Lange kam keine Antwort. An der nächsten Station stiegen zwei Menschen ein, jemand drängte sich mit einem Einkaufstrolley an uns vorbei.
„Meine Tochter“, sagte Gerd dann. „Die ist dreiundvierzig.“
Er wusste das Datum sofort. Den vierzehnten September, die Uhrzeit, das Gewicht.
„Zweitausenddreihundertzwanzig Gramm. Sie hatte so einen roten Flaum auf dem Kopf. Wie das hier.“
Sein Finger blieb über dem orangefarbenen Fell stehen.
„Ich hatte Angst, dass ich sie kaputtmache. Die Schwester hat gelacht und gesagt, ich soll mich hinsetzen. Dann hat sie mir das Kind gegeben.“
Er sah nicht mehr mich an. Er sah irgendwohin, wo ein junger Mann auf einem Krankenhausstuhl saß und nicht wusste, wohin mit seinen großen Händen.
„Siebzehn Minuten“, sagte er.
„Woher wissen Sie das so genau?“
„Über der Tür hing eine Uhr. Ich hab ständig hingeguckt, weil ihre Mutter zurückkommen sollte. Als die Schwester sie wieder nahm, waren siebzehn Minuten rum.“
Er schluckte.
„Ich dachte damals, das ist erst der Anfang.“
Die Mutter des Kindes hieß Karin. Sie waren jung gewesen, unverheiratet, und hatten mehr gestritten, als Gerd sich damals eingestehen wollte.
Karins Eltern hatten ihn vom ersten Tag an abgelehnt.
„Ich war ihnen zu grob. Zu laut. Ein Arbeiter, der nach der Schicht noch mit den Kollegen zusammensaß. Ihr Vater fragte mich immer, ob ich denn ewig in dieser Werkstatt bleiben wollte.“
Gerd zog die Augenbrauen zusammen.
„Dabei war ich stolz auf meine Arbeit. Ich konnte was. Aber bei denen hab ich mich gefühlt, als müsste ich mich dafür entschuldigen.“
Nach der Geburt war Karin mit dem Kind zu ihren Eltern gezogen. Aus Besuchen waren Diskussionen an der Haustür geworden.
Mal schlief das Baby. Mal war Karin erschöpft. Mal sollte er vorher anrufen, und wenn er anrief, war niemand zu sprechen.
„Ich war auch kein einfacher Mensch“, sagte Gerd. „Das will ich gar nicht behaupten.“
Einmal hatte er im Hausflur so gebrüllt, dass ein Nachbar gekommen war. Er hatte niemanden angefasst, aber Karin hatte geweint.
„Ich wollte, dass endlich einer zuhört. Hinterher haben natürlich nur noch alle darüber geredet, wie ich aufgetreten bin.“
Es folgten Gespräche bei einer Beratungsstelle, Briefe zwischen Anwälten und einige Besuchstermine. Gerd nahm sich frei, brachte winzige Kleidungsstücke mit und kam meistens mit ihnen wieder nach Hause.
„Beim letzten Mal war sie sechs Monate alt. Ihre Oma hatte sie auf dem Schoß. Ich durfte ihr eine Rassel zeigen.“
Er rieb mit dem Daumen über den Saum seiner Jacke.
„Auf den Arm nehmen durfte ich sie nicht. Sie wäre gerade so unruhig, hieß es.“
Dann war Karin umgezogen. Zunächst hatte er noch eine Adresse gehabt, später kamen Briefe zurück.
Er hatte Karten geschickt, zum Geburtstag und zu Weihnachten. Einmal hatte er ein Puppenbett gebaut, mit abgerundeten Ecken und kleinen Holzrädern.
„Drei Abende hab ich die Streben geschliffen. Damit nirgends ein Splitter ist.“
Das Paket kam ungeöffnet zurück. Das Puppenbett hatte er jahrelang im Schlafzimmer stehen lassen.
„Haben Sie später noch versucht, sie zu finden?“, fragte ich.
Er nickte.
Als seine Tochter achtzehn war, hatte er über frühere Bekannte eine Verbindung zu Karin hergestellt. Nicht direkt, nur über mehrere Menschen, die einander noch kannten.
Die Antwort war auf einem einzelnen Blatt gekommen.
Karin habe inzwischen eine Familie. Die Tochter trage einen anderen Nachnamen. Sie wisse nichts von ihm.
