Ich wollte den Karton hinter dem Waschsalon stehen lassen, bis ich den Zettel eines kleinen Mädchens las und begriff, warum ihre Katze dort auf den Tod wartete.
„Ach, verdammt. Nicht auch noch das.“
Ich hatte gerade die Hintertür des Waschsalons abgeschlossen, als ich den Karton neben den Mülltonnen bemerkte.
Zuerst dachte ich, jemand hätte wieder seinen alten Kram dort abgestellt. Das kam ständig vor. Kaputte Schuhe, zerrissene Bettwäsche, manchmal sogar ganze Säcke voller Kleidung.
Ich wollte einfach weitergehen.
Es war kurz vor elf Uhr abends. Meine Knie schmerzten, der Rücken machte Probleme, und nach zehn Stunden zwischen Waschmaschinen, Trocknern und ungeduldigen Kunden wollte ich nur noch nach Hause.
Doch dann bewegte sich etwas in dem Karton.
Ich blieb stehen.
Zwischen zwei zusammengefalteten Pappdeckeln schaute mich ein kleines Gesicht an. Zwei grünliche Augen, eine rosa Nase und ein Fell, das aussah, als hätte jemand weiße, schwarze und rotbraune Farbflecken wahllos darauf verteilt.
Eine Katze.
Viel zu dünn. Viel zu still.
Sie lag zusammengerollt in einem rosa Kinderpullover. Ihr Körper zitterte leicht.
„Na, wo kommst du denn her?“, murmelte ich.
Die Katze hob den Kopf, gab aber keinen Laut von sich.
Dann sah ich den Zettel.
Ein Stück kariertes Schulheftpapier war mit Klebeband an der Außenseite befestigt. Die Buchstaben waren groß, krumm und an manchen Stellen verwischt.
Ich musste meine Lesebrille aus der Jackentasche holen.
Darauf stand:
„Bitte lassen Sie meine Katze heute Nacht nicht erfrieren. Sie heißt Lotti. Sie ist ganz lieb und macht nichts kaputt. Sie ist das Letzte, was ich noch habe, das sich wie Zuhause anfühlt.“
Darunter war ein kleines Herz gemalt.
Ich las die Zeilen zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Irgendwo hinter mir brummte die Lüftungsanlage des Waschsalons. Ein Auto fuhr über das Kopfsteinpflaster. Ansonsten war es still.
Ich bin 67 Jahre alt. Mein Name ist Heinrich Weber, und ich lebe in einer kleinen Stadt in Niedersachsen.
Seit meine Frau Marianne vor vier Jahren gestorben ist, halte ich mein Leben möglichst einfach.
Morgens aufstehen. Arbeiten. Abends ein belegtes Brot essen. Ein bisschen fernsehen. Schlafen.
Keine Überraschungen. Keine großen Gefühle. Keine Menschen, die etwas von mir erwarten.
So kommt man irgendwie durch die Tage.
Trotzdem stand ich plötzlich mitten in dieser kalten Gasse und konnte den Blick nicht von dem Zettel lösen.
„Nur für eine Nacht“, sagte ich schließlich.
Die Katze schaute mich an.
„Hörst du? Eine einzige Nacht. Morgen kümmern wir uns um den Rest.“
Ich nahm meinen Schal ab, wickelte ihn um das kleine Tier und hob es vorsichtig aus dem Karton.
Sie wehrte sich nicht.
Im Gegenteil.
Sie drückte ihren Kopf gegen meine Brust, als hätte sie genau darauf gewartet.
Als ich den Karton zusammenfalten wollte, bemerkte ich etwas unter dem rosa Pullover.
Ein Bild.
Mit Buntstiften auf die Rückseite eines alten Arbeitsblattes gemalt.
Es zeigte ein braunes Gebäude mit vielen Fenstern. Davor stand ein Getränkeautomat. In einem Fenster saß eine dreifarbige Katze.
Über der Tür stand in großen roten Buchstaben:
„ZIMMER 12“.
Ich kannte das Gebäude.
Jeder in unserer Kleinstadt kannte es.
Früher war es eine einfache Pension gewesen, in der Monteure und Durchreisende übernachteten. Seit einigen Jahren wohnten dort auch Familien, die kurzfristig keine andere Unterkunft fanden.
