Ein rauer Handwerker weinte in der U Bahn, und plötzlich hörten alle zu

Der Mann in der U Bahn sah aus, als sollte man ihm besser aus dem Weg gehen. Dann hörte ich, was er seinem Kätzchen zuflüsterte.

„Entschuldigung. Ich krieg das gerade nicht abgestellt.“

Er sagte es in den Waggon hinein, ohne jemanden anzusehen. Mit einer Hand wischte er sich übers Gesicht. Die andere hielt ein winziges rotweißes Kätzchen an seiner Brust.

Die Frau neben ihm zog ihre helle Handtasche dichter an sich. Als das Tier kurz den Kopf hob, stand sie auf und setzte sich weiter hinten hin.

Ich sah ihr nach. Dann sah ich wieder zu ihm.

Er trug eine ausgewaschene Arbeitsjacke mit einem Riss am Ärmel und eine graue Hose, deren Knie blank gescheuert waren. Seine Hände waren breit, die Fingernägel kurz und dunkel, über dem rechten Daumen verlief eine dicke Narbe.

Er musste Ende sechzig sein. Ein kräftiger Mann, der sich auf seinem Sitz trotzdem möglichst klein machte.

Und er weinte so heftig, dass ihm das Atmen schwerfiel.

Nicht laut. Er versuchte sogar, es zu verbergen. Aber alle paar Sekunden zuckten seine Schultern, und dann drückte er die Lippen zusammen, als schämte er sich für jeden einzelnen Laut.

Das Kätzchen störte sich nicht daran. Es hatte eine weiße Pfote auf seinen Jackenkragen gelegt und knetete den Stoff seines Hemdes.

Ringsum machten die Leute das, was man in Berlin gut kann. Sie sahen auf ihre Telefone, auf den Linienplan, auf ihre Schuhe. Hauptsache, niemand musste entscheiden, ob er etwas sagen sollte.

Ich war siebenundfünfzig und auf dem Rückweg von meiner Mutter. Sie lebte seit einem halben Jahr in einem Pflegeheim und hatte mich an diesem Nachmittag zum ersten Mal mit dem Namen ihrer Schwester angesprochen.

Vielleicht konnte ich deshalb nicht einfach wegsehen. Ich hatte selbst den ganzen Weg damit verbracht, meine Tränen herunterzuschlucken.

Der Mann beugte den Kopf über das Tier.

„Ist ja gut“, flüsterte er. „Dich geb ich nicht wieder her.“

Dann hob er den Blick und bemerkte, dass ich ihn ansah.

„So was Kleines hatte ich seit dreiundvierzig Jahren nicht mehr auf dem Arm“, sagte er. „Nichts, das lebt und mich braucht.“

Ich stand auf, bevor ich mir einen Grund dagegen überlegen konnte, und setzte mich auf den frei gewordenen Platz.

„Soll ich einen Moment bei Ihnen bleiben?“

Er sah mich überrascht an. Seine Augen waren rot, die Haut darunter geschwollen.

„Wenn Sie den Geruch aushalten.“

„Ich habe zwei Söhne großgezogen“, sagte ich. „Und vierundzwanzig Jahre im Krankenhaus gearbeitet.“

Ein kurzes Lachen kam aus ihm heraus. Es brach unterwegs ab, aber es war immerhin ein Lachen.

„Gerd“, sagte er.

„Sabine.“

Er versuchte, mir die Hand zu geben, merkte dann, dass er dafür das Kätzchen anders halten müsste, und ließ es bleiben. Stattdessen nickten wir uns zu, fast förmlich.

„Wo haben Sie das Kleine her?“

„Hinten am Krankenhaus. Bei den Müllbehältern.“

Er zeigte mit dem Kinn auf die Tasche zwischen seinen Schuhen. Eine alte Sporttasche, deren Reißverschluss mit einem Stück Schnur zusammengehalten wurde.

„Ich war wegen meinem Rücken da. Auf dem Weg raus hab ich was gehört. Dachte erst, irgendein Rad quietscht.“

Zwischen zwei Behältern hatte ein offener Schuhkarton gestanden. Darin ein Geschirrtuch und dieses Kätzchen, sonst nichts.

