„Das kann warten.“
Am Ende steckten hundertfünfundsechzig Euro in seiner Tasche. Gerd ließ mich zweimal nachzählen, weil er Angst hatte, sich zu irren.
Dann bemerkte ich die Frau mit der hellen Handtasche. Sie war aufgestanden und kam den Gang zurück.
Gerd zog den Ellbogen näher an seinen Körper, als müsse er Platz schaffen. Die Frau blieb vor ihm stehen.
„Ich war vorhin ziemlich unfreundlich“, sagte sie.
Er hob die Schultern.
„Sie dürfen sich hinsetzen, wo Sie wollen.“
„Darum geht es nicht.“
Sie sah kurz zu mir, dann wieder zu ihm.
„Ich habe gedacht, ich weiß schon, wer Sie sind. Dabei wusste ich gar nichts.“
Für einen Moment war nur das Rattern der Bahn zu hören. Dann zog sie eine Karte aus ihrer Tasche.
„Ich arbeite in der Wohnungsverwaltung. Ich kann Ihnen keine Wohnung versprechen. Aber ich kenne eine Beratungsstelle, die sich Zeit nimmt. Wenn Sie möchten, rufe ich morgen mit Ihnen dort an.“
Gerd nahm die Karte nicht gleich.
„Ich hab schon einige Adressen.“
„Das glaube ich Ihnen.“
Sie schrieb eine Nummer auf die Rückseite.
„Deshalb steht hier mein direkter Anschluss. Mein Name ist Claudia.“
Er betrachtete sie eine Weile, dann nahm er die Karte. Er steckte sie vorsichtig zu dem Geld, als hätte sie denselben Wert.
Als wir ausstiegen, kamen Renate und der junge Mann mit auf den Bahnsteig. Der junge Mann hatte einen sauberen Stoffbeutel dabei, den er mit seinem Pullover auspolsterte.
Gerd setzte das Kätzchen hinein, behielt die Hand aber dicht darüber. Beim Gehen musste er öfter stehen bleiben.
Jetzt verstand ich auch, weshalb er auf dem Sitz so schief gesessen hatte.
Renate wartete jedes Mal, ohne ihn zu drängen. An der Straße sagte sie, sie werde das Katzenfutter zu Hause holen und später vorbeibringen, falls die Praxis sage, dass es geeignet sei.
„Und dann schauen wir wegen heute Nacht“, fügte sie hinzu.
Gerd nickte. Mehr brachte er gerade nicht heraus.
In der Praxis saßen wir fast eine Stunde zwischen zwei Hunden und einer geschlossenen Transportbox. Gerd entschuldigte sich dreimal für den Stoffbeutel, bis die Sprechstundenhilfe eine kleine Box aus dem Lager brachte.
Die Tierärztin schätzte das Kätzchen auf etwa sieben Wochen. Es war dünn und brauchte Versorgung, aber es gab keinen Grund, gleich vom Schlimmsten auszugehen.
Außerdem war es ein Weibchen.
„Na, da hab ich dich ja ganz falsch angesprochen“, murmelte Gerd.
Die Tierärztin zeigte ihm, worauf er achten sollte, und schrieb es zusätzlich auf. Er hörte so aufmerksam zu, als ginge es um eine Prüfung, von der sein ganzes Leben abhing.
Als sie nach dem Namen fragte, schüttelte er zunächst den Kopf.
„Hab ich noch nicht.“
Wir warteten.
Gerd sah in die Box. Das Kätzchen lag auf dem Pullover und blinzelte zu ihm hoch.
„Frieda“, sagte er schließlich.
Auf dem Heimweg fragte ich, weshalb.
„Meine Oma hieß so. Bei der konnte man immer bleiben. Auch wenn man Mist gebaut hatte.“
Er strich mit einem Finger über das Gitter der Box.
„So soll sie es auch haben.“
Frieda brachte Gerd nicht über Nacht zurück in ein geordnetes Leben. In den ersten Tagen war ihre Versorgung sogar ein zusätzliches Problem.
Die Unterkunft, in der er gelegentlich schlief, konnte sie nicht aufnehmen. Renate bot deshalb an, Frieda vorübergehend zu sich zu nehmen.
Gerd wurde ganz still.
„Nur, bis etwas anderes geregelt ist“, sagte sie. „Sie können jeden Tag kommen.“
Ich sah, wie sehr ihn dieses Angebot zugleich erleichterte und verletzte. Wieder sollte etwas, das er liebte, hinter einer fremden Wohnungstür verschwinden.
„Ich geb sie Ihnen nicht weg“, sagte Renate leise. „Ich passe auf sie auf.“
Gerd betrachtete sie lange. Dann fragte er nach ihrer Adresse.
Am nächsten Morgen stand er eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit vor ihrem Haus. In der Hand hielt er eine Tüte mit dem Futter, das die Tierärztin empfohlen hatte.
Renate ließ ihn herein und stellte ihm Kaffee hin. Frieda kletterte auf seinen Schoß, als wäre der Besuch genau so vorgesehen gewesen.
