Ein alter Mann fand eine Katze im Karton doch der Zettel eines Mädchens veränderte alles

Als ich meinen Wagen abstellte, hob sie kurz den Kopf.

Dann sah sie Lotti auf dem Beifahrersitz.

Sie sprang auf.

Für einen Augenblick glaubte ich, sie würde losrennen.

Doch sie blieb stehen.

Langsam kam sie näher.

Ihre Hände hatte sie tief in den Jackenärmeln versteckt.

„Entschuldigung“, sagte sie leise.

„Ja?“

Sie schaute an mir vorbei durch das Autofenster.

Ihre Lippen zitterten.

Dann fragte sie:

„Hat sie irgendwo im Warmen schlafen dürfen?“

Ich hatte mir auf der Fahrt viele mögliche Gespräche ausgemalt.

Dass das Mädchen nach ihrer Katze fragen würde. Dass sie wissen wollte, wer ich war. Vielleicht würde sie sogar Angst bekommen.

Aber diese Frage hatte ich nicht erwartet.

Nicht: „Kann ich sie zurückhaben?“

Nicht: „Gehört sie jetzt Ihnen?“

Sondern nur, ob ihre Katze warm geschlafen hatte.

Ich schluckte.

„Ja“, antwortete ich. „Sie hat sogar in meinem Bett geschlafen.“

Das Mädchen atmete hörbar aus.

„Gut.“

Mehr sagte sie zunächst nicht.

Ich öffnete die Autotür.

Lotti richtete sich sofort auf.

Als sie das Mädchen sah, begann sie so laut zu schnurren, dass wir beide es hören konnten.

„Hallo, mein Schatz“, flüsterte das Kind.

Sie kniete sich neben den Wagen und streckte vorsichtig die Hand aus.

Lotti drückte ihren Kopf dagegen.

Dann begann das Mädchen zu weinen.

Still.

Fast lautlos.

So, als hätte sie gelernt, dass man nicht zu viel Aufmerksamkeit auf seine Tränen lenken sollte.

„Ich hab sie nicht einfach weggeworfen“, sagte sie plötzlich.

Ich ging neben ihr in die Hocke.

„Das habe ich auch nicht gedacht.“

„Wirklich nicht?“

„Nein.“

Sie wischte sich mit dem Jackenärmel über die Wangen.

„Alle sagen immer, dass man Tiere nicht aussetzen darf. Das weiß ich doch.“

„Natürlich weißt du das.“

„Aber ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte.“

Sie holte tief Luft.

„Wir dürfen hier keine Katze haben. Am Anfang haben sie nichts gesagt. Dann hat jemand sie im Fenster gesehen.“

Sie streichelte Lotti über den Rücken.

„Der Mann, der sich um die Zimmer kümmert, hat gesagt, dass wir früher rausmüssen, wenn sie noch mal hier ist.“

Ich schwieg.

„Mama sucht schon die ganze Zeit eine Wohnung“, fuhr das Mädchen fort. „Aber niemand möchte uns nehmen. Und nächste Woche müssen wir woanders hin.“

„Wohin denn?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„In eine andere Unterkunft. Da dürfen auch keine Tiere rein.“

Ihre Stimme wurde kleiner.

„Ich hab gefragt, ob Lotti vielleicht im Badezimmer bleiben darf. Oder in einer Tasche. Aber Mama hat gesagt, das geht nicht.“

Sie schaute mich an.

„Mama hat so geweint, als sie das gesagt hat.“

Ich setzte mich vorsichtig neben sie auf den Bordstein.

„Wie heißt du?“

„Emma.“

„Ich bin Heinrich.“

„Sind Sie der Mann vom Waschsalon?“

Ich nickte.

„Ich hab Sie schon manchmal gesehen“, sagte sie. „Wenn wir unsere Bettwäsche waschen.“

Jetzt verstand ich.

Der Karton war nicht zufällig hinter meinem Geschäft gelandet.

Dieses Mädchen hatte mich beobachtet.

Vielleicht hatte ich ihr einmal die Tür aufgehalten. Vielleicht hatte ich ihr Wechselgeld für eine Maschine gegeben.

Kleine Dinge, an die ich mich längst nicht mehr erinnerte.

„Warum hast du Lotti ausgerechnet dort hingebracht?“, fragte ich.

Emma sah auf ihre Schuhe.

