Und jetzt lag dieser alte Kater neben mir und schlief so fest, als hätte sein Körper beschlossen, dass er für heute genug durchgemacht hatte.
Ich weiß nicht, wie lange Felix draußen gelebt hatte.
Aber als ich ihn so betrachtete, fragte ich mich, wann er wohl das letzte Mal wirklich tief geschlafen hatte.
Ohne auf vorbeifahrende Autos zu achten.
Ohne zu fürchten, verscheucht zu werden.
Ohne nach einem trockenen Platz suchen zu müssen.
Vielleicht war es Wochen her.
Vielleicht Monate.
Vielleicht sogar Jahre.
Dieser Gedanke tat weh.
Ich stellte mir vor, wie er nachts unter einem geparkten Wagen lag.
Wie Regenwasser über den Asphalt lief.
Wie er sich hinter Müllcontainern zusammenrollte und darauf hoffte, dass niemand ihn störte.
Ich stellte mir vor, wie er hungrig durch einen Hinterhof schlich, während hinter den erleuchteten Fenstern Menschen zu Abend aßen.
Natürlich wusste ich nicht, ob seine Nächte wirklich so gewesen waren.
Aber ich wusste, dass er draußen gefunden worden war.
Dass niemand nach ihm gefragt hatte.
Und dass er jetzt endlich einen warmen Platz hatte.
Mein Bein begann einzuschlafen.
Erst kribbelte der Fuß.
Dann wurde mein Knie steif.
Normalerweise hätte ich mich sofort anders hingesetzt.
Doch ich bewegte mich nicht.
Ich wollte diesen alten Kater auf keinen Fall wecken.
„Bleib nur liegen“, murmelte ich.
Und so saß ich da.
Ein alter Mann auf einem abgenutzten Sofa.
Ein alter Kater an seinem Bein.
Die Stehlampe warf warmes, gelbes Licht an die Wand.
Der Tee auf dem Tisch wurde kalt.
Der Fernseher lief weiter, ohne dass ich wusste, was gezeigt wurde.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit störte mich das Schweigen nicht.
Ich sah mich in meinem Wohnzimmer um.
Vier Jahre lang hatte ich versucht, alles so zu lassen, wie Helga es gekannt hatte.
Ihre kleine Porzellanfigur stand noch auf dem Regal.
Neben dem Fenster hing das Bild von unserem letzten Urlaub im Harz.
Im Schrank lagen zwei ihrer Strickjacken, weil ich es nie übers Herz gebracht hatte, sie wegzugeben.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine Wohnung langsam zu einem Ort voller Erinnerungen wurde, in dem kein neues Leben mehr stattfand.
Ich hatte mich daran gewöhnt.
Oder zumindest hatte ich mir das eingeredet.
Früher war unsere Wohnung voller Geräusche gewesen.
Helga hatte beim Kochen vor sich hin gesummt.
Unser alter Dackel hatte über den Laminatboden getrippelt.
Abends hatten wir uns darüber gestritten, welche Sendung wir anschauen wollten.
Kleine, alltägliche Dinge.
Damals hatte ich sie kaum bemerkt.
Heute hätte ich viel dafür gegeben, sie noch einmal zu erleben.
Als Helga starb, hatte ich nicht nur meine Frau verloren.
Mit ihr verschwanden auch die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten unseres gemeinsamen Lebens.
Niemand fragte mehr, ob ich schon gegessen hatte.
Niemand schimpfte, wenn ich meine Schuhe mitten im Flur stehen ließ.
Niemand saß abends neben mir und erzählte von seinem Tag.
Und irgendwann hörte ich selbst auf, viel zu erzählen.
Wem auch?
Ich hatte nie gedacht, dass mich ein alter Kater daran erinnern könnte, wie schön es ist, wenn ein anderes Lebewesen einfach da ist.
Aber genau das geschah.
Felix schlief.
Ich saß neben ihm.
Und plötzlich fühlte sich die Wohnung nicht mehr leer an.
