielt, als müsse es jederzeit weiter.

Am Ende des Briefes standen nur noch wenige Zeilen.

Wenn Sie Nein sagen, werde ich Ihnen dafür keinen Vorwurf machen können und wollen.

Wenn Sie aber Ja sagen, bitte ich Sie um eines: Lassen Sie Alma ihren Papa behalten. Sie soll mich vermissen dürfen, ohne Angst haben zu müssen, Sie damit zu verletzen.

Danke für jedes Jahr, das ich mit ihr haben durfte.

Malte.

Ich faltete den Brief nicht wieder zusammen. Meine Hände wollten gerade nichts ordentlich machen.

„Weißt du, was drinsteht?“, fragte ich.

Alma nickte.

„Papa hat ihn mir vorgelesen. Er wollte erst mit Ihnen reden. Aber dann musste er wieder ins Krankenhaus.“

„Und er hat gesagt, du sollst mich suchen?“

„Wenn ihm etwas passiert.“

Sie sah mich direkt an.

„Er hat gesagt, Sie verstehen, wie das ist, wenn man nirgends mehr hingehört.“

Ich blickte auf ihre abgetragenen Schuhe.

„Ja“, sagte ich. „Das verstehe ich.“

Frau Neumann kam wenige Minuten später zu Fuß. Sie ging sofort vor Alma in die Hocke und legte ihr beide Hände auf die Schultern.

„Ich habe dich gesucht.“

„Es tut mir leid.“

„Wir reden nachher darüber. Erst bin ich froh, dass ich weiß, wo du bist.“

Dann sah sie mich an. Ich gab ihr den Brief nicht einfach, sondern fragte Alma, ob ich erzählen dürfe, was darin stand.

Sie nickte.

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