Ein einsamer Rentner nahm einen alten, vergessenen Kater auf, doch was dann geschah, veränderte sein Leben für immer

Drei Stunden nachdem ich den alten, abgemagerten Kater aus dem Tierheim geholt hatte, schlief er an meinem Bein ein, und plötzlich begriff ich, wie lange er allein ums Überleben gekämpft haben musste.

„Na komm, mein Alter. Hier tut dir niemand mehr etwas.“

Ich saß auf dem Wohnzimmerboden und starrte auf die geöffnete Transportbox. Darin hockte ein grauer Kater, der mich mit seinen müden, bernsteinfarbenen Augen ansah.

Er bewegte sich nicht.

Seit fast zwanzig Minuten saß er dort. Die Tür stand offen, sein Futternapf war gefüllt, und die Wohnung war angenehm warm.

Trotzdem traute er sich nicht heraus.

Ich streckte vorsichtig meine Hand aus. Sofort zuckte er zusammen und drückte seinen dünnen Körper noch tiefer in die hinterste Ecke.

Da zog ich meine Hand zurück.

„Schon gut“, flüsterte ich. „Du bestimmst, wann du rauskommst.“

An diesem Donnerstagabend war ich plötzlich nicht mehr sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Vielleicht war ich zu alt, um noch einmal ein Tier aufzunehmen. Vielleicht war dieser Kater schon zu lange auf sich allein gestellt gewesen, um einem Menschen wieder vertrauen zu können.

Und vielleicht hatte ich mir einfach zu viel vorgenommen.

Ich heiße Günther, bin 72 Jahre alt und wohne allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Kassel.

Seit meine Frau Helga vor vier Jahren gestorben ist, besteht mein Alltag aus ziemlich wenig.

Morgens Kaffee trinken. Zum Bäcker gehen. Manchmal mit dem Nachbarn reden. Einkaufen, kochen, fernsehen und abends wieder ins Bett.

Es ist kein schlechtes Leben.

Aber ein stilles.

Manchmal vergehen ganze Tage, an denen ich kaum zehn Sätze laut ausspreche.

Meine Tochter Andrea wohnt mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover. Wir telefonieren sonntags, und an Geburtstagen besucht sie mich.

Sie hat ihre Arbeit, ihren Mann und zwei Kinder. Ich verstehe das.

Trotzdem gibt es Abende, an denen die Stille in meiner Wohnung so schwer wird, dass ich den Fernseher einschalte, obwohl mich das Programm überhaupt nicht interessiert.

Nur damit eine Stimme da ist.

Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum ich zwei Tage zuvor bei der örtlichen Tierhilfe angerufen hatte.

Dort hatte ich ein Foto gesehen.

Ein alter grauer Kater. Zerzaustes Fell, ein eingerissenes Ohr und ein Gesicht, das aussah, als hätte es viel zu viel erlebt.

Unter dem Bild stand:

„Felix, geschätzt 14 Jahre. Gefunden als Streuner. Ruhiges Zuhause gesucht. Braucht Zeit und Geduld.“

Ich weiß nicht, was mich an diesem Foto so berührt hat.

Vielleicht seine Augen.

Vielleicht die Tatsache, dass niemand wusste, woher er kam.

Oder vielleicht sah ich in ihm etwas, das ich von mir selbst kannte.

Am Telefon hatte mich eine freundliche Frau gefragt, ob mir bewusst sei, dass ältere Katzen manchmal gesundheitliche Probleme hätten.

„Natürlich“, antwortete ich.

„Und dass Felix möglicherweise lange braucht, um Vertrauen aufzubauen?“

„Ich habe Zeit.“

Sie schwieg einen Augenblick.

Dann sagte sie: „Das hören wir leider nicht besonders oft.“

Zwei Tage später fuhr ich zu der kleinen Auffangstation.

Die Mitarbeiterin hieß Petra und war ungefähr Mitte fünfzig. Sie führte mich in einen ruhigen Raum, in dem mehrere Transportboxen standen.

„Felix ist ein besonderer Fall“, erklärte sie.

„Was meinen Sie?“

Sie öffnete vorsichtig die Tür eines kleinen Katzenzimmers.

In einer Ecke lag der graue Kater auf einer Decke.

Er hob den Kopf, als wir hereinkamen, blieb aber liegen.

„Er wurde hinter einer Wohnanlage gefunden“, sagte Petra. „Eine ältere Dame hatte beobachtet, dass er immer wieder bei den Müllcontainern nach Futter gesucht hat.“

Ich ging langsam in die Hocke.

Aus der Nähe sah Felix noch schlechter aus als auf dem Foto.

Seine Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab. An der linken Ohrspitze fehlte ein kleines Stück. Sein graues Fell war stumpf und an einigen Stellen verfilzt.

Über seiner Nase verlief eine feine, alte Narbe.

„War er lange draußen?“, fragte ich.

Petra schüttelte den Kopf.

„Das wissen wir nicht.“

„Wo hat er geschlafen?“

„Vermutlich unter Autos, in Hauseingängen oder irgendwo, wo er ein bisschen Schutz gefunden hat.“

„Und sein Besitzer?“

„Niemand hat sich gemeldet. Er trägt keinen Chip, und wir konnten keine Vermisstenmeldung finden.“

Ich betrachtete den Kater.

Vierzehn Jahre alt.

Vielleicht hatte er einmal auf dem Schoß eines Menschen gelegen. Vielleicht hatte jemand seinen Namen gerufen und ihm abends ein Schälchen Futter hingestellt.

Vielleicht hatte er sogar ein richtiges Zuhause gehabt.

Und irgendwann war alles verschwunden.

„Wie lange war er allein?“, fragte ich noch einmal.

Petra sah mich traurig an.

„Herr Weber, das kann uns leider niemand sagen.“

Diese Antwort begleitete mich auf der gesamten Heimfahrt.

Niemand wusste es.

Niemand wusste, wie viele Nächte er draußen verbracht hatte.

Wie oft er hungrig gewesen war.

Wie viele Menschen an ihm vorbeigegangen waren, ohne ihn überhaupt wahrzunehmen.

Vielleicht hatte er irgendwann aufgehört, auf Hilfe zu hoffen.

An einer roten Ampel blickte ich auf die Transportbox auf dem Beifahrersitz.

Felix saß reglos darin.

„Wir zwei versuchen das jetzt einfach“, sagte ich.

Natürlich antwortete er nicht.

Aber zum ersten Mal seit Langem fühlte es sich nicht seltsam an, in meinem Auto laut zu sprechen.

Zu Hause hatte ich alles vorbereitet.

In der Küche standen zwei Näpfe. Neben der Heizung lag eine weiche Decke, die früher unserem Dackel gehört hatte.

Auch eine Katzentoilette und ein kleiner Kratzbaum waren da.

Meine Wohnung war nichts Besonderes.

Das Sofa hatte durchgesessene Polster. Der Wohnzimmertisch war an einer Ecke abgeschlagen, und die alte Stehlampe flackerte manchmal, bevor sie richtig anging.

Aber die Heizung funktionierte.

Der Kühlschrank war voll.

Und niemand würde Felix hier verjagen.

Ich stellte die Transportbox mitten ins Wohnzimmer und öffnete sie.

Dann setzte ich mich mit etwas Abstand auf den Boden.

„Du musst mir nichts beweisen“, sagte ich leise. „Ich bin auch nicht mehr der Schnellste.“

Die erste halbe Stunde passierte fast nichts.

Felix saß in seiner Box und beobachtete mich.

Wenn im Treppenhaus jemand eine Tür schloss, zuckte er zusammen.

Als draußen ein Auto startete, duckte er sich so tief, dass ich nur noch seine Augen sehen konnte.

Ich blieb sitzen.

Irgendwann begann mein Rücken zu schmerzen.

Mit 72 ist der Fußboden kein besonders gemütlicher Aufenthaltsort mehr.

Aber ich wollte nicht aufstehen und ihn erschrecken.

Schließlich bewegte sich etwas.

Zuerst erschien eine graue Pfote.

Dann seine Nase.

Felix streckte vorsichtig den Kopf aus der Box und schnupperte.

Er machte einen Schritt.

Blieb stehen.

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