Menschen, die ihre Wohnung verloren hatten.
Menschen, deren Geld nicht mehr reichte.
Menschen, bei denen ein einziger schlechter Monat genügt hatte, um alles durcheinanderzubringen.
Ich steckte die Zeichnung in meine Jackentasche.
Dann trug ich Lotti zu meinem alten Wagen.
Während der Heimfahrt saß sie auf dem Beifahrersitz, eingewickelt in meinen Schal.
Sie miaute kein einziges Mal.
Nur einmal streckte sie ihre Pfote aus und legte sie auf meinen Unterarm.
Ich weiß nicht, warum mich gerade das so traf.
Vielleicht, weil mich seit Jahren niemand mehr so selbstverständlich berührt hatte.
Meine Wohnung liegt im zweiten Stock eines alten Mehrfamilienhauses.
Zwei Zimmer, eine kleine Küche und ein Balkon, auf dem seit Mariannes Tod kaum noch Blumen stehen.
Früher war hier immer etwas los gewesen.
Marianne hatte beim Kochen gesungen. Sie telefonierte mit ihrer Schwester, während sie die Wäsche zusammenlegte. Und wenn ich abends nach Hause kam, fragte sie grundsätzlich, ob ich meine Schuhe ordentlich abgetreten hätte.
Heute fragt das niemand mehr.
Ich setzte Lotti auf den Küchenboden.
„Willkommen im Schloss“, sagte ich.
Sie schnupperte an meinen Hausschuhen, ging vorsichtig durch den Flur und verschwand unter dem Sofa.
Ich stellte ihr Wasser in einer Müslischale hin.
Dann suchte ich in den Küchenschränken nach etwas Fressbarem für sie. Zum Glück hatte ich noch eine kleine Dose Katzenfutter, die mir meine Nachbarin vor einiger Zeit für einen zugelaufenen Kater gegeben hatte.
Ich hatte sie nie gebraucht.
Bis jetzt.
Lotti fraß langsam, aber mit sichtbarem Hunger.
Danach putzte sie sich gründlich das Gesicht und sprang mit erstaunlicher Leichtigkeit auf mein Sofa.
„Aha“, murmelte ich. „Du hast dich also schon eingerichtet.“
Sie antwortete mit einem leisen Schnurren.
Gegen Mitternacht legte ich eine alte Wolldecke neben die Heizung.
Lotti schaute kurz darauf, drehte sich um und folgte mir ins Schlafzimmer.
„Nein, junge Dame. Das Bett gehört mir.“
Sie sprang trotzdem hinauf.
Ich wollte sie wieder herunterheben.
Doch dann sah ich, wie sie sich auf Mariannes alter Bettseite zusammenrollte.
Auf genau der Stelle, die seit vier Jahren leer geblieben war.
Ich ließ sie liegen.
Gegen zwei Uhr morgens wurde ich wach.
Lotti lag dicht an meinem Bein. Ihr kleiner Körper war warm, und sie schnurrte im Schlaf.
Ich blieb lange wach und starrte an die Decke.
Am nächsten Morgen musste ich immer wieder an das Bild aus dem Karton denken.
Zimmer 12.
Ein Kind hatte seine Katze dort gezeichnet.
Und irgendein Kind hatte am Abend zuvor entschieden, dass ein fremder Mann hinter einem Waschsalon vielleicht freundlicher sein könnte als die Welt, in der es gerade lebte.
Dieser Gedanke ließ mich nicht los.
Nach meiner Mittagsschicht fuhr ich zur alten Pension.
Der Parkplatz war voller älterer Autos. Vor dem Eingang standen ein paar Kinderfahrräder. Hinter einem Fenster hing ein Handtuch statt einer Gardine.
Vor Zimmer 12 saß ein Mädchen auf dem Bordstein.
Neben ihr lag ein dunkelblauer Schulrucksack.
Sie trug eine viel zu große Winterjacke und Turnschuhe, deren weiße Sohlen sich an den Spitzen bereits lösten.
Vielleicht elf Jahre alt.
Vielleicht zwölf.
Ihr blondes Haar war zu einem schiefen Zopf gebunden. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.
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