Zwei Mädchen warteten allein an der Haltestelle, bis ein schweigsamer Handwerker stehenblieb

Zwei kleine Mädchen saßen mit Warnwesten und einem blauen Luftballon an der Haltestelle. Als mein Freund den Zettel neben ihnen las, musste er sich setzen.

„Gehen Sie bitte nicht so nah ran.“

Das ältere Mädchen hatte den Arm um seine Schwester gelegt. Sie rückte auf der Bank nach hinten, als Jochen stehen blieb. Seine Arbeitsschuhe waren staubig, am Daumen klebte noch ein Rest schwarzes Schmierfett.

Jochen hob beide Hände und trat einen Schritt zurück.

„Ist in Ordnung. Ich bleib hier. Wir wollten bloß fragen, ob ihr auf jemanden wartet.“

Es war kurz nach sieben an einem Samstagmorgen. Wir kamen vom Bäcker, zwei belegte Brötchen in einer Papiertüte, und wollten in Jochens Werkstatt einen alten Küchenschrank abschleifen. Seit wir beide nicht mehr arbeiteten, brauchten unsere Samstage trotzdem einen Anfang.

An dieser Haltestelle am Rand unserer Kleinstadt hielt um die Uhrzeit kein Bus. Das wusste ich, weil ich dort vierunddreißig Jahre lang zur Frühschicht eingestiegen war.

Die Mädchen trugen viel zu große gelbe Warnwesten über dünnen Pullovern. Zwischen ihnen stand eine braune Einkaufstüte. Ein blauer Luftballon war mit Geschenkband an der Armlehne befestigt.

Die Kleine weinte lautlos. Ihre Schwester hielt ihr einen Ärmel vors Gesicht und wischte damit die Nase ab.

„Wo ist denn eure Mama?“, fragte ich.

Das ältere Mädchen sah erst mich an, dann Jochen. Bei mir blieb ihr Blick an der Narbe über der Augenbraue hängen, bei ihm an seinem grauen Bart.

„Mama hat was aufgeschrieben“, sagte sie. „Für jemanden, der lieb ist.“

Sie zeigte auf die Tüte.

Ich heiße Thomas, war damals dreiundsechzig und hatte den größten Teil meines Lebens Motoren repariert. Jochen und ich kannten uns seit der Ausbildung. Er konnte mit zwei Sätzen eine ganze Werkhalle zum Schweigen bringen, obwohl er sich selbst für einen zurückhaltenden Menschen hielt.

Fremde hielten ihn oft für schlecht gelaunt. Dabei hörte er nur auf einem Ohr schlecht und musste sich konzentrieren, wenn jemand sprach.

„Darf ich nachsehen?“, fragte er.

Das Mädchen nickte.

In der Tüte lagen ein angeschnittenes Brot, zwei Trinkpäckchen, Unterwäsche und zwei zusammengerollte Schlafanzüge. Ganz unten steckte ein gefaltetes Blatt aus einem karierten Schreibblock.

Jochen las es. Dann setzte er sich auf den niedrigen Mauervorsprung neben der Haltestelle und reichte es mir.

„Bitte kümmern Sie sich um meine Mädchen. Die Große heißt Frieda, die Kleine heißt Leni. Ich bin krank und schaffe es nicht mehr. Wir schlafen seit einigen Tagen im Auto. Ich weiß nicht mehr weiter.“

Darunter waren die Geburtstage notiert. Der dritte März. Der zwölfte April.

„Frieda mag keine Stückchen in der Marmelade. Leni braucht abends eine Geschichte, sonst hat sie Angst. Bitte sagen Sie ihnen nicht, dass ich sie nicht lieb hatte. Bitte sorgen Sie dafür, dass sie es gut haben.“

Die letzten Zeilen waren kaum lesbar. Dreimal stand dort: „Es tut mir leid.“

Keine Telefonnummer. Kein Nachname.

Ich las den Zettel ein zweites Mal, weil ich beim ersten Mal nicht alles begriffen hatte. Dann sah ich auf die Warnwesten. Auf den Ballon. Auf die beiden kleinen Gesichter, die uns dabei beobachteten.

