„Gut“, sagte er.
Dann noch einmal: „Gut.“
Er setzte sich wieder, als hätten seine Beine erst jetzt gemerkt, wie lange sie ihn getragen hatten.
Auf der Rückfahrt redeten wir wenig.
Als wir seinen Transporter erreichten, war die Haltebucht leer bis auf das alte Fahrzeug. Volker stieg aus und ging noch einmal ein paar Schritte zur Böschung.
Ich blieb neben dem Wagen stehen.
Er leuchtete mit seinem Telefon ins Gras. Dorthin, wo sie gelegen hatte.
„Was suchen Sie?“
„Nichts.“
Er kam zurück, steckte das Telefon ein und blieb vor mir stehen.
„Ich wollte nur noch mal gucken.“
Wir tauschten Nummern aus. Ich speicherte ihn als „Volker Hund“ und schämte mich sofort ein bisschen dafür, aber einen Nachnamen hatte ich in der Aufregung schon wieder vergessen.
„Melden Sie sich, wenn Sie was hören“, sagte ich.
„Mach ich.“
Dann gab er mir die Hand.
Es war ein fester Handschlag, aber er hielt nicht lange an. Volker war offenbar keiner, der aus einem Abschied viel machte.
Am nächsten Morgen bekam ich um halb acht eine Nachricht.
„Nacht gut überstanden. Hat etwas gefressen.“
Darunter ein unscharfes Foto.
Man sah hauptsächlich eine Decke, ein Stück Fell und das halbe Bein eines Behandlungstisches. Ich zeigte es meiner Frau beim Frühstück.
„Das ist sie?“
„Ja.“
Sie vergrößerte das Bild mit zwei Fingern.
„Dann braucht der Mann wohl noch Übung beim Fotografieren.“
Ich lachte. Danach rief ich meinen Vater an.
Er fragte sofort, ob etwas kaputt sei.
„Nein“, sagte ich. „Ich wollte fragen, ob ich am Samstag zum Frühstück kommen kann.“
Am anderen Ende blieb es kurz still.
„Brötchen brauchst du nicht mitbringen“, sagte er dann. „Die hol ich.“
Volker besuchte die Hündin jeden Tag.
Er brachte kein Spielzeug mit, solange niemand ihm sagte, dass es sinnvoll war. Dafür hatte er ein kleines kariertes Heft gekauft.
Darin notierte er alles: Termine, Rückfragen, was sie gefressen hatte und was die Ärztin über die nächsten Wochen sagte.
Als ich ihn am vierten Tag in der Klinik traf, saß er mit einer Frau im Eingangsbereich.
Sie hatte dieselben hellen Augen wie er.
„Meine Tochter“, sagte er. „Katrin.“
Sie stand auf und gab mir die Hand.
„Sie sind also Matthias.“
Ich wusste nicht, ob das eine freundliche Feststellung war.
„Papa hat mir gestern erzählt, was passiert ist“, sagte sie. „Einen Tag vorher wusste ich nur, dass er eine neue Aufgabe hat.“
Volker sah auf sein Heft.
„War ja noch nicht alles klar.“
Katrin setzte sich wieder.
Sie war nicht gegen den Hund. Sie hatte Angst, ihr Vater könnte sich übernehmen. Wegen des Geldes, wegen seines Rückens, wegen der vielen Jahre, die so ein junger Hund noch vor sich hatte.
„Das ist keine kaputte Maschine, die du nach drei Wochen wieder abgibst“, sagte sie.
„Weiß ich.“
„Und du musst sagen, wenn du Hilfe brauchst.“
„Weiß ich auch.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, Papa. Wissen und machen ist bei dir nicht immer dasselbe.“
Er widersprach nicht.
Stattdessen schlug er sein Heft auf und zeigte ihr die Seite, auf der er Fragen für zu Hause gesammelt hatte.
Ganz unten stand: „Was, wenn ich krank werde?“
Katrin las es und wurde still.
Dann zog sie das Heft zu sich herüber.
„Dann schreiben wir das jetzt dazu.“
Ich ging einen Kaffee holen und ließ die beiden allein.
Als ich zurückkam, saßen sie dicht nebeneinander. Katrin schrieb, Volker zeigte auf eine Stelle, und zum ersten Mal sah die Sache weniger nach der Entscheidung eines einsamen Mannes aus als nach etwas, das auch andere mittragen konnten.
Es meldete sich niemand, der die Hündin vermisste.
Die Klinik, die zuständige Stelle und die Menschen, die ihre weitere Unterbringung begleiteten, blieben in Kontakt. Volker musste warten, Fragen beantworten und zeigen, dass er ihr einen geeigneten Platz bieten konnte.
Er beschwerte sich kein einziges Mal.
„Ist doch richtig“, sagte er. „Die kennen mich ja nicht.“
Als sie zunächst zur Pflege zu ihm durfte, war sein Haus vorbereitet.
Im Wohnzimmer lagen rutschfeste Läufer. Vor der Treppe stand ein Gitter. Neben einem niedrigen Hundebett hatte er seine alte Matratze auf den Boden gelegt.
Ich zeigte darauf.
„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“
„Nur für die ersten Nächte.“
„Sie haben einen Rücken.“
„Eben. Deshalb hab ich eine Matratze genommen.“
Die Kleine hieß inzwischen Lotte.
Volker hatte den Namen leise ausprobiert, als sie noch in der Klinik lag. Sie hatte ihn angesehen, und damit war die Sache für ihn entschieden gewesen.
Katrin hatte ein ordentliches Schild für die Medikamentenzeiten geschrieben. Ihr Bruder hatte zugesagt, bei Bedarf einzuspringen. Ich übernahm eine Fahrt zur Nachkontrolle, weil Volkers Transporter wieder einmal in seiner eigenen Werkstatt stand.
„Ausgerechnet jetzt“, knurrte er.
Es tat gut, ihn über etwas so Alltägliches schimpfen zu hören.
Die Wochen danach waren mühsamer, als es auf einem schönen Foto ausgesehen hätte.
Lotte wollte sich bewegen, lange bevor sie es wieder durfte. Volker schlief schlecht, sorgte sich bei jedem ungewohnten Laut und rief einmal in der Klinik an, weil sie ihr Futter stehen ließ.
Er hielt sich an die vereinbarten Kontrollen und schrieb weiter in sein Heft.
Manchmal besuchte ich die beiden nach der Arbeit.
Dann saß der Mann, den ich an der Landstraße für einschüchternd gehalten hatte, auf einem niedrigen Hocker neben einem Hundebett und zerschnitt ein altes Handtuch in Streifen, weil Lotte gern etwas Weiches zwischen den Vorderpfoten hielt.
„Das gute Geschirrtuch hat sie auch versucht“, sagte er.
„Und?“
„Hab ich gerettet.“
Nach sechs Wochen schickte er mir wieder ein Foto.
Diesmal war die ganze Hündin darauf. Sie stand auf allen vier Pfoten auf dem Küchenläufer, noch etwas vorsichtig, mit einem schief sitzenden Halsband.
Die Nachricht darunter lautete:
„Lotte wartet auf ihren Fahrer.“
Ich fuhr am Samstag hin.
Volker öffnete mit einem Finger vor den Lippen, als könnte Lotte verstehen, dass sie sich nicht zu sehr freuen sollte. Hinter ihm hörte ich ihre Pfoten, dann kam sie langsam um die Ecke.
Sie roch an meiner Hand.
Ich ging in die Hocke, und sie legte ihr Kinn auf mein Knie.
„Na, du“, sagte ich.
Mehr bekam ich erst einmal nicht heraus.
Volker stand neben uns. Er hatte frische Brötchen geholt und den Tisch für drei gedeckt, weil meine Frau mitgekommen war.
Auf der Fensterbank lag sein kariertes Heft.
Daneben stand ein gerahmtes Foto von Helga.
Später erzählte er, dass er wieder öfter mit Katrin telefoniere. Nicht länger unbedingt, aber anders. Sie fragte nach Lotte, und irgendwann erzählte er dann auch von sich.
„Gestern hab ich ihr gesagt, dass mir der Rücken wehtut.“
Er grinste ein wenig.
„Da hat sie erst mal gar nichts gesagt. Vor Schreck wahrscheinlich.“
Die endgültige Übernahme wurde einige Zeit später geregelt. Lottes Heilung brauchte weiter Geduld, doch ihre Fortschritte waren deutlich.
Volker erzählte mir davon am Telefon.
„Dann gehört sie jetzt zu Ihnen“, sagte ich.
Er war einen Moment still.
„Ja“, antwortete er. „Jetzt steht’s auch auf dem Papier.“
Inzwischen fahre ich regelmäßig bei ihm vorbei.
Nicht immer wegen des Hundes. Manchmal trinken wir nur Kaffee an seinem Küchentisch. Manchmal sitzen wir in der Werkstatt, während er an etwas schraubt und ich ihm Werkzeug reiche, das ich meistens falsch benenne.
Lotte liegt dann in der offenen Tür und beobachtet uns.
Einmal nahm ich meinen Vater mit.
Die beiden brauchten ungefähr zehn Minuten, um herauszufinden, dass sie vor Jahrzehnten auf derselben Baustelle gearbeitet hatten. Danach war ich für eine Stunde fast überflüssig.
Als ich später die Tassen in die Küche brachte, hörte ich sie über alte Kollegen reden. Dazwischen Volkers kurzes, tiefes Lachen.
Ich blieb einen Augenblick im Flur stehen.
An der Garderobe hing noch immer seine verschlissene Arbeitsjacke. Darunter standen die schweren Schuhe, die ich an der Landstraße zuerst gesehen hatte.
Auf einem Haken daneben hing jetzt eine Hundeleine.
Vor Kurzem kam ich nach der Arbeit unangemeldet vorbei. Die Haustür war zu, aber aus dem kleinen Garten hinter dem Haus hörte ich Stimmen.
Katrin war da, ihr Sohn ebenfalls. Volker saß auf der Bank und hielt Lotte eine Hand hin. Sie legte ihm einen zerfledderten Stoffball hinein und wartete.
„Nicht weit“, ermahnte Katrin ihn.
„Ich weiß.“
Er rollte den Ball ein kurzes Stück über die Platten. Lotte ging hinterher, hob ihn auf und brachte ihn zurück.
Dann entdeckte Volker mich am Gartentor.
„Matthias“, rief er. „Komm rein. Kaffee ist noch da.“
Lotte war schon auf dem Weg zu mir.
Ich öffnete das Tor und wartete, bis sie angekommen war. Als ich mich zu ihr hinunterbeugte, stieß sie ihre Schnauze gegen meine Hand, warm und ungeduldig.
Hinter ihr rückte Volker auf der Bank ein Stück zur Seite.






