Ich streckte die Hand nicht aus. Ich hatte von Moritz gelernt, dass man Zuneigung nicht erzwingt. Schon gar nicht bei Wesen, die gerade etwas verloren haben.
„Na“, sagte ich nur.
Sie blinzelte langsam.
Das war alles.
Und trotzdem saß ich länger dort, als ich vorgehabt hatte.
Als ich nach Hause kam, war es kurz nach fünf. Ich stellte den Wagen ab, ging ins Wohnzimmer und blieb wie angewurzelt stehen.
Auf der Fensterbank lag ein Blatt Papier.
Von außen mit einem Steinchen beschwert.
Ich öffnete das Fenster und zog es herein. Es war kariertes Schulheftpapier, sauber herausgerissen und mit Filzstift beschrieben.
In krakeligen Buchstaben stand dort:
LIEBER HERR BERGER
MEINE MAMA SAGT MAN KANN NICHTS WIEDER GUT MACHEN
ABER MAN KANN WIEDER WAS GUTES ANFANGEN
WENN SIE WOLLEN KÖNNEN SIE MIR TÄGLICH ZURÜCKWINKEN
ICH BIN UM 17.40 DA
NELE
Unten hatte sie eine Katze gemalt.
Sehr viereckig, mit viel zu langen Schnurrhaaren.
Ich lachte. Zum ersten Mal nicht aus Höflichkeit, nicht weil es sich so gehört, sondern wirklich.
Es war nur ein kurzes Lachen. Ein rostiges Geräusch. Aber es war meines.
Um 17.40 Uhr saß ich am Fenster.
Nele hob beide Arme, als hätte sie einen Punkt gemacht.
Am nächsten Tag rief ich bei der Tierärztin an.
„Wenn sie noch da ist“, sagte ich, „würde ich Minka gern mitnehmen.“
Am anderen Ende wurde es für einen Moment still.
Dann hörte ich ein hörbares Lächeln.
„Sie ist noch da.“
Ich holte sie am Nachmittag.
Die Tierärztin gab mir Futter, ein paar Hinweise und diesen Blick, den Menschen haben, wenn sie sich für einen freuen, ohne zu übertreiben.
„Lassen Sie ihr Zeit“, sagte sie.
„Ich habe nicht mehr viel anderes vor“, antwortete ich.
Zu Hause stellte ich den Korb im Wohnzimmer ab, direkt neben Marlies’ Sessel. Nicht auf ihren Platz. Nur in die Nähe von Wärme.
Minka kam nicht heraus.
Nicht am ersten Abend. Nicht in der ersten Nacht. Eigentlich auch nicht am nächsten Morgen.
Man hörte nur gelegentlich ein Rascheln. Dann wieder nichts.
Ich redete trotzdem mit ihr.
Nicht viel. Keine albernen Stimmen. Einfach normale Sätze, wie man sie in einem Haus sagt, in dem man nicht mehr ganz allein sein will.
„Ich mache jetzt Kaffee.“
„Die Heizung klopft schon wieder.“
„Der Regen hört später auf, sagen meine Knochen.“
Am dritten Tag fand ich sie unter dem Küchentisch.
Sie sah aus, als hätte sie dort nie anders gelegen.
Als ich an ihr vorbeiging, zog sie nicht den Kopf ein. Das war für eine Katze wie sie wahrscheinlich schon so etwas wie Vertrauen.
„Na also“, sagte ich.
Sie antwortete nicht. Aber sie blieb.
Nele war natürlich die Erste, die wissen wollte, ob es eine neue Katze gab.
Sie stand eines Nachmittags am Gartenzaun, die Finger durch das Metall gesteckt, und rief vorsichtig: „Herr Berger?“
Ich ging hinaus.
„Ist sie wirklich da?“
„Ja.“
„Kann ich sie mal sehen?“
„Im Moment sieht man vor allem das Sofa von unten.“
Nele nickte ernst, als wäre das eine völlig vernünftige Auskunft.
„Ist sie nett?“
„Ich glaube, sie ist müde.“
„Meine Mama ist auch oft nett und müde gleichzeitig“, sagte sie.
Ich musste wieder lachen.
Von da an blieb sie manchmal zwei Minuten länger am Zaun stehen. Nicht viel. Nur ein paar Sätze zwischen ihrem Heimweg und meinem Abend.