Von da an kam er jeden Tag.
Er säuberte das Katzenklo, fütterte sie und schrieb in ein Schulheft, wann sie gefressen hatte. Renate sagte später, sie habe seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr so regelmäßig am Küchentisch gesessen.
Claudia hielt ebenfalls Wort. Sie telefonierte, begleitete Gerd zu einem Gespräch und half ihm, seine Unterlagen zusammenzusuchen.
Es gab Rückschläge. Ein Zimmer war schon vergeben, bei einer anderen Möglichkeit passten die Bedingungen nicht, und einmal ging Gerd zu einem Termin nicht hin.
„Ich konnte an dem Morgen einfach nicht“, sagte er mir am Telefon.
Früher hätte er sich danach wahrscheinlich wochenlang nicht mehr gemeldet. Diesmal rief er selbst bei der Beratungsstelle an und vereinbarte einen neuen Termin.
Nach mehreren Wochen bekam er ein kleines möbliertes Zimmer in einem Haus, in dem er Unterstützung im Alltag erhalten konnte. Frieda durfte mit einziehen.
Als ich ihn dort besuchte, standen auf dem Tisch ein Wasserkocher, zwei Tassen und das Schulheft. Vor dem Fenster lag ein gefaltetes Handtuch, auf dem Frieda schlief.
Gerd zeigte mir alles. Auch den Schrank, den es nicht viel zu füllen gab, und das Bad am Ende des Flurs.
„Die Tür lässt sich abschließen“, sagte er.
Dann hielt er mir den Schlüssel hin. Nur einen Augenblick, aber ich begriff, dass er wollte, dass jemand ihn sah.
Von seiner Tochter sprach er zunächst kaum. Ich fragte nicht nach.
Erst im Winter, als ich einmal Kaffee mitbrachte, legte er einen alten Umschlag auf den Tisch. Das Papier war an den Faltstellen beinahe durchsichtig.
Es war Karins Brief.
„Den hab ich immer mitgeschleppt“, sagte er. „Alles Mögliche verloren, aber den nicht.“
Ich las ihn erst, als er mich darum bat. Die Worte waren knapp und kühl, und ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie oft er sie gelesen haben musste.
„Ich möchte versuchen, Anja einen Brief zukommen zu lassen“, sagte er. „Ohne sie zu überfallen. Ohne irgendwas zu verlangen.“
Wir saßen lange daran. Er wollte ganze Jahre erklären und strich sie wieder, weil es nach Entschuldigung klang.
Schließlich schrieb er mit seiner eigenen, kantigen Handschrift.
Dass er lebte. Dass er oft an sie gedacht hatte. Dass er Fehler gemacht und viel zu lange gezögert hatte.
Und dass sie selbst entscheiden dürfe, ob sie Kontakt wolle.
Er legte kein Foto von Frieda dazu. Er erzählte auch nichts von der U Bahn oder von der Wohnungslosigkeit.
„Sie soll mich nicht aus Mitleid treffen“, sagte er.
Über eine Beratungsstelle wurde ein vorsichtiger Versuch begonnen, den Brief weiterzuleiten. Es dauerte, und bis heute weiß Gerd nicht, ob Anja ihn gelesen hat.
Ich wünschte, ich könnte etwas anderes erzählen. Dass eines Tages eine Frau vor seiner Tür stand und ihn Vater nannte.
Aber so weit ist diese Geschichte nicht.
Sie ist bei einem Mann, der wieder seine Post öffnet. Der Renates Einkauf hochträgt, soweit sein Rücken es zulässt, und mit einem früheren Kollegen mittwochs Kaffee trinkt.
Sie ist bei Claudia, die manchmal fragt, wie es Frieda geht, und bei einem jungen Mann, dessen Pullover inzwischen von Katzenkrallen ruiniert ist und der ihn trotzdem nicht zurückhaben möchte.
Und sie ist bei Gerd, der noch immer schlechte Tage hat. Tage, an denen er nicht viel spricht und das alte Leben sehr weit entfernt scheint.
Vor Kurzem saß ich wieder in seinem Zimmer. Frieda war längst kein winziges Bündel mehr, sondern eine junge Katze, die meine Einkaufstasche untersuchte.
Gerd schenkte Kaffee ein. Dabei fiel mir ein, was er damals in der Bahn gesagt hatte.
„Glauben Sie immer noch, dass Sie zu nichts gut sind?“
Er sah mich kurz an, dann zu Frieda. Sie hatte inzwischen den Kopf in meiner Tasche und versuchte, sich auf ein Paket Servietten zu setzen.
„Seltener“, sagte er.
Er nahm sie vorsichtig heraus und setzte sie auf seinen Schoß. Sofort legte sie eine weiße Pfote auf seine Hand.
Dieselbe Hand mit der dicken Narbe am Daumen.
„Morgen muss ich früh raus“, sagte er. „Kontrolle beim Tierarzt.“
Dann zog er das Schulheft zu sich heran und sah noch einmal nach der Uhrzeit.