„Mama hat gesagt, damit sieht man uns besser“, erklärte Frieda und zog an dem gelben Stoff.

Jochen beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien. Als er wieder aufsah, liefen ihm Tränen in den Bart.

Ich hatte diesen Mann bei der Beerdigung seines Vaters gesehen, nach seiner Scheidung und an dem Tag, als die Halle geschlossen wurde, in der er fast sein ganzes Berufsleben gearbeitet hatte. Geweint hatte er immer erst, wenn niemand mehr dabei war.

„Seid ihr lieb?“, fragte Frieda.

Jochen wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht.

„Wir geben uns Mühe.“

Ich holte mein Telefon heraus und rief die Polizei. Während ich die Haltestelle beschrieb, stand die Kleine auf. Sie ging zu Jochen und hielt sich an seiner Jacke fest.

Er bewegte sich zunächst überhaupt nicht.

„Du bleiben“, sagte sie.

„Ja“, antwortete er. „Bis jemand da ist, der uns helfen kann.“

„Auch dann.“

Jochen sah zu mir. Ich kannte diesen Blick. Er wollte etwas versprechen, das er noch gar nicht versprechen konnte.

Stattdessen sagte er: „Ich gehe nicht einfach weg.“

Frieda fragte, ob sie Ärger bekämen. Ich setzte mich mit etwas Abstand neben sie und schüttelte den Kopf.

„Ihr habt nichts falsch gemacht.“

„Mama auch nicht?“

Darauf hatte ich keine schnelle Antwort.

„Eure Mama braucht offenbar Hilfe“, sagte ich schließlich. „Jetzt sorgen wir erst einmal dafür, dass ihr welche bekommt.“

Die Streife kam wenige Minuten später. Eine Beamtin ging vor den Kindern in die Hocke, während ihr Kollege leise mit mir sprach. Jochen blieb neben Leni stehen, die seine Jacke noch immer nicht losließ.

Frieda konnte sagen, dass ihre Mutter Miriam hieß. Das Auto sei grau. Früher hätten sie in einer Wohnung mit einer grünen Küche gewohnt. Einen Nachnamen nannte sie auch, aber sie sprach so leise, dass die Beamtin behutsam nachfragen musste.

Wir fuhren anschließend in einen geschützten Raum der Polizeiwache. Die Kinder sollten nicht an der Straße warten müssen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes war unterwegs.

„Dürfen die mit?“, fragte Frieda und zeigte auf uns.

Die Beamtin sah zu Jochen. Dann zu mir.

„Wenn die beiden Herren Zeit haben.“

Jochen machte einen Laut, der unter anderen Umständen ein Lachen gewesen wäre.

„Heute haben wir Zeit.“

Frau Seidel vom Jugendamt hatte eine Stofftasche dabei und sprach mit den Mädchen, ohne sie mit Fragen zu überschütten. Sie erklärte, dass eine Familie auf sie wartete, bei der sie zunächst gemeinsam wohnen könnten.

Beim Wort „wohnen“ begann Leni wieder zu weinen.

„Aber wir haben die doch gefunden“, sagte Jochen.

Frau Seidel ließ ihn ausreden. Das rechne ich ihr bis heute hoch an.

„Ja“, antwortete sie. „Und Sie haben sehr gut reagiert. Jetzt müssen wir herausfinden, was die Kinder brauchen und wo ihre Mutter ist.“

„Bei mir ist Platz.“

„Das glaube ich Ihnen.“

„Ein ganzes Zimmer.“

Sie setzte sich ihm gegenüber.

„Herr Behrens, ein freies Zimmer ist ein Anfang. Aber wir können zwei verängstigte Kinder nicht nach ein paar Stunden bei Menschen unterbringen, die wir gerade erst kennengelernt haben.“

Jochen presste die Lippen zusammen. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er hasste es, wenn jemand recht hatte und er trotzdem nichts damit anfangen konnte.

Die Bereitschaftspflegemutter kam gegen Mittag. Sie hieß Anne, hatte ein ruhiges Gesicht und zwei Stofftiere im Auto. Sie stellte sich vor, setzte sich zu den Mädchen und wartete, bis Frieda ihr eine Frage stellte.

„Schlafen wir zusammen?“

„Ihr bekommt ein gemeinsames Zimmer.“

„Und der Ballon?“

„Der kommt mit.“

Als sie aufbrechen wollten, klammerte sich Leni an Jochen. Er kniete sich mühsam hin, ein Knie knackte, und nahm ihre kleinen Hände in seine.

„Du darfst mit Anne fahren. Deine Schwester bleibt bei dir.“

„Du auch kommen?“

Er sah Frau Seidel an.

„Wenn es für euch gut ist und wir das miteinander absprechen“, sagte sie.

Das war weniger, als Jochen hören wollte. Aber er nickte.

Als das Auto fort war, standen wir eine Weile auf dem Parkplatz. In meiner Jackentasche lagen noch die belegten Brötchen. Der Käse war weich geworden.

„Komm“, sagte ich. „Wir trinken erst mal einen Kaffee.“

Jochen schüttelte den Kopf.

„Ich will wissen, was man machen muss.“

„Wofür?“

Er sah mich an, als hätte ich eine dumme Frage gestellt.

„Damit das Zimmer nicht bloß leer ist.“


Am Montag rief er Frau Seidel an. Am Dienstag lag ein Notizbuch auf seiner Küchenbank, auf dessen erster Seite er geschrieben hatte: „Pflegekind. Voraussetzungen.“

Darunter standen Fragen zu Gesundheit, Alter, Alltag und Unterstützung. Neben „Unterstützung“ hatte er meinen Namen notiert.

Ich wohnte zwei Häuser weiter. Seit meine Verlobte vor vielen Jahren gestorben war, hatte ich allein gelebt. Es hatte später Beziehungen gegeben, aber keine Familie.

Jochen war seit seiner Scheidung ebenfalls allein. Kinder hatte er sich gewünscht. Darüber gesprochen hatte er zuletzt vor vielleicht zwanzig Jahren.

„Du weißt schon, dass wir keine Kinder betreuen können wie einen Motor“, sagte ich.

„Weiß ich.“

„Da tauscht man nicht ein Teil, und dann läuft alles.“

Er legte den Stift hin.

„Thomas. Ich weiß.“

Zum ersten Mal hörte ich, wie viel Angst hinter seiner Entschlossenheit steckte.

Frau Seidel versprach nichts. Sie erklärte ihm, dass zunächst die Situation der Mutter geklärt werden müsse. Wenn er sich ernsthaft für eine Pflegeaufgabe interessiere, würden Gespräche, Unterlagen, gesundheitliche Fragen und eine genaue Prüfung seines Alltags dazugehören.

„Und wenn Sie am Ende sagen, ich bin zu alt?“, fragte er.

„Dann reden wir auch darüber offen.“

Er blieb dran.

Inzwischen durften wir den Mädchen einen kurzen Gruß schicken. Frau Seidel und Anne besprachen mit ihnen, ob sie uns wiedersehen wollten. Eine Woche später saßen wir zu fünft an Annes Küchentisch.

Frieda hatte ein Bild gemalt: eine Bank, zwei gelbe Figuren und zwei große braune Gestalten.

„Warum bin ich braun?“, fragte Jochen.

„Wegen deiner Jacke.“

„Ach so.“

Leni schob ihm wortlos einen Bauklotz hin.

Er baute einen Turm, der beim sechsten Stein umfiel. Sie lachte so plötzlich, dass wir Erwachsenen erschrocken aufsahen. Dann lachte sie noch einmal.

Auf dem Heimweg sagte Jochen kein Wort. Erst vor seiner Haustür fragte er: „Sechs Steine. Mehr hab ich nicht geschafft.“

„Du wirst üben müssen.“

Er nickte ernsthaft.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen