Ich wollte an dem groben Mann im Straßengraben vorbeifahren. Drei Stunden später saß ich neben ihm und hoffte, dass sein Handy endlich klingeln würde.
„Bleiben Sie stehen! Nicht näher!“
Der Mann fuhr herum, als ich die Autotür zuschlug. Ein breiter Kerl in einer verschlissenen Arbeitshose, mit weißem Bart und Händen, deren Falten auch gründliches Waschen nicht mehr sauber bekam. Neben ihm stand ein alter Transporter in einer Haltebucht an der Landstraße.
Ich blieb sofort stehen.
„Schon gut“, sagte ich. „Ich wollte nur fragen, ob Sie Hilfe brauchen.“
Er antwortete nicht. Er ging wieder in die Hocke, und erst da bemerkte ich, dass seine Schultern zitterten.
Es war kurz nach fünf. Ich kam aus dem Lager eines mittelständischen Betriebs am Rand einer Kleinstadt im Sauerland. Acht Stunden Lieferscheine, zwei Krankmeldungen und ein Streit darüber, wer am Freitag länger bleiben musste.
Ich wollte nach Hause, die Schuhe ausziehen und für eine Weile niemanden mehr hören.
Den Transporter hatte ich schon von Weitem gesehen. Dann den Mann daneben, halb im Graben, den Kopf gesenkt. Mein erster Gedanke war gewesen, dass ich mit dem lieber keinen Ärger haben wollte.
Ich kannte solche Männer, glaubte ich jedenfalls. Laut, schnell gereizt, immer überzeugt, dass alle anderen sich zu dumm anstellten.
Dann hatte ich gesehen, wie er etwas in ein blau gestreiftes Handtuch wickelte.
Jetzt stand ich ein paar Schritte hinter ihm und hörte ihn leise sprechen.
„Nicht bewegen, Kleine. Ich hab dich.“
Er hob das Bündel vorsichtig an. Aus dem Handtuch ragte eine schmale, dunkle Schnauze.
Es war ein Schäferhundwelpe.
Ein Ohr stand schon, das andere kippte zur Seite. An ihrem Fell klebten Erde und Gras. Sie hielt die Augen halb geschlossen und atmete so schnell, dass ich unwillkürlich selbst die Luft anhielt.
„Was ist passiert?“
Der Mann strich mit dem Daumen über ihren Kopf.
„Weiß ich nicht. Angefahren, vermutlich. Sie lag da unten.“
Er deutete auf die Böschung. Seine Stimme klang rau, aber nicht mehr schroff.
„Ich hab erst gedacht, da liegt eine alte Tasche. Dann hat sie den Kopf gehoben.“
Auf seiner Wange verlief eine feuchte Spur bis in den Bart.
Ich sah weg. Es kam mir unanständig vor, ihn dabei zu beobachten.
„Haben Sie jemanden angerufen?“
„Tierärztlicher Notdienst. Die Klinik in der Kreisstadt nimmt sie. Knapp zwanzig Minuten.“
Er blickte zu seinem Transporter.
„Hinten liegt Werkzeug. Vorn kann ich sie nicht festhalten und fahren. Ich krieg das allein nicht hin.“
Der letzte Satz kam kaum hörbar.
Ich sah zu meinem Wagen. Auf dem Rücksitz lagen eine Einkaufstasche und die Jacke, die ich seit drei Tagen mit ins Haus nehmen wollte.
„Ich fahre“, sagte ich. „Sie bleiben bei ihr.“
Er sah mich zum ersten Mal richtig an.
„Meinen Sie das ernst?“
„Ja. Kommen Sie.“
Er stand langsam auf. Nicht weil er zögerte, sondern weil er darauf achtete, das kleine Tier möglichst wenig zu bewegen.
Ich räumte den Rücksitz frei und hielt ihm die Tür auf. Als er sich setzte, sah ich einen dunklen Fleck auf dem Handtuch.
„Warten Sie“, sagte er.
Ich dachte, er hätte es sich anders überlegt.
Doch er griff mit einer Hand in die Brusttasche seiner Arbeitsjacke und holte sein Telefon heraus.
„Die sollen wissen, dass wir losfahren.“
Während er die Klinik anrief, gab ich die Adresse ein. Dann fuhren wir los.
An der ersten Kreuzung wurde die Ampel rot.
Ich schlug mit der Hand aufs Lenkrad. „Das darf doch jetzt nicht wahr sein.“
„Fahren Sie ordentlich“, sagte der Mann hinter mir.
Im Rückspiegel sah ich, wie er sich über den Welpen beugte.
„Sie braucht uns beide heil.“
Also blieb ich stehen. Es waren vielleicht vierzig Sekunden, aber sie fühlten sich endlos an.
„Wie heißen Sie?“, fragte ich, als wir weiterfuhren.
„Volker.“
„Ich bin Matthias.“
„Danke, Matthias.“
Mehr sagte er zunächst nicht.
Ich hörte nur seine schweren Atemzüge und dazwischen ein leises Fiepen. Jedes Mal, wenn es vom Rücksitz kam, zog sich in mir etwas zusammen.
„Ja“, murmelte Volker. „Ich weiß. Ist schlimm. Wir sind unterwegs.“
Er sprach mit ihr, als müsste sie einfach nur wissen, dass jemand da war.
Nach ein paar Minuten hob er den Kopf.
