Ein neunjähriges Mädchen mit nur einem Bein fragte, ob das gefährlichste Pferd des Hofes sie eines Tages in den Himmel tragen könnte. Was der alte Pferdewirt daraufhin tat, ließ niemanden unberührt.
„Lena, bleib stehen! Fass die Tür nicht an!“
Hartmut Seidels Stimme überschlug sich. Der 64 Jahre alte Pferdewirt ließ den schweren Führstrick fallen und rannte durch den Stallgang.
Doch der Rollstuhl des kleinen Mädchens steckte bereits in einer tiefen Rille zwischen den alten Pflastersteinen fest.
Ihr abgewetzter Stoffbär war von ihrem Schoß gefallen. Er lag direkt vor der Box des gefährlichsten Pferdes auf dem ganzen Hof.
Und hinter dieser Tür stand Balthasar.
Ein riesiger schwarzer Wallach, fast 900 Kilogramm schwer, auf einem Auge blind und voller alter Narben.
Hartmut hatte ihn vor sechs Jahren aus schlechter Haltung übernommen. Damals war das Tier so verängstigt gewesen, dass es jeden Menschen angriff, der ihm zu nahe kam.
Balthasar hatte schon zwei erfahrene Pferdepfleger verletzt. Selbst der Tierarzt betrat seine Box nur, wenn Hartmut dabei war.
Und jetzt saß Lena direkt davor.
Neun Jahre alt. Das rechte Bein fehlte ihr seit einer schweren Operation. Seit Monaten kämpfte sie gegen einen bösartigen Knochentumor.
Vor wenigen Wochen hatten die Ärzte ihren Eltern mitgeteilt, dass keine Behandlung mehr helfen konnte.
Lenas größter Wunsch war gewesen, noch einmal einen richtigen Pferdehof zu besuchen.
Ihre Mutter hatte deshalb bei Hartmut angerufen.
Der alte Mann betrieb einen kleinen Gnadenhof am Rand eines Dorfes bei Celle. Dort nahm er Pferde auf, die niemand mehr haben wollte.
An diesem Tag sollte Lena eigentlich nur die ruhigen Ponys streicheln.
Doch dann hatte sie den schwarzen Riesen entdeckt.
„Mama, der sieht so traurig aus“, hatte sie gesagt.
Niemand hatte damit gerechnet, was wenige Minuten später geschehen würde.
Balthasar schlug mit einem Vorderhuf gegen den Boden. Seine Ohren lagen flach am Kopf. Er schnaubte so heftig, dass Lena zusammenzuckte.
„Lena! Hände weg!“, rief Hartmut.
Die Mutter des Mädchens stand einige Schritte entfernt. Sie hielt sich eine Hand vor den Mund.
Auch die beiden Pflegekräfte, die Lena begleiteten, wagten keinen Schritt.
Hartmut wusste, was passieren konnte, wenn Balthasar gegen die alte Holztür trat.
Er musste das Mädchen dort wegholen.
Sofort.
Doch plötzlich blieb der schwarze Wallach vollkommen still.
Sein gewaltiger Kopf senkte sich langsam.
Er streckte seine vernarbte Schnauze durch die Öffnung der Boxentür und beschnupperte den kleinen Stoffbären.
Dann schaute er Lena an.
Mit seinem einzigen gesunden Auge.
Das Mädchen hob vorsichtig die Hand.
„Hallo, du Großer“, flüsterte sie.
Hartmut blieb wie angewurzelt stehen.
Er hatte Balthasar noch nie so erlebt.
Der Wallach schob seinen Kopf ein Stück weiter nach vorne. Ganz langsam, als wollte er das zerbrechliche Mädchen nicht erschrecken.
Dann legte er seine weiche Nase auf Lenas Schoß.
Und schloss sein Auge.
Ein tiefer Atemzug ging durch seinen mächtigen Körper.
Lena lächelte.
„Du bist ja gar nicht böse“, sagte sie leise.
Ihre schmalen Finger berührten die breite weiße Narbe zwischen seinen Augen.
Balthasar bewegte sich nicht.
Im Gegenteil.
Er drückte seinen Kopf vorsichtig gegen ihre Hand.
Hartmut spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.
Sechs Jahre hatte er versucht, diesem Pferd beizubringen, dass Menschen nicht immer etwas Schlechtes bedeuteten.
Sechs Jahre voller Geduld, Rückschläge und kleiner Fortschritte.
Doch so viel Vertrauen hatte Balthasar noch nie gezeigt.
Nicht einmal ihm gegenüber.
Und nun lag der Kopf dieses riesigen, verängstigten Tieres auf dem Schoß eines todkranken Kindes.
„Herr Seidel?“, fragte Lena plötzlich.
Hartmut trat näher.
„Ja, mein Mädchen?“
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Natürlich.“
Lena strich weiter über die schwarze Mähne.
„Unsere Religionslehrerin hat gesagt, dass niemand genau weiß, ob Tiere auch in den Himmel kommen.“
Hartmut schluckte.
„Das weiß wahrscheinlich wirklich niemand ganz genau.“
Lena sah ihn ernst an.
„Aber was glauben Sie?“
Der alte Mann betrachtete den Wallach.
Er dachte an all die Jahre, in denen Balthasar nachts unruhig gewesen war. An die Angst in seinem gesunden Auge. An die vielen Stunden, die er neben seiner Box gesessen hatte.
„Ich glaube“, sagte Hartmut langsam, „dass ein Tier, das so viel fühlen kann, auch eine Seele haben muss.“
Lena nickte.
Eine Weile sagte sie nichts.
Dann kam eine Frage, auf die Hartmut nicht vorbereitet war.
„Herr Seidel, wissen Sie eigentlich, dass ich bald sterben werde?“
Hinter ihnen begann Lenas Mutter leise zu weinen.
Hartmut kniete sich neben den Rollstuhl.
„Ja, Lena. Deine Mama hat es mir erzählt.“
Das Mädchen sah auf die Stelle, an der früher ihr rechtes Bein gewesen war.
„Die Ärzte sagen, dass mein Körper nicht mehr gesund werden kann.“
Hartmut legte seine große, raue Hand auf die Armlehne.
„Das tut mir sehr leid.“
Lena zuckte mit den Schultern.
„Manchmal bin ich traurig. Aber meistens habe ich gar nicht so große Angst.“
Sie hielt inne.
„Nur vor einer Sache.“
„Vor welcher?“
Lena schaute ihn mit großen Augen an.
„Meine Oma sagt, im Himmel kann jeder wieder glücklich sein. Und alle können laufen und spielen.“
Hartmut nickte.
„Das sagt man.“
„Aber ich habe doch nur noch ein Bein.“
Ihre Stimme wurde plötzlich ganz dünn.
„Und wenn ich dort auch nicht richtig laufen kann?“
Hartmut antwortete nicht sofort.
„Was ist, wenn die anderen Kinder alle losrennen und ich nicht hinterherkomme?“
Eine Träne lief über ihre Wange.
„Was ist, wenn die Engel fliegen und ich ganz langsam bin?“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Ich möchte nicht wieder irgendwo sitzen und zuschauen müssen.“
Hartmut spürte einen Schmerz, den er nicht beschreiben konnte.
Er hatte sein Leben lang mit großen Tieren gearbeitet. Er war von Pferden abgeworfen worden, hatte Knochenbrüche überstanden und mehr als einmal um sein Leben gefürchtet.
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