Eine halbe Stunde später vibrierte mein Telefon auf dem Tisch.
Andrea hatte geschrieben.
„Papa, ist der Kater gut angekommen?“
Ich nahm das Handy vorsichtig in die Hand und machte ein Foto.
Darauf sah man nicht besonders viel.
Ein Stück meiner grauen Hose, Felix‘ zerzaustes Fell und seinen kleinen Kopf, der schwer an meinem Bein lag.
Ich schickte das Bild ab.
Dazu schrieb ich:
„Ja. Er schläft schon neben mir.“
Wenig später kam ihre Antwort.
„Ach Papa. Der hat sich ja direkt seinen Menschen ausgesucht.“
Ich musste lächeln.
Dann schrieb sie:
„Wie geht es dir damit?“
Ich starrte eine Weile auf diese Frage.
Wie ging es mir?
Ich hätte schreiben können, dass alles gut war.
Dass Felix gefressen hatte.
Dass ich am nächsten Tag einen Termin beim Tierarzt vereinbaren wollte.
Aber darum ging es nicht.
Schließlich tippte ich:
„Ich glaube, mir geht es heute Abend besser als schon lange nicht mehr.“
Andrea antwortete nicht sofort.
Dann erschien eine neue Nachricht.
„Das freut mich so sehr, Papa.“
Dahinter stand ein kleines Herz.
Ich legte das Handy weg.
Felix schlief immer noch.
Und mir liefen wieder Tränen über die Wangen.
Nicht vor Traurigkeit.
Jedenfalls nicht nur.
Es war dieses seltsame Gefühl, gleichzeitig etwas Verlorenes zu vermissen und etwas Neues gefunden zu haben.
Irgendwann wurde mein Bein so taub, dass ich mich vorsichtig bewegen musste.
Felix hob den Kopf.
Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen.
„Entschuldige, mein Alter.“
Er blinzelte mich verschlafen an.
Dann geschah etwas, das mich beinahe laut lachen ließ.
Er schob seinen Kopf gegen meine Hand.
Nur ein kleiner, müder Stupser.
Aber eindeutig.
Ich streichelte ihn vorsichtig hinter dem Ohr.
Sein Fell war struppig, die Haut darunter dünn.
Nach einigen Sekunden begann er zu schnurren.
Ganz leise zuerst.
Fast unhörbar.
Dann etwas kräftiger.
Dieses Geräusch erfüllte mich mit einer Wärme, die ich lange nicht mehr gespürt hatte.
Ich hatte vergessen, wie beruhigend das Schnurren einer Katze sein kann.
„Na, Felix“, sagte ich, „du bist vielleicht einer.“
Er drückte den Kopf noch einmal gegen meine Finger.
Danach legte er sich wieder hin.
Diesmal noch dichter an mich.
Ich hätte schwören können, dass er bereits wusste, dass ich ihm nichts Böses wollte.
Aber vielleicht hoffte ich das einfach.
Vertrauen entsteht nicht immer in einem einzigen Abend.
Und ich wusste, dass Felix noch viele schlechte Tage haben konnte.
Vielleicht würde er sich morgen wieder verstecken.
Vielleicht würde er bei jedem lauten Geräusch erschrecken.
Vielleicht brauchte er Medikamente, besonderes Futter oder viel mehr Geduld, als ich bisher ahnte.
Das alles war möglich.
Aber ich hatte eine Entscheidung getroffen.
Ich würde ihn nicht aufgeben, nur weil er alt war.
Nicht, weil sein Fell nicht mehr schön glänzte.
Nicht, weil er vielleicht irgendwann Hilfe beim Springen oder Fressen brauchte.
Dieser Kater hatte den schwersten Teil seines Lebens hoffentlich hinter sich.
Und die Zeit, die noch vor ihm lag, sollte anders werden.
Am nächsten Morgen wachte ich ungewöhnlich früh auf.
Mein Nacken war steif.
Ich war irgendwann auf dem Sofa eingeschlafen, mit einer Decke über den Beinen.
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