„Vorhin hab ich Sie angeschrien.“
„Schon vergessen.“
„Sie hat sich bewegt, als die Tür zuging. Ich hatte Angst, sie will noch mal runter.“
„Ist gut.“
Er nickte und sah wieder auf das Handtuch.
Ich hatte seinen Ruf als Drohung verstanden. Dabei hatte er nur versucht, einen verletzten Welpen ruhig zu halten.
„Ich wäre beinahe weitergefahren“, sagte ich.
Der Satz war heraus, bevor ich überlegen konnte, ob ich ihn wirklich sagen wollte.
Volker antwortete nicht gleich.
„Sind Sie aber nicht.“
„Weil ich das Handtuch gesehen habe.“
„Dann war’s gut, dass ich eins dabeihatte.“
Er sagte es ganz sachlich. Das machte es für mich nicht leichter.
Als wir die Klinik erreichten, stand eine Mitarbeiterin mit einer fahrbaren Liege am Eingang. Volker wartete, bis sie die Tür geöffnet hatte und ihm sagte, wie sie die Hündin übernehmen wollte.
Seine Hände lösten sich nur langsam von dem Handtuch.
„Vorsichtig hinten“, sagte er. „Da scheint was nicht zu stimmen.“
„Wir kümmern uns um sie.“
„Sie ist unterwegs stiller geworden.“
Die Mitarbeiterin nickte und schob die Liege durch eine Tür. Eine zweite Frau kam dazu. Dann waren beide mit dem Welpen verschwunden.
Volker blieb mitten im Flur stehen.
Seine Arme waren noch angewinkelt, als läge sie weiterhin darin.
„Kommen Sie“, sagte ich schließlich. „Wir setzen uns.“
Im Wartezimmer roch es nach Desinfektionsmittel und nassem Fell. An der Wand hing ein schiefes Bild mit einem Dackel darauf. Irgendwo hinter der Anmeldung klingelte ein Telefon.
Volker setzte sich auf die vordere Kante eines Stuhls.
Jetzt, unter dem hellen Licht, sah ich, dass er älter war, als ich gedacht hatte. Ende sechzig vielleicht. Sein Bart war ungleichmäßig geschnitten, an einer Augenbraue verlief eine alte Narbe.
Auf dem Knie seiner Arbeitshose war ein rechteckiger Flicken.
„Sind Sie noch berufstätig?“, fragte ich.
Er blickte auf seine Kleidung.
„So schlimm?“
„Nein. Ich dachte nur wegen des Werkzeugs.“
„Neunundsechzig. Seit vier Jahren in Rente. Früher Nutzfahrzeugmechaniker.“
Er rieb sich über die Stirn.
„Heute hab ich einem alten Kollegen geholfen, seine Werkstatt auszuräumen. Der hört jetzt auch auf.“
„Und da kam die Kleine dazwischen.“
„Ja.“
Eine Mitarbeiterin brachte uns ein Formular. Fundort, Uhrzeit, Telefonnummer.
Volker zog eine Lesebrille aus der Jackentasche. Ein Bügel war mit schwarzem Klebeband umwickelt.
Er schrieb langsam und sorgfältig.
„Besitzer bekannt?“, las er vor.
„Nein“, sagte ich.
Er hielt den Stift einen Augenblick über dem Papier und setzte dann ein Kreuz.
Wir warteten.
Ich schrieb meiner Frau, dass ich später käme. Sie fragte, ob etwas passiert sei, und ich antwortete: „Wir haben einen verletzten Hund gefunden. Bin in der Tierklinik.“
Ihre Antwort kam sofort.
„Bleib, solange du gebraucht wirst.“
Volker sah auf, als ich das Telefon wegsteckte.
„Sie müssen nicht hierbleiben. Ich kann mir später ein Taxi nehmen.“
„Ich bleibe erst mal.“
Er nickte. Ich glaube, er war erleichtert.
Nach einer Weile stand er auf und ging zum Waschbecken auf der Besuchertoilette. Als er zurückkam, waren seine Hände noch feucht.
Er setzte sich und betrachtete eine Stelle an seinem Daumen.
„Geht nicht alles ab“, murmelte er.
Ich wusste nicht, ob er den Schmutz meinte.
Fast anderthalb Stunden nach unserer Ankunft kam eine Tierärztin ins Wartezimmer. Volker stand so schnell auf, dass sein Stuhl gegen die Wand stieß.
„Lebt sie?“
Die Ärztin blieb vor ihm stehen.
„Ja. Ihr Kreislauf hat sich stabilisiert.“
Er schloss kurz die Augen.
„Sie hat einen Bruch am Hinterbein und mehrere Abschürfungen. Nach den bisherigen Untersuchungen sehen wir keine Hinweise auf schwere innere Verletzungen. Das ist erst einmal eine gute Nachricht.“
„Und das Bein?“
„Das müssen wir operativ versorgen. Danach braucht sie Ruhe und weitere Kontrollen.“
Volker fuhr sich mit der Hand über den Bart.
„Kann sie wieder laufen?“
„Die Chancen stehen gut. Wie gut genau, können wir nach der Operation besser einschätzen.“
Er nickte mehrmals, als müsste er jeden einzelnen Satz irgendwo festhalten.
Dann fragte die Ärztin, ob wir wüssten, wem die Hündin gehörte.
Wir verneinten. Sie trug kein Halsband, und bei der Untersuchung war kein Chip gefunden worden.
„Wir geben die Fundmeldung weiter und stimmen die weitere Unterbringung ab“, erklärte sie. „Zunächst versorgen wir sie hier.“
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