Gerd verstummte.
„Was stand noch darin?“
Er presste die Lippen zusammen, dann sagte er es.
„Dass man ihr erzählt hat, ich wäre gestorben.“
Ich sah ihn an, ohne sofort etwas erwidern zu können.
„Das hat Karin geschrieben?“
„Ja.“
„Und Sie haben nie mit Ihrer Tochter selbst gesprochen?“
„Nein.“
Er fuhr mit der freien Hand über sein Gesicht.
„Karin schrieb, ich solle das Mädchen nicht durcheinanderbringen. Sie sei glücklich. Ich sollte sie in Ruhe lassen, wenn ich sie wirklich lieb hätte.“
Ein Mann gegenüber legte sein Telefon auf den Oberschenkel. Eine ältere Frau neben der Tür hatte längst aufgehört, in ihrer Tasche zu suchen.
Gerd bemerkte es nicht.
„Ich hab den Brief einem Kollegen gezeigt. Der sagte, sie ist jetzt erwachsen, sie kann das selbst entscheiden. Aber ich dachte immer: Was, wenn ich da auftauche und alles kaputtmache?“
Er schüttelte den Kopf.
„Und irgendwann konnte ich mir selber nicht mehr erklären, warum ich so lange gewartet hatte.“
Ich hätte ihm gern einen Satz gesagt, der diese Jahre leichter machte. Mir fiel keiner ein.
Er hatte Unrecht erlebt. Und er hatte Entscheidungen getroffen, die sich nicht mehr zurücknehmen ließen. Beides saß jetzt neben mir, in einer zerrissenen Arbeitsjacke.
„Sie heißt Anja“, sagte er. „Vielleicht hab ich Enkel. Vielleicht bin ich denen schon mal auf der Straße begegnet.“
Das Kätzchen reckte sich an seinem Hals hoch. Er hielt sofort die Hand darunter.
„Als ich das Schreien hinter dem Krankenhaus hörte, war ich wieder in diesem Zimmer. Ich weiß, das ist bloß eine Katze.“
„Sie müssen das nicht kleinreden.“
Er sah mich zum ersten Mal direkt an.
„Als ich sie hochgenommen hab, war sie still. Nicht sofort ganz, aber fast. Und dann dachte ich, vielleicht kann ich doch noch für jemanden gut sein.“
Bei dem letzten Satz versagte ihm die Stimme.
Die ältere Frau gegenüber stand auf. Sie mochte Mitte siebzig sein, trug eine gesteppte Weste und hatte einen zusammengefalteten Einkaufsbeutel auf dem Schoß gehabt.
Jetzt hielt sie Gerd einen Zwanzig Euroschein hin.
„Für die Untersuchung.“
Er starrte auf das Geld.
„Das müssen Sie nicht.“
„Weiß ich.“
Sie wartete, bis er die Hand öffnete, und legte den Schein hinein.
„Ich heiße Renate. Meine Katze ist im Januar gestorben. Das Futter steht immer noch im Schrank.“
Ein junger Mann mit Kopfhörern um den Hals beugte sich vor.
„Ich hab nur zehn bar. Wenn das hilft.“
Er legte den Schein neben Renates Geld. Danach kam eine Frau mit einer Stofftasche, dann der Mann, der zuvor sein Telefon weggelegt hatte.
Niemand hielt eine Rede. Niemand versuchte, ein Foto zu machen.
Gerd sah immer wieder von den Scheinen zu den Gesichtern. Seine Hand zitterte so stark, dass ich ihn fragte, ob ich das Geld für ihn in eine Jackentasche stecken dürfe.
„Ich kann das nicht zurückzahlen.“
„Verlangt auch keiner“, sagte Renate. „Aber lassen Sie das Kleine bitte heute noch anschauen.“
Der junge Mann suchte bereits auf seinem Telefon nach einer Praxis. Er zeigte mir die Adresse, und ich rief an.
Eine Sprechstundenhilfe hörte sich an, was passiert war. Dann sagte sie, wir könnten kommen, müssten allerdings etwas warten.
„Wir?“, fragte Gerd, als ich auflegte.
„Ich begleite Sie.“
„Sie haben bestimmt was vor.“
Ich dachte an meine leere Küche und an das Brot, das dort auf mich wartete.
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