Sie erzählte mir, dass sie Mathe nicht mochte, aber Diktate gut konnte. Dass ihre Mama im Pflegeheim arbeitete und deshalb oft später kam. Dass sie früher einen Hamster gehabt hatte, der Frieda hieß und nur sieben Monate alt geworden war, aber trotzdem richtig fehlte.
Kinder rechnen Verluste nicht nach Größe. Nur nach Nähe.
Ich mochte das.
Minka brauchte elf Tage bis zur Fensterbank.
Es war ein grauer Nachmittag. Einer von diesen Tagen, an denen der Himmel aussieht, als hätte er keine richtige Meinung zum Wetter. Ich war gerade dabei, den Tisch abzuräumen, als ich ein leises Geräusch hörte.
Nicht viel.
Nur das sanfte Kratzen von Krallen auf Holz.
Als ich ins Wohnzimmer kam, saß sie da.
Vorne am Fenster. Pfoten ordentlich unter sich. Schwanz um den Körper gelegt.
Fast an derselben Stelle wie Moritz.
Ich blieb stehen. Nicht aus Schmerz. Eher aus Ehrfurcht.
Minka sah nicht zur Einfahrt wie er. Sie sah schräg hinaus zur Straße, dorthin, wo unten der Bus anhielt.
Um 17.40 Uhr bog Nele um die Ecke.
Sie sah hoch, blieb mitten auf dem Gehweg stehen und presste beide Hände auf den Mund. Dann winkte sie so wild, dass ihr fast der Ranzen von der Schulter rutschte.
Und Minka, die alte, stille Katze, hob nicht einmal den Kopf.
Aber sie blieb sitzen.
Es war genug.
An diesem Abend machte ich mir zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas Richtiges zu essen. Keine Schnitte über der Spüle. Kein Joghurt aus dem Becher. Ich schälte Kartoffeln, briet mir ein Ei und deckte den Tisch, als wäre das keine große Sache.
Dabei war es genau das.
Später setzte ich mich mit einer Tasse Tee in den Garten.
Unter den alten Baum.
Die Erde dort war wieder glatt. Der Winter zog sich langsam zurück, und im Beet neben der Bank kamen die ersten Spitzen aus der Erde. Noch klein. Noch unsicher. Aber da.
Minka saß in der offenen Terrassentür und tat so, als würde sie mich nur zufällig im Blick behalten.
Ich dachte an Marlies. An ihre kalten Tassen. An ihr Summen. An Moritz auf der Fensterbank. Daran, wie beides weg war und trotzdem nicht verschwunden.
Trauer geht nicht fort, nur weil wieder etwas Gutes beginnt.
Aber sie sitzt irgendwann nicht mehr auf jedem Stuhl im Haus.
Manchmal zieht sie sich an Orte zurück, an denen man sie besser aushält. In einen Garten. In eine Uhrzeit. In ein Tier, das still neben einem atmet.
Als ich wieder hineinging, blieb ich im Wohnzimmer stehen.
Minka war zurück auf der Fensterbank.
Draußen auf der anderen Straßenseite hob Nele, schon halb an der Hand ihrer Mutter, noch einmal kurz die freie Hand. Ich winkte zurück.
Dann sah ihre Mutter zu mir herüber und nickte.
So ein kleines, müdes, verständiges Nicken unter Leuten, die wissen, dass das Leben nicht fragt, ob man bereit ist.
Ich nickte auch.
Und in diesem Moment sah das Fenster nicht mehr leer aus.
Nicht, weil alles wieder so war wie früher.
Sondern weil es das nicht sein musste.
Marlies war fort. Moritz auch.
Und trotzdem war da wieder jemand, der blieb. Jemand, der atmete. Jemand, der nachmittags am Fenster saß. Jemand, dem ich Wasser hinstellte, Futter gab und leise gute Nacht sagte.
Vielleicht ist Hoffnung in unserem Alter nichts Großes mehr.
Vielleicht kommt sie nicht mit Trompeten und Versprechen.
Vielleicht kommt sie als altes Tier mit stumpfem Fell.
Oder als Mädchen mit nassen Haaren und einer zurückgebrachten Stoffmaus.
Oder einfach als die Erkenntnis, dass ein Haus nicht aufhört, ein Zuhause zu sein, nur weil diejenigen fehlen, die es dazu gemacht haben.
Man muss manchmal nur wieder die Vorhänge aufziehen.
Und jemanden hineinlassen.






