Ein alter Schweißer hielt die Hand eines Fremden und weigerte sich zu gehen

Sie saßen eine Weile nebeneinander. Hanna suchte nach einem Satz, der helfen könnte, und ließ es schließlich.

„Willi ist gerade wach“, sagte sie. „Er hat gefragt, ob der mit den großen Händen wiederkommt.“

Ralf nickte. Dann stand er auf.

In dieser Nacht erzählte er Willi von seinem Vater. Nicht alles, nur das, was sich sagen ließ, ohne dass ihm die Stimme versagte.

Willi hörte mit geschlossenen Augen zu. Ralf dachte schon, er sei eingeschlafen.

Dann fragte er: „Sind Sie vorher oft hingefahren?“

„Ja. Sonntags meistens. Unter der Woche auch, wenn was war.“

„Dann wusste er doch, dass Sie kommen.“

Ralf rieb sich mit dem Daumen über den alten Brandfleck am Handgelenk. Er antwortete nicht gleich.

„Vielleicht“, sagte er schließlich.

Willi drückte seine Finger, so schwach, dass Ralf es beinahe übersehen hätte.

Am dritten Tag wurde Willis Atmung unruhiger. Die Ärztin kam häufiger, besprach sich mit Hanna und erklärte den Helfern, dass seine Kräfte jetzt deutlich nachließen.

Die Besuche wurden kürzer. Niemand versuchte mehr, ihn mit Fragen wach zu halten, und das Licht über dem Bett blieb aus.

Selma saß eine Stunde bei ihm und erzählte, wie sie früher für zweihundert Leute Kartoffeln geschält hatte. Als sie erwähnte, dass manche Männer trotzdem jeden Mittag behauptet hätten, zu Hause schmecke es besser, öffnete Willi ein Auge.

„Hatten die zu Hause denn gegessen?“

„Bestimmt nicht.“

„Hab ich mir gedacht.“

Später kam der junge Anlagenmechaniker. Er hieß Tim, war dreiundzwanzig und hatte am ersten Tag noch unsicher in der Tür gestanden.

Nun zeigte er Willi ein Foto von einem Werkstück auf seinem Telefon. Ein Rohr saß sichtbar schief.

„War ich“, sagte Tim. „Können Sie ruhig sagen.“

Willi betrachtete das Bild lange. „Noch mal machen.“

Tim lachte, und Willi verzog für einen Augenblick den Mund.

„Aber nicht heute“, fügte er hinzu.

Gegen Nachmittag bat Willi darum, eine Weile nur mit Ralf im Zimmer zu sein. Die anderen gingen ohne Fragen hinaus.

Lange hörte man nur das leise Geräusch des Sauerstoffs. Dann sah Willi zur Tür.

„Sind die böse, wenn ich nichts mehr erzählen kann?“

Ralf rückte seinen Stuhl näher. „Keiner ist deswegen hier.“

„Ich schlafe dauernd ein.“

„Dann schlafen Sie.“

Willi blickte ihn an, als müsse er prüfen, ob das wirklich erlaubt sei. Schließlich ließ er den Kopf wieder ins Kissen sinken.

Nach einer Weile sagte er: „Ich hab Angst.“

Ralf spürte, wie seine Finger fester wurden. Er hatte auf vieles eine schnelle Antwort, auf kaputte Dinge, auf schlechte Arbeit und auf Leute, die Ausreden suchten.

Jetzt fiel ihm nichts ein, das groß genug gewesen wäre.

„Wovor am meisten?“, fragte er.

„Dass ich wach werde und keiner da ist.“

Ralf beugte sich vor. „Heute Nacht ist jemand hier. Das ist abgesprochen.“

Willi atmete langsam aus. Dann machte er die Augen zu, ohne seine Hand loszulassen.

Am frühen Abend kam auf Willis Wunsch ein Seelsorger vorbei. Sie sprachen leise miteinander, und danach bat Willi Hanna, ihm das Gesicht zu waschen.

„Else mochte das nicht, wenn ich so stoppelig war.“

Hanna brachte warmes Wasser und rasierte ihn vorsichtig. Ralf hielt den kleinen Spiegel, obwohl Willi nur kurz hineinsah.

„Geht noch“, murmelte er.

„Sieht ordentlich aus“, sagte Ralf.

Später fragte Monika, ob Willi noch etwas hören wolle. Musik, ein Gedicht, vielleicht ein Gebet.

Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Redet einfach.“

Also erzählten sie.

Monika berichtete von einem Fahrgast, der jahrelang an derselben Haltestelle eingestiegen war und jedes Mal gefragt hatte, ob sie auch richtig fahre. Dieter erzählte von seiner ersten eigenen Wohnung, in der jede Sicherung beschriftet gewesen war, nur keine richtig.

Ralf sprach von einer kleinen Hütte, die er mit seinem Vater gebaut hatte. Das Dach war undicht gewesen, und sein Vater hatte jedes Jahr behauptet, im nächsten Sommer müsse man da endlich gründlich ran.

Willi lag mit geschlossenen Augen da. Manchmal bewegte sich sein Mund, als wolle er etwas ergänzen.

Einmal sagte er: „Kenn ich.“

Als Monika abgelöst werden sollte, blieb sie noch ein paar Minuten an der Tür. Sie sah, wie müde Ralf war, doch er schüttelte den Kopf.

