Als Moritz nicht mehr wartete, begann mein Herz wieder leise zu leben

Neun Tage, nachdem ich die Vorhänge wieder aufgezogen hatte, klingelte es um 17.40 Uhr an der Haustür.

Genau zu der Uhrzeit, zu der Moritz sonst auf die Fensterbank gesprungen war.

Ich stand erst gar nicht auf. In meinem Alter entwickelt man eine gewisse Sturheit gegen unerwartete Geräusche. Außerdem kam um diese Uhrzeit normalerweise niemand zu mir.

Dann klingelte es ein zweites Mal.

Als ich die Tür öffnete, stand ein Mädchen vor mir. Vielleicht neun, höchstens zehn. Dünne Jacke, ein viel zu großer Schulranzen, nasse Haarspitzen vom Nieselregen.

In der Hand hielt sie etwas, das ich erst auf den zweiten Blick erkannte.

Moritz’ alte Stoffmaus.

Die graue mit dem abgekauten Filzohr, die seit Monaten verschwunden gewesen war.

„Entschuldigung“, sagte sie und sah nicht mich an, sondern irgendwo in die Mitte meines Pullovers. „Ich wollte sie nur zurückbringen.“

Ich brauchte einen Moment.

„Wo hast du die gefunden?“

„Unter unserer Hecke“, sagte sie. „Schon vor ein paar Tagen. Ich dachte erst, der Kater holt sie sich wieder.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Aber er sitzt ja nicht mehr am Fenster.“

Manche Sätze tun weh, gerade weil sie so sachlich sind.

Ich trat ein Stück zur Seite, mehr aus Gewohnheit als aus Höflichkeit. „Du hast ihn gekannt?“

Sie nickte. „Nicht richtig. Aber ich hab ihm immer gewunken, wenn ich aus dem Bus gestiegen bin.“

Jetzt sah sie mich zum ersten Mal direkt an.

„Er war immer schon da, bevor meine Mama heimkam.“

Ich musste mich am Türrahmen festhalten, obwohl ich mich nicht schwach fühlte. Eher überrascht. Dass Trauer so etwas kann. Dass sie einen selbst nach Tagen noch an Stellen trifft, von denen man nicht wusste, dass man sie hat.

„Wie heißt du?“, fragte ich.

„Nele.“

„Ich bin Paul.“

„Das weiß ich“, sagte sie. „Meine Mama hat gesagt, ich soll nicht stören. Aber die Maus gehört hierher.“

Ich nahm sie vorsichtig aus ihrer Hand.

Das Ding war kaum noch etwas wert. Ein bisschen Stoff, ein bisschen Faden, innen wahrscheinlich nur noch krümelige Watte. Aber plötzlich war sie schwer wie eine Erinnerung, die man zu lange liegen gelassen hat.

„Danke, Nele.“

Sie nickte nur und zog die Schultern hoch, weil es kälter geworden war.

Dann sagte sie, fast schon im Weggehen: „Das Fenster sieht leer aus, wenn keiner da sitzt.“

Und bevor ich etwas antworten konnte, lief sie über den Vorgarten zurück zur Straße.

Ich blieb mit der Stoffmaus in der Hand in der offenen Tür stehen, bis mir der Wind in die Schuhe zog.

Am nächsten Tag saß ich um 17.35 Uhr im Wohnzimmer.

Nicht bewusst. Zumindest redete ich mir das ein.

Ich hatte mir einen Tee gemacht, den ich kaum anrührte, und starrte auf die Straße, als hätte ich dort etwas zu suchen. Fünf Minuten später bog der kleine Bus um die Ecke. Er hielt unten an der Kreuzung.

Zwei Kinder stiegen aus.

Und Nele drehte sich im Gehen einmal zu meinem Haus um und hob kurz die Hand.

Ganz automatisch hob ich meine auch.

Es war nur eine kleine Bewegung hinter Glas. Keine große Geste. Kein Wunder. Kein Trost, der plötzlich alles an seinen Platz rückt.

Aber es war etwas, das in Bewegung blieb.

In den Tagen danach wurde daraus eine Art stilles Abkommen.

Sie stieg aus dem Bus. Ich saß am Fenster. Sie winkte. Ich winkte zurück.

Manchmal trug sie eine rote Mütze. Manchmal hatte sie die Jacke offen, obwohl es dafür zu kalt war. Einmal balancierte sie auf dem Bordstein, als wäre der Gehweg Lava. Ein anderes Mal schleifte sie einen Bastelbogen hinter sich her, der im Regen weich geworden war.

Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mensch durch so kleine Dinge wieder ins eigene Leben zurückfinden kann.

Aber vielleicht findet man gar nicht zurück.

Vielleicht lernt man nur, in einem veränderten Leben wieder anwesend zu sein.

Eine Woche später rief die Tierärztin an.

Ich erkannte ihre Stimme sofort. Freundlich, ruhig, mit dieser Vorsicht, die Menschen bekommen, wenn sie zu oft mit gebrochenen Herzen zu tun hatten.

„Herr Berger“, sagte sie, „ich hoffe, ich störe nicht.“

„Tun Sie nicht.“

Das stimmte nicht ganz. Mich störte inzwischen fast alles. Aber ihre Stimme nicht.

Sie räusperte sich leise.

„Ich wollte Sie eigentlich nicht mit so etwas belasten. Aber wir haben hier eine alte Katze. Vierzehn Jahre. Ihre Besitzerin ist vor einigen Tagen gestorben. Die Tochter kann sie nicht nehmen. Und für ein altes Tier findet sich meistens nicht so schnell jemand.“

Ich sagte erst nichts.

Ich wusste, was jetzt kam, noch bevor sie es aussprach.

„Ich musste an Sie denken“, sagte sie. „Nicht, weil man Tiere ersetzt. Das tut man nicht. Aber manchmal erkennen sich zwei Einsamkeiten.“

Ich lehnte mich an die Küchenanrichte und sah hinaus in den Garten. Der Baum, unter dem Moritz lag, war dunkel vom Regen.

„Wie heißt sie?“

„Minka.“

Natürlich hieß sie Minka.

Alte Katzen in Deutschland heißen entweder Moritz oder Minka. Dazwischen ist wenig Platz.

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

„Das ist in Ordnung“, sagte sie sofort. „Ich wollte nur fragen.“

„Ist sie krank?“

„Nein. Nur alt. Und still.“

Still war ein Wort, das ich inzwischen besser verstand, als mir lieb war.

„Ich denke darüber nach.“

„Mehr wollte ich gar nicht.“

Als ich aufgelegt hatte, blieb ich noch eine Weile in der Küche stehen. Dann ging ich ins Schlafzimmer und setzte mich auf die Truhe, über der Marlies’ Strickjacke wochenlang gelegen hatte.

Ich hatte sie noch nicht weggeräumt.

Daneben stand ihr Korb mit Wolle, zwei halbfertigen Socken und einem kleinen gefalteten Deckchen, das sie im letzten Winter gestrickt hatte. Nicht für uns. Einfach so. Für irgendwann, hatte sie gesagt.

Marlies war so ein Mensch gewesen. Sie machte Dinge auf Vorrat für Wärme, die noch gar keinen Namen hatte.

Ich nahm das Deckchen in die Hand.

Es war nicht besonders schön. Eine Masche zu locker, eine zu fest, an einer Ecke hatte sie sich verzählt. Aber genau deshalb war es eindeutig ihres.

Und ich hörte sie in meinem Kopf sagen, was sie immer gesagt hatte, wenn irgendwo von alten Tieren die Rede war.

„Die Jungen finden schon jemanden“, sagte sie dann. „Aber die Alten brauchen einen Platz, an dem keiner mehr was von ihnen verlangt.“

Ich setzte mich an diesem Abend nicht ans Fenster.

Ich saß im Dunkeln und dachte nach.

Zwei Tage später fuhr ich trotzdem zur Tierärztin.

Nur schauen, sagte ich mir. Man kann ja schauen, ohne etwas zu versprechen. Das ist eine der beliebtesten Lügen älterer Menschen. Gleich nach: Ich brauche nichts.

Minka saß in einem Raum hinten, nicht in einem Käfig, sondern in einem kleinen Gehege mit Decke, Wassernapf und einer Pappkiste, in die sie sich halb zurückgezogen hatte.

Sie war schildpattfarben. Dünn. Mit diesem Gesichtsausdruck, den sehr alte Katzen und sehr alte Menschen manchmal teilen: als hätten sie nicht mehr vor, irgendwem etwas vorzumachen.

Als ich mich hinhockte, hob sie den Kopf.

Nicht neugierig. Nicht freundlich. Eher prüfend.

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