„Und wenn sich keiner meldet?“, fragte Volker.
„Dann braucht sie nach dem Klinikaufenthalt einen geeigneten Pflegeplatz. Es wird eine Weile dauern, bis sie wieder ein normales Hundeleben führen kann.“
Er sah zur geschlossenen Tür.
„Wie viel?“
Die Ärztin wartete einen Moment.
„Für Operation, stationären Aufenthalt und erste Nachsorge müssen Sie mit mehreren Tausend Euro rechnen. Ich kann Ihnen einen vorläufigen Kostenplan machen.“
„Machen Sie.“
„Herr …“
„Bergmann. Volker Bergmann.“
„Herr Bergmann, Sie sind der Finder. Wir sollten jetzt in Ruhe besprechen, wer welche Verantwortung übernimmt und wie wir weiter vorgehen.“
Er zog seine Geldbörse hervor.
„Ich will, dass Sie wissen, dass es an mir nicht scheitert.“
Zum ersten Mal zitterte seine Stimme wieder.
„Und falls sie einen Platz braucht, möchte ich, dass Sie mich aufschreiben.“
Die Ärztin sah ihn aufmerksam an.
„Haben Sie Erfahrung mit Hunden?“
„Vierzehn Jahre mit einem. Der ist vor drei Jahren gestorben.“
„Und jemand, der Sie unterstützen könnte?“
Volker öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah auf seine Geldbörse.
Da sagte ich: „Für heute sind wir zu zweit.“
Er drehte den Kopf zu mir.
Ich wusste selbst nicht, was ich da gerade angeboten hatte. Nur, dass ich ihn nicht wieder allein vor dieser Frage sitzen lassen wollte.
Die Ärztin holte die Unterlagen. Wir gingen die nächsten Schritte durch, und Volker fragte nach allem, was er nicht verstand.
Er wollte keine großen Versprechen hören. Er wollte wissen, wie lange sie Schmerzen haben könnte, wann sie aufstehen dürfte und was jemand zu Hause für sie tun müsste.
Als der vorläufige Betrag vor ihm lag, blieb er still.
Ich sah, wie er auf die Zahl blickte.
„Das ist viel Geld“, sagte ich leise.
„Ja.“
„Überlegen Sie in Ruhe.“
Er strich das Papier glatt.
„Tu ich gerade.“
Eine Weile hörten wir nur den Drucker hinter der Anmeldung.
Dann nahm er den Stift.
„Ich hab Rücklagen. Für die Heizung, für den Wagen, für das, was eben kommt.“
Er setzte seine Unterschrift.
„Jetzt ist das gekommen.“
Später durfte er kurz zu ihr.
Ich blieb im Wartezimmer und betrachtete den leeren Stuhl neben mir. Auf der Sitzfläche lag ein einzelnes helles Hundehaar.
Als Volker zurückkam, war sein Gesicht verändert.
Er setzte sich langsam.
„Sie hat den Kopf gehoben.“
„Als Sie kamen?“
Er nickte.
„Ich hab nur was gesagt. Da hat sie geguckt.“
Sein Mund verzog sich. Er versuchte, sich zu räuspern, aber es half nicht.
„Und mit der Schwanzspitze hat sie gewackelt.“
Ich drückte die Lippen zusammen. Vergeblich.
Volker legte mir eine Hand auf die Schulter. Sie war schwer und warm, und plötzlich saßen wir beide da und bekamen keinen ordentlichen Satz heraus.
Vor nicht einmal drei Stunden hätte ich diesem Mann ausweichen wollen.
Jetzt war ich froh, dass seine Hand auf meiner Schulter lag.
Die Operation sollte noch am selben Abend stattfinden. Wir blieben, obwohl man uns sagte, dass wir auch zu Hause auf den Anruf warten könnten.
Ich holte zwei Kaffee aus dem Automaten.
Volker probierte seinen und verzog das Gesicht.
„Den kenn ich.“
„Wen?“
„Den Kaffee. Hat bei uns vierzig Jahre in der Werkstatt gewohnt.“
Ich musste lachen. Es klang in dem stillen Raum viel zu laut.
Er lächelte kurz.
Dann saßen wir wieder da, mit den dünnen Pappbechern zwischen den Händen, und warteten.
Nach und nach erzählte er von der Werkstatt. Von einem Meister, der Schrauben am Geräusch erkannte. Von einem Lehrling, der inzwischen selbst graue Haare hatte. Von seiner Frau Helga, die ihm morgens immer vorgeworfen hatte, er würde schon vor dem Frühstück nach Motoröl riechen.
„Wie lange sind Sie verheiratet?“, fragte ich.
Sein Blick blieb auf dem Kaffeebecher liegen.
„Waren. Neununddreißig Jahre.“
„Entschuldigung.“
„Konnten Sie nicht wissen.“
Helga war seit neun Jahren tot.
Er sagte es ohne große Pause, als hätte er gelernt, diese Auskunft schnell hinter sich zu bringen. Erst später erzählte er, wie still ein Haus werden konnte, wenn man darin nur noch die eigenen Schritte hörte.
„Mit dem Hund ging’s noch“, sagte er. „Da musste man raus. Futter holen. Zum Tierarzt. Einer hat sich gefreut, wenn der Schlüssel ging.“
„Und seit der auch nicht mehr da ist?“
Volker schob den leeren Becher von sich.
„Ich helf viel bei anderen.“
Seine Tochter wohnte gut zwei Stunden entfernt. Der Sohn noch weiter weg. Beide hatten Arbeit, Familien, volle Wochen.
„Die melden sich“, sagte er schnell. „Sind gute Kinder.“
Ich hatte nichts anderes behauptet. Trotzdem verstand ich, warum er es sagte.
„Meine Tochter fragt immer, was ich gemacht habe. Dann erzähl ich vom Garten oder davon, dass ich bei jemandem eine Pumpe repariert hab.“
Er zupfte an dem Klebeband seiner Brille.
„Dass ich manchmal bis mittags mit keinem geredet habe, erzähl ich nicht.“
Ich sah ihn an.
Er hatte den Kopf gesenkt, und ich ließ ihm die paar Sekunden, bis er weitersprach.
„Noch einen Hund wollte ich nicht. Ich hab zu meiner Tochter gesagt: In meinem Alter fang ich damit nicht wieder an.“
„Und jetzt?“
Er sah zu der Tür, hinter der die Hündin operiert wurde.
„Jetzt muss ich wohl noch mal mit ihr reden.“
Ich dachte an meinen Vater.
Er hatte bis zu seiner Rente als Maurer gearbeitet. Ein stiller Mann mit kaputten Knien, der Hilfe fast immer ablehnte und jeden Besuch mit der Frage begann, ob am Auto alles in Ordnung sei.
Ich hatte ihn seit fünf Wochen nicht gesehen.
Nicht aus Streit. Es war immer etwas gewesen.
„Alles gut?“, fragte Volker.
„Ja. Ich muss nur morgen jemanden anrufen.“
Er nickte, ohne nachzufragen.
Kurz vor zehn kam die Ärztin.
Die Operation war gut verlaufen. Die Hündin würde die Nacht überwacht werden und voraussichtlich noch einige Tage bleiben müssen.
Volker stand da, beide Hände flach auf den Oberschenkeln.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