„Ich melde mich.“

Hanna ließ die Zimmertür einen Spalt offen. Sie kam regelmäßig herein, sah nach Willi und wechselte ein paar leise Worte mit Ralf.

Kurz vor Mitternacht wurde es sehr still. Willi öffnete noch einmal die Augen und suchte Ralfs Gesicht.

„Noch da?“

„Ja, Willi.“

Sein Blick wanderte zum Nachttisch, zu Elses Foto und der alten Ansichtskarte. Dann sah er Ralf wieder an.

„Gut“, flüsterte er.

Hanna war im Zimmer, als sein Atem zum letzten Mal kam. Ralf hielt noch immer seine Hand.

Er blieb sitzen, während Hanna nach der Ärztin ging. Auch danach hatte er es nicht eilig, den Stuhl zurückzuschieben.

Am Morgen kamen die anderen nach und nach. Niemand wurde in Willis Zimmer gedrängt, niemand musste hineingehen.

Tim blieb zunächst auf dem Flur stehen. Dann fragte er Ralf, ob er sich noch verabschieden dürfe.

Ralf stand auf und machte ihm Platz.

In den Tagen danach half die Gruppe dort, wo Hilfe gebraucht wurde. Willis Wünsche wurden mit dem zuständigen Ansprechpartner geklärt, seine Unterlagen gesichtet und eine schlichte Trauerfeier vorbereitet.

In seiner Blechdose hatte er einen Zettel aufbewahrt. Darauf stand, dass er bei Else liegen wolle, wenn das möglich sei, und dass niemand viel Aufwand machen solle.

Es kamen etwas mehr als fünfzig Menschen.

Die Nachbarin war da, zwei ehemalige Arbeitskollegen, die lange nichts mehr von ihm gehört hatten, und fast alle aus der Helfergruppe. Hanna stand neben ihrer Kollegin hinten unter einem Baum.

Ralf trug einen dunklen Anzug, der an den Schultern spannte. Seine Tochter zupfte ihm vor der Feier den Kragen zurecht, und diesmal ließ er es geschehen.

Als sie ihn fragte, ob er etwas sagen wolle, zog er einen gefalteten Zettel aus der Tasche. Er sah kurz darauf und steckte ihn wieder ein.

Am Grab brachte er nur wenige Sätze heraus.

„Er hieß Willi. Er hat lange gearbeitet. Er hat seine Frau vermisst.“

Ralf schluckte und schaute hinüber zu den anderen.

„Und er hat sich gefreut, dass wir gekommen sind.“

Nach der Beerdigung standen sie noch eine Weile zusammen. Monika hatte Kaffee organisiert, Selma belegte Brötchen, und Dieter suchte ständig seine Brille, die an seiner Jacke hing.

Es wurde sogar gelacht. Erst vorsichtig, dann etwas freier, als Willis alter Kollege erzählte, wie er einmal einen ganzen Vormittag nach einem Werkzeug gesucht hatte, das in seiner eigenen Gesäßtasche steckte.

Hanna hörte zu und dachte daran, wie wenig sie drei Wochen zuvor über den Mann in Zimmer 314 gewusst hatten.

Die zwanzig Helfer lösten ihre Gruppe danach nicht auf.

Sie trafen sich mit der Station und Menschen, die Erfahrung in der Begleitung Sterbender hatten. Nicht alle wollten weitermachen, und niemand nahm es ihnen übel.

Manche brauchten Abstand. Andere merkten, dass sie Gesellschaft leisten konnten, aber keine Nachtwache schafften.

Ralf lernte, rechtzeitig um Ablösung zu bitten. Das fiel ihm schwerer, als er vorher gedacht hatte.

Es dauerte einige Monate, bis die ersten regelmäßigen Besuche begannen. Es gab feste Ansprechpartner, Vorbereitungsgespräche und klare Absprachen mit den Patienten.

Sie konnten nicht immer jemanden finden. Doch wenn ein Mensch sagte, dass er Angst vor der Nacht habe, gab es nun mehr Möglichkeiten als zuvor.

Am ersten Jahrestag trafen sie sich an Willis Grab. Es waren nur acht von ihnen da, weil die anderen arbeiteten, krank waren oder auf Enkel aufpassten.

Monika brachte Blumen mit. Tim hatte eine schief geratene kleine Metallschale gemacht und nach langem Überlegen zu Hause gelassen, weil Willi vermutlich gesagt hätte, er solle sie erst einmal ordentlich fertigstellen.

Ralf war im Sommer tatsächlich an die Ostsee gefahren. Mit seiner Tochter, für vier Tage, obwohl er zuerst gemeint hatte, für so eine kurze Zeit lohne sich der Weg nicht.

Er hatte eine Ansichtskarte gekauft. Sie zeigte einen Strand, einen Leuchtturm und einen ziemlich leeren Himmel.

Eine Weile hielt er sie in der Hand, bevor er sie den anderen zeigte. Auf der Rückseite stand in seiner eckigen Schrift: „Wir waren da. Du hattest recht. Hätten wir früher machen sollen.“

Sie blieb später bei Ralf zu Hause, neben dem Bild seines Vaters.

Ein paar Wochen danach rief Hanna wieder an. Eine ältere Frau auf der Station wünsche sich Besuch, sagte sie, und für den Abend sei noch niemand eingetragen.

Ralf schaute auf den Kalender. Dann nahm er den Stift vom Küchentisch.

„Ab sechs kann ich“, sagte er. „Wer löst mich ab?“

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