Sah mich an.
„Ja, genau“, murmelte ich. „Ganz in Ruhe.“
Er trat vollständig heraus.
Sein Gang war steif, als würden ihm die Hinterbeine wehtun.
Mit gesenktem Kopf schlich er an der Wand entlang. Er beschnupperte das Tischbein, die Teppichkante und schließlich mein altes Sofa.
Dabei blickte er immer wieder zurück.
Nicht neugierig.
Eher so, als würde er kontrollieren, ob ich plötzlich etwas von ihm verlangte.
Ich stand langsam auf und holte den Futternapf näher heran.
„Hier, Felix. Das ist für dich.“
Er näherte sich vorsichtig.
Dann blieb er vor dem Napf stehen.
Statt zu fressen, schaute er mich an.
Dieser Blick traf mich unerwartet.
Ich hatte früher Tiere gehabt. Ich wusste, dass manche Katzen in fremder Umgebung vorsichtig sind.
Aber in diesem Moment wirkte es, als müsste Felix erst herausfinden, ob er das Futter überhaupt nehmen durfte.
„Du darfst“, sagte ich.
Meine Stimme klang plötzlich heiser.
„Das gehört alles dir.“
Er senkte den Kopf und nahm einen kleinen Bissen.
Dann hob er ihn sofort wieder.
Er kaute langsam, wartete und sah sich um.
Erst danach nahm er den nächsten Bissen.
Ich blieb ganz still.
Nicht einmal beim Essen schien dieser alte Kater richtig entspannen zu können.
Ich dachte daran, wie oft er vielleicht von Mülltonnen verscheucht worden war.
Wie oft jemand nach ihm getreten oder ihn mit einem lauten Ruf verjagt haben könnte.
Ob das tatsächlich passiert war, wusste ich nicht.
Aber dass er Angst hatte, war nicht zu übersehen.
Mir stiegen Tränen in die Augen.
Ich drehte mich weg, ging zum Fenster und tat so, als müsste ich die Gardine zurechtrücken.
Es war mir peinlich, obwohl niemand außer Felix im Zimmer war.
Ein alter Mann, der wegen eines Katers weinte.
Helga hätte darüber wahrscheinlich liebevoll gelächelt.
„Du hast eben ein weiches Herz, Günther“, hätte sie gesagt.
Diesen Satz hatte sie oft benutzt.
Besonders dann, wenn ich wieder irgendeinem Nachbarn geholfen hatte, obwohl ich selbst genug zu tun hatte.
Ich vermisste ihre Stimme in diesem Augenblick schrecklich.
Nach dem Fressen verschwand Felix zunächst hinter dem Sofa.
Ich ließ ihn in Ruhe.
Ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Eingewöhnung Tage oder sogar Wochen dauern konnte.
Vielleicht würde er sich jedes Mal verstecken, wenn ich den Raum betrat.
Vielleicht würde er nie ein richtiger Schmusekater werden.
Das war in Ordnung.
Ich wollte nicht, dass er mir dankbar war.
Ich wollte nur, dass er einen Platz hatte, an dem er seinen Lebensabend verbringen konnte.
Gegen halb neun setzte ich mich auf das Sofa.
Auf dem kleinen Tisch stand eine Tasse Kräutertee. Im Fernsehen lief irgendeine Unterhaltungssendung, aber ich hatte den Ton ganz leise gestellt.
Immer wieder blickte ich zur Ecke neben dem Schrank.
Dort saß Felix inzwischen.
Er beobachtete mich.
Ich tat so, als bemerkte ich es nicht.
Dann stand er auf.
Langsam kam er näher.
Seine Krallen machten leise Geräusche auf dem Laminat.
Vor dem Sofa blieb er stehen und betrachtete die Sitzfläche.
„Na?“, fragte ich.
Felix sah mich an.
Dann versuchte er hochzuspringen.
Beim ersten Mal schaffte er es nicht ganz.
Seine Vorderpfoten erreichten das Polster, aber die Hinterbeine kamen nicht richtig nach.
Ich wollte sofort helfen.
Doch dann hielt ich inne.
Felix setzte noch einmal an.
Diesmal gelang es ihm.
Etwas unbeholfen landete er neben mir auf dem Sofa.
„Na, siehst du“, flüsterte ich. „Geschafft.“
Ich erwartete, dass er ans andere Ende gehen würde.
Dort lag eine weiche Wolldecke, die ich extra für ihn hingelegt hatte.
Doch Felix ging nicht dorthin.
Er blieb neben meinem rechten Bein stehen.
Dann drehte er sich einmal im Kreis.
Noch einmal.
Und ließ sich langsam nieder.
Direkt an meinem Oberschenkel.
Nicht mit Abstand.
Nicht nur zufällig in meiner Nähe.
Er drückte seinen dünnen, warmen Körper fest gegen mein Bein.
Ich wagte kaum zu atmen.
Sein Fell fühlte sich rau an, selbst durch meine Hose.
Ich konnte jede kleine Bewegung spüren.
„Ach, Felix“, sagte ich ganz leise.
Mehr brachte ich nicht heraus.
Es war nur ein Kater, der sich auf ein Sofa gelegt hatte.
Für andere Menschen wäre das wahrscheinlich nichts Besonderes gewesen.
Aber für mich war es ein Augenblick, den ich niemals vergessen werde.
Denn dieser alte Kater, der gerade erst in eine fremde Wohnung gekommen war, suchte ausgerechnet meine Nähe.
Er hätte sich verstecken können.
Er hätte unter dem Tisch bleiben oder in seiner Box schlafen können.
Stattdessen hatte er sich für mein Bein entschieden.
Vielleicht brauchte er Wärme.
Vielleicht war er erschöpft.
Vielleicht erinnerte ihn die Nähe eines Menschen an etwas Schönes aus seinem früheren Leben.
Ich wusste es nicht.
Aber ich war glücklich, dass er da war.
Zunächst blieb Felix angespannt.
Seine Augen waren halb geöffnet.
Bei jedem Geräusch im Treppenhaus bewegte sich sein beschädigtes Ohr.
Als draußen eine Autotür zuschlug, hob er sofort den Kopf.
Sein Körper wurde hart.
Ich legte meine Hand vorsichtig neben ihn, ohne ihn festzuhalten.
„Alles gut“, sagte ich. „Das war nur draußen.“
Er betrachtete meine Hand.
Dann legte er den Kopf wieder ab.
Ein paar Minuten später bemerkte ich die erste Veränderung.
Seine Schultern sanken.
Die kleinen Muskeln an seinem Rücken entspannten sich.
Seine Vorderpfote, die er bis dahin eng unter seinen Körper gezogen hatte, streckte sich langsam aus.
Sie landete auf meinem Oberschenkel.
Ganz leicht.
Als würde er mich berühren wollen, ohne zu viel zu verlangen.
Ich sah auf diese alte graue Pfote.
Die Krallen waren etwas zu lang, das Fell zwischen den Zehen schmutzig.
Eine kleine Pfote, die ihn durch so viele unbekannte Tage getragen hatte.
Ich schluckte.
„Du musst jetzt nirgendwo mehr hin“, flüsterte ich.
Felix schloss die Augen.
Sein Kopf sank langsam zur Seite.
Einmal öffnete er die Augen noch, als wollte er sich vergewissern, dass ich weiterhin da war.
Dann atmete er tief aus.
Und schlief ein.
Richtig tief.
Sein kleiner Körper wurde schwer gegen mein Bein.
Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Ab und zu bewegte sich ein Schnurrhaar.
Sonst nichts.
Nicht einmal als im Treppenhaus jemand vorbeilief, wachte er auf.
Ich sah auf die Uhr.
Es war kurz nach zehn.
Ungefähr drei Stunden waren vergangen, seit ich ihn nach Hause gebracht hatte.
Drei Stunden.
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