„Weil Sie nett sind.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Als Mama einmal nicht genug Kleingeld hatte, haben Sie gesagt, sie kann die Waschmaschine trotzdem anmachen.“

Ich erinnerte mich plötzlich.

Eine junge Frau mit müdem Gesicht. Ein kleines Mädchen daneben. Ein voller Wäschekorb.

Mir hatten damals zwei Euro gefehlt.

Der Frau wahrscheinlich viel mehr.

„Und Sie haben nicht mit Mama geschimpft“, sagte Emma.

Ich senkte den Blick.

„Ich hab gedacht, wenn Sie Lotti finden, dann lassen Sie sie vielleicht nicht draußen.“

Sie zog die Knie an ihre Brust.

„Ich hab ihr meinen Pullover angezogen. Das ist mein wärmster.“

Ich schaute auf das rosa Kleidungsstück, das noch auf dem Rücksitz lag.

Die Ärmel waren an den Bündchen ausgefranst.

„Hast du denn noch einen warmen Pullover?“, fragte ich.

Emma nickte schnell.

Ein bisschen zu schnell.

Dann sagte sie etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

„Die Erwachsenen sagen immer, dass alles nur vorübergehend ist.“

Sie zupfte an einem losen Faden ihrer Jacke.

„Aber jedes Mal, wenn etwas nur vorübergehend ist, müssen wir wieder etwas zurücklassen.“

Ich spürte einen Druck in meiner Brust.

„Erst unsere Wohnung. Dann mein Fahrrad. Dann meine Bücher. Und jetzt Lotti.“

Sie sah mich an.

„Wann hört das denn auf?“

Ich bin 67 Jahre alt.

Ich habe gearbeitet, Rechnungen bezahlt, Fehler gemacht, Menschen verloren und viele Dinge erlebt, die ich früher für unmöglich gehalten hätte.

Aber auf diese Frage wusste ich keine Antwort.

Also log ich sie nicht an.

Ich sagte nicht, dass morgen bestimmt alles besser würde.

Ich sagte nicht, dass sie nur Geduld haben müsse.

Stattdessen schaute ich auf Lotti, die zufrieden zwischen uns saß.

Und plötzlich wusste ich, was ich tun konnte.

„Emma“, sagte ich, „ich hätte da einen Vorschlag.“

Sie sah mich vorsichtig an.

„Lotti könnte erst einmal bei mir wohnen.“

Ihre Finger hielten mitten in der Bewegung inne.

„Bei Ihnen?“

„Ja. Ich habe eine warme Wohnung. Futter kann ich besorgen. Und Platz ist auch genug.“

Emma sagte nichts.

„Aber sie würde trotzdem deine Katze bleiben.“

Das Mädchen runzelte die Stirn.

„Wie geht das?“

„Ganz einfach. Ich bin nur der alte Mann, der ihre Miete bezahlt.“

Zum ersten Mal lächelte sie.

Ganz kurz.

„Und ich darf sie wiedersehen?“

„Natürlich.“

„Auch wenn wir umziehen?“

„Wenn deine Mutter einverstanden ist, finden wir einen Weg.“

Emma sah mich an, als hätte ich gerade etwas vollkommen Verrücktes vorgeschlagen.

„Auch jede Woche?“

„Wie wäre es mit freitags? Nach der Schule?“

Ihre Augen wurden groß.

„Jeden Freitag?“

„Jeden Freitag.“

„Versprochen?“

Ich streckte meine Hand aus.

„Versprochen.“

Emma legte ihre kleine Hand in meine.

Dann beugte sie sich über Lotti, presste ihr Gesicht in das dreifarbige Fell und begann wieder zu weinen.

Diesmal hörte ich zwischen den Tränen ein Lachen.

Später kam ihre Mutter aus Zimmer 12.

Sie hieß Kathrin und war 36 Jahre alt.

Als Emma ihr erklärte, was wir besprochen hatten, wurde ihr Gesicht erst misstrauisch.

Ich konnte es verstehen.

Ein fremder älterer Mann, der plötzlich anbot, sich um die Katze ihrer Tochter zu kümmern und regelmäßige Besuche zu ermöglichen.

Ich hätte an ihrer Stelle genauso reagiert.

Also gab ich ihr meine Telefonnummer, meine Adresse und die Nummer des Waschsalons.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen