Ein alter Schweißer hielt die Hand eines Fremden und weigerte sich zu gehen

„Auch nicht.“

Willi schien unruhig zu werden. Er suchte mit den Augen nach Hanna, die gerade frisches Wasser brachte.

„Ich habe nicht viel Bargeld hier.“

Ralf zog die Hand ein wenig zurück, damit Willi sich nicht bedrängt fühlte. „Sie müssen nichts bezahlen. Hanna hat gefragt, ob jemand Zeit hat. Ich hatte Zeit.“

Willi sah von einem zum anderen. „Für mich?“

„Ja“, sagte Hanna. „Für Sie.“

Eine ganze Weile sagte er nichts mehr. Dann hob er die Hand vor die Augen, als störe ihn das Licht.

Hanna stellte das Wasser ab und blieb stehen. Ralf blickte auf seine Schuhe, bis Willi wieder sprach.

„Ich wusste gar nicht mehr, wie das ist.“

„Was denn?“, fragte Ralf.

„Dass jemand extra kommt.“

Später erzählte Willi von seiner Frau. Sie hatte Else geheißen und in einer kleinen Änderungsschneiderei gearbeitet, zunächst angestellt, später mit einer Kollegin zusammen.

„Die konnte an einer Jacke sehen, ob einer krumme Schultern hatte“, sagte er. „Noch bevor er sie angezogen hat.“

Kinder hatten sie sich gewünscht. Irgendwann hatten sie aufgehört, darüber zu sprechen, weil ihnen beide Male das Herz schwer geworden war.

Dann kamen die Jahre, in denen Freunde mit ihren Kindern beschäftigt waren, später mit den Enkeln. Willi und Else hatten Geburtstagskarten geschrieben, Geschenke ausgesucht und bei Umzügen geholfen.

„Wir waren nicht unglücklich“, sagte er, als müsse er etwas richtigstellen. „Wir waren bloß immer zu zweit.“

Else war vor achtzehn Jahren gestorben. Sein jüngerer Bruder einige Jahre danach, der letzte enge Freund im vergangenen Winter.

Zunächst hatte Willi noch sonntags jemanden angerufen. Später wusste er nicht mehr recht, wen.

„Man gewöhnt sich das Reden ab“, sagte er. „Dann steht man beim Bäcker und überlegt sich schon auf dem Weg dahin einen Satz, damit man außer den Brötchen noch was zu sagen hat.“

Ralf saß ganz still. Erst als Willi müde die Augen schloss, zog er die Decke etwas höher.

Die Helfer organisierten sich mit einem karierten Blatt Papier. Monika schrieb die Zeiten auf, Dieter beschwerte sich über ihre kleine Schrift, und Selma sorgte dafür, dass alle bestätigten, wann sie wirklich kommen konnten.

Niemand konnte drei Tage lang alles stehen und liegen lassen. Da waren Schichten, Enkel, Arzttermine und eine pflegebedürftige Ehefrau.

Der junge Anlagenmechaniker kam deshalb morgens um halb sechs. Ein Hausmeister übernahm zwei Stunden nach Feierabend, eine Schneiderin den frühen Nachmittag.

Ralf trug sich für die zweite Nacht ein.

„Du kannst nicht alles machen“, sagte Monika.

„Mach ich doch gar nicht.“

„Du hast beim Schreiben gerade die Augen zugemacht.“

Er nahm ihr den Stift aus der Hand. „Dann schreib leserlicher.“

Sie stritten noch eine Minute, dann ließ er sich von seiner Tochter abholen und schlief zu Hause fünf Stunden auf dem Sofa.

Als er zurückkam, hatte sie ihm eine Tasche gepackt. Ein frisches Hemd, eine Zahnbürste, belegte Brote und eine kleine Packung Kekse lagen darin.

Obenauf lag ein Zettel: „Du darfst zwischendurch auch jemanden ablösen lassen.“

Ralf faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Brusttasche.

Am zweiten Nachmittag fragte Willi nach seinen Schuhen. Er wolle nicht, dass jemand sie wegwerfe, die seien noch gut.

Hanna erklärte ihm, dass niemand seine Sachen wegwerfe. Daraufhin bat er um seine Hose, und aus der Hosentasche holte sie einen kleinen Schlüsselbund.

„In der Wohnung steht im Schlafzimmer eine Blechdose“, sagte er. „Im Schrank, oben links. Da ist meine Else drin.“

Hanna sah ihn fragend an.

„Das Foto“, ergänzte er. „Nicht erschrecken.“

Es war das erste Mal, dass sie ihn scherzen hörte.

Mit seinem ausdrücklichen Einverständnis und nach Absprache mit der Station fuhr Monika zusammen mit seiner Nachbarin in die Wohnung. Die Nachbarin hatte seine Blumen gegossen und gelegentlich eingekauft, doch von seinem ernsten Zustand hatte sie erst an diesem Morgen erfahren.

Sie kam mit der Blechdose selbst ins Krankenhaus. Vor Willis Tür wischte sie sich über die Wangen und schimpfte leise.

„Er hat am Telefon immer gesagt, es ginge schon.“

In der Dose lagen ein Hochzeitsfoto, ein paar Briefe und ein vergilbtes Bild von einem Betriebsausflug. Auf einem zweiten Foto stand Willi in Arbeitskleidung zwischen zwei Männern vor einer Werkhalle.

Ralf erkannte die Art, wie er dastand. Eine Schulter ein wenig tiefer, die Hände zu groß für die Taschen, der Blick nur halb bei der Kamera.

„Da hatten Sie schon Rücken“, sagte er.

„Seit ich fünfunddreißig war.“

„Dann sind Sie weit gekommen damit.“

Sie stellten Elses Bild auf den Nachttisch. Hanna wischte vorher mit einem feuchten Tuch darüber, und Willi beobachtete jede Bewegung.

Neben dem Foto lag eine Ansichtskarte von der Ostsee. Darauf waren ein Strand, ein Leuchtturm und ein ziemlich leerer Himmel zu sehen.

„Da wollten wir mal hin“, sagte Willi.

Ralf nahm die Karte in die Hand. „Wann denn?“

„Jedes Jahr eigentlich.“

Er sagte es ohne Bitterkeit, fast beiläufig. Erst nach einer längeren Pause sprach er weiter.

Mal war eine größere Reparatur am Haus dazwischengekommen, mal hatte jemand im Betrieb gefehlt. Dann hatte Else Probleme mit dem Knie bekommen, später war sie ernsthaft krank geworden.

„Ich dachte immer, die See läuft nicht weg.“

Willi sah auf das Hochzeitsfoto. „Hat sie ja auch nicht.“

An diesem Abend wollte Hanna Ralf mit einem Becher Tee überraschen. Sie fand ihn im Treppenhaus, zwei Stockwerke unter der Station.

Er saß auf einer Stufe und hatte beide Hände zwischen den Knien verschränkt. Als sie sich neben ihn setzte, wischte er mit dem Jackenärmel über sein Gesicht.

„Mein Vater lag auch mal so“, sagte er schließlich.

Hanna wartete.

„Ist lange her. Die hatten angerufen, dass es schlechter wird. Ich war noch im Betrieb und dachte, die zwei Stunden mache ich fertig. Dann fahre ich hin.“

Er sah auf die gegenüberliegende Wand. Unten schlug eine Tür zu, jemand ging durch das Erdgeschoss.

„Als ich kam, war er schon tot.“

„War jemand bei ihm?“, fragte Hanna vorsichtig.

„Eine Schwester wohl kurz vorher. Mehr weiß ich nicht.“

Hanna hielt ihm den Tee hin. Er nahm den Becher, trank aber nicht.

„Seitdem denke ich manchmal dran, ob er zur Tür geguckt hat.“

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