In der Nacht, in der mein alter Kater endlich aufhörte, am Fenster nach vorn zu schauen, habe ich begriffen, dass er nicht auf meine Frau gewartet hatte.
Er hatte auf mich gewartet.
Zwölf Tage lang nach Marlies’ Tod sprang Moritz jeden Abend um 17.40 Uhr auf die breite Fensterbank vorne im Wohnzimmer. Genau zu der Zeit, zu der sonst ihr Auto in die Einfahrt bog. Er war nie ein anhänglicher Kater gewesen. Zuneigung verteilte er nur, wenn es ihm selbst passte.
Aber seit sie nicht mehr da war, saß er dort wie aus Stein. Die Pfoten ordentlich unter sich, den Schwanz fest darumgelegt, den Blick zur Straße. Als könnte Geduld einen Menschen zurückbringen.
Ich habe ihn nie runtergehoben.
Wahrscheinlich, weil ich selbst noch ein paar Tage lang so tun wollte, als wäre das alles ein Irrtum.
Nach der Beerdigung war das Haus so still, dass es mir unangenehm wurde. Keine friedliche Stille. Eher diese leere Art von Ruhe, bei der selbst die Küchenuhr unverschämt laut klingt. Die Art von Stille, in der ein alter Mann mitten im Wohnzimmer stehen bleibt und nicht mehr weiß, was er da eigentlich wollte.
Marlies war nie laut gewesen. Aber sie war überall. Sie summte beim Zusammenlegen der Wäsche. Sie sprach mit Moritz, als wäre er ein mürrischer Untermieter, der schon viel zu lange mietfrei bei uns wohnte. Sie hatte fast immer eine Decke über den Knien und irgendwo eine Tasse Tee stehen, die am Ende kalt wurde.
Jetzt lag die Decke sauber gefaltet über dem Sessel. Die Tassen standen wieder im Schrank. Und das Haus wirkte, als hätte es aufgehört, mit einem Lachen zu rechnen.
Moritz hat es schwerer genommen als ich.
Oder vielleicht war er einfach ehrlicher.
Er fraß zuerst schlechter. Dann gar nicht mehr richtig. Selbst wenn ich eine frische Dose aufmachte, hob er kaum noch den Kopf. Er lief langsam durchs Haus, in stillen Runden, strich mit der Wange am Bein von Marlies’ Sessel entlang, sprang auf ihre Bettseite, rollte sich auf ihrer Strickjacke zusammen, die immer noch über der Truhe im Schlafzimmer lag.
Nachts hörte ich ihn im Flur. Ein leises Tappen. Dann irgendwo ein dumpfer Sprung. Dann wieder Stille.
Ich wusste, wonach er suchte.
Er suchte sie.
Und wenn ich ehrlich bin, tat ich genau dasselbe.
Ich habe aufgehört, ordentlich zu kochen. Ich ließ Teller zu lange in der Spüle stehen. Die Post stapelte sich auf dem Küchentresen. Ich saß öfter im Dunkeln, als gut war.
Über Trauer reden die Leute meistens nur in den großen Bildern. Die Trauerfeier. Die Blumen. Die Aufläufe, die Nachbarn vorbeibringen. Aber kaum jemand spricht über das Danach. Über die Tage, wenn alle wieder in ihr eigenes Leben zurückgehen und man selbst in einem stillen Haus sitzt und sich fragt, wofür man morgens überhaupt noch aufstehen soll.
Moritz und ich waren plötzlich zwei einsame alte Wesen, die denselben Verlust bewachten.
Anderthalb Wochen nach Marlies’ Tod bin ich mit ihm zur Tierärztin gefahren. Sie hat ihn vorsichtig untersucht, Herz und Lunge abgehört, ins Maul geschaut, mit ruhigen Händen seinen schmalen Rücken abgetastet. Dann setzte sie sich auf ihren Hocker und sagte ganz leise:
„Körperlich finde ich nichts Großes.“
Ich hätte erleichtert sein müssen. War ich aber nicht. Eher im Gegenteil.
Sie sah Moritz an. Dann mich.
„Katzen trauern“, sagte sie. „Viel tiefer, als die meisten Menschen denken.“
Ich nickte, als wäre das etwas Neues für mich. Dabei hatte ich es längst gesehen. Daran, wie er die Haustür anstarrte. Wie er mit dem Gesicht in Marlies’ Pullover schlief. Wie er nicht mehr schnurrte, wenn ich ihn hochnahm.
Er war an derselben Stelle kaputt wie ich.
An dem Abend regnete es. Dünne Wasserstreifen liefen über die Fensterscheiben. Und zum ersten Mal sprang Moritz um 17.40 Uhr nicht auf die Fensterbank.
Ich fand ihn oben im Schlafzimmer, auf Marlies’ Seite des Betts. Er lag lang ausgestreckt auf der Tagesdecke, als wollte er einen Platz wärmen, der für immer kalt geworden war. Er atmete flach. Seine Flanken hoben sich kaum noch.
Ich setzte mich neben ihn und legte die Hand auf seinen Rücken. Sein Fell fühlte sich leichter an als früher, als hätte der Kummer uns beide dünner gemacht.
„Na, alter Junge“, sagte ich leise.
Er machte die Augen auf, hob aber den Kopf nicht.
Dann stemmte er sich nach einer Weile hoch.
Ich dachte, er wolle noch einmal zum Fenster. Noch einmal runter, noch einmal warten. Also stand ich auf und ging hinter ihm her, mit einem Herzklopfen, das ich in meinem Alter eigentlich nicht mehr brauchte.
Aber Moritz lief nicht zur Tür.
Er kam zu mir.
Er machte nur ein paar Schritte über das Bett, drückte seinen schmalen Körper an meinen Arm und ließ sich in meinen Schoß sinken. So wie seit Jahren nicht mehr.
Moritz hatte immer Marlies zuerst geliebt. Das wusste jeder. Ich war derjenige, der ihn fütterte, das Katzenklo sauber machte, die Rechnungen bezahlte. Aber sie war die, die er sich ausgesucht hatte.
Und ausgerechnet in dieser Nacht entschied er sich für mich.
Da habe ich endlich verstanden, was ich viel früher hätte sehen müssen.
Er hatte nicht am Fenster gesessen, weil er glaubte, Marlies würde zurückkommen.
Er hatte dort gesessen, weil er wusste, dass ich noch da war. Allein in diesem Haus. Und jeden stillen Tag ein bisschen mehr auseinanderfiel.
Ich nahm ihn vorsichtig hoch und drückte ihn an meine Brust.
„Ich weiß“, sagte ich. Meine Stimme zitterte. „Ich weiß, dass du sie vermisst.“
Sein Ohr zuckte an meinem Kinn.
„Ich vermisse sie auch.“
Das war der erste wirklich ehrliche Satz, den ich seit dem Tag ihrer Beerdigung laut gesagt hatte.
Vor dem Fenster trommelte der Regen. Irgendwo im Haus sprang die Heizung an. Ich strich ihm zwischen den Ohren über den Kopf, so wie Marlies es immer gemacht hatte.
„Du musst nicht mehr auf mich aufpassen“, flüsterte ich. „Ich werde zurechtkommen. Nicht sofort. Und sicher nicht schön. Aber irgendwie werde ich es schaffen.“ Ich schluckte. „Geh zu deinem Frauchen.“
Da wurde er ganz ruhig in meinen Armen.
Ein paar Atemzüge später war er tot.
Am nächsten Morgen habe ich Moritz unter dem alten Baum im Garten begraben. Ganz in der Nähe von der Stelle, an der Marlies im Frühjahr oft mit ihrem Tee und einem Taschenbuch gesessen hatte. Der Boden war hart. Der Morgen auch.
Ich blieb noch lange dort stehen, obwohl alles längst vorbei war. Mit Erde an den Schuhen und Tränen im Gesicht, die ich nicht mehr wegwischte.
Und dann kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Kein Trost, der alles besser macht. Eher etwas Kleines. Leises. Aber Echtes.
Ich war dankbar, dass ich derjenige war, der übrig geblieben ist.
Marlies musste nicht mitansehen, wie Moritz starb. Moritz musste nicht erleben, wie ich ohne sie in diesem leeren Haus alt werde. Der Schmerz war dort gelandet, wo er am wenigsten Schaden anrichten konnte. Bei dem, der noch da war.
Vielleicht ist das am Ende auch eine Form von Liebe.
Nicht, dass man vom Verlust verschont bleibt.
Sondern dass man ihn für die trägt, die man am meisten geliebt hat.
Als ich wieder ins Haus ging, zog ich die Vorhänge auf und ließ den Morgen herein.
Nicht weil ich geheilt war.
Sondern weil die beiden mir genug vertraut hatten, um zu gehen.
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