„Ich hab gewartet“, sagte er schnell. „Nicht, dass die Mutter irgendwo sitzt. Hab auch beim Pförtner gefragt. Der wusste von nichts.“

Das Tier hatte immer weiter gerufen. Schließlich hatte Gerd sich auf einen niedrigen Betonrand gesetzt und die Hand in den Karton gelegt.

„Da ist es draufgeklettert. Einfach so.“

Er sah auf seine große Hand hinunter, als könne er noch immer nicht begreifen, weshalb ausgerechnet sie ausgewählt worden war.

„Wollen Sie es mit nach Hause nehmen?“, fragte ich.

Sein Gesicht veränderte sich. Er zog die Arbeitsjacke ein wenig fester um das Tier.

„Ich hab keins.“

Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand.

„Keine Wohnung?“

Er schüttelte den Kopf.

„Seit knapp drei Jahren.“

Neben uns raschelte eine Zeitung. Irgendwo piepte ein Telefon, doch Gerd sprach jetzt so leise, dass ich mich etwas zu ihm neigen musste.

„Ich war Schlosser. Erst im Werk, später bei einer kleineren Bude. Geländer, Treppen, Reparaturen. Was eben anfiel.“

Er hatte mit sechzehn angefangen. Mehr als vierzig Jahre lang war er morgens aufgestanden, hatte sich Brote eingepackt und gearbeitet.

Dann war er auf einer Baustelle von einer Treppe gestürzt.

„Nicht tief“, sagte er. „Das ist das Lächerliche. Andere fallen höher und stehen wieder auf.“

Bei ihm waren Rücken und Knie geblieben. Erst hatte er gehofft, nach ein paar Monaten wieder arbeiten zu können, später wenigstens stundenweise.

„Ich konnte noch schweißen. Aber nicht mehr lange stehen. Und wer braucht einen, der nach zwanzig Minuten erst mal sitzen muss?“

Er erzählte es ohne Zorn. Gerade das machte es schwer, ihm zuzuhören.

Nach dem Ende seiner Beschäftigung waren Briefe gekommen, Termine, Nachfragen, neue Formulare. Seine Schwester hatte ihm eine Zeit lang geholfen, dann war sie selbst schwer krank geworden.

„Ich hab irgendwann die Umschläge liegen lassen. War keine gute Idee.“

Eine Weile hatte er bei einem Bekannten auf dem Sofa geschlafen. Dann war dessen Freundin eingezogen, und aus zwei Wochen waren längst sieben Monate geworden.

„Der hat mich nicht rausgeworfen“, sagte Gerd. „Ich bin gegangen. Man merkt doch, wann man stört.“

Inzwischen bekam er eine kleine Rente. Aber ein regelmäßiger Geldeingang war noch lange keine Wohnung, und die Jahre ohne festen Alltag hatten Spuren hinterlassen.

Manchmal schlief er in einer Unterkunft. Manchmal bei einem früheren Kollegen. Manchmal draußen.

Ich sah auf das Kätzchen.

„Und heute?“

Gerd strich ihm mit einem Finger vorsichtig über den Kopf.

„Heute weiß ich es noch nicht.“

Das war der Moment, in dem ich beinahe etwas Unüberlegtes gesagt hätte. Dass er das Tier doch abgeben müsse, dass es vernünftig wäre, dass er selbst Hilfe brauche.

Dann sah ich, wie er seine Jacke unten mit der Hand geschlossen hielt, damit das Kleine nicht herausrutschen konnte. Selbst mitten in diesem Zusammenbruch achtete er auf jede Bewegung.

„Wir müssen schauen, dass es untersucht wird“, sagte ich stattdessen.

„Ja.“ Er nickte sofort. „Ich hab neunzehn Euro vierzig. Reicht wahrscheinlich nicht.“

Das Kätzchen gab einen dünnen Laut von sich und schob die Nase unter seinen Bart. Gerd schloss die Augen.

Wieder liefen ihm die Tränen übers Gesicht.

Ich wartete, bis er ruhiger atmete.

„Die dreiundvierzig Jahre“, sagte ich schließlich. „Möchten Sie mir davon erzählen?“

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