„Ich habe dich erschreckt“, sagte er. „Das war nicht in Ordnung.“
Leni drehte an einem Ärmel.
„Bist du noch böse?“
„Wegen dem Becher nicht. Ich war müde und hab zu laut geredet.“
An dem Abend rief er mich an.
„Vielleicht kann ich das doch nicht.“
Ich ging zu ihm hinüber. Auf dem Küchentisch standen zwei ungeöffnete Ratgeber, daneben eine halbe Tasse kalter Tee.
Wir sprachen lange. Am nächsten Tag rief er auch Frau Seidel an.
Danach nahm er Unterstützung früher an. Ich übernahm feste Nachmittage. Eine Nachbarin, die die Kinder inzwischen gut kannten, wurde ebenfalls Teil des verlässlichen Kreises. Jochen lernte, Termine aufzuschreiben und Pausen zu machen.
Er lernte auch Zöpfe. Die ersten sahen aus, als hätte jemand ein Verlängerungskabel zusammengebunden.
„Das zieht“, sagte Frieda.
„Wo?“
„Überall.“
Nach drei Wochen konnte er es. Nach sechs Wochen hatte Leni beschlossen, grundsätzlich offene Haare zu tragen.
Manche Leute sahen zweimal hin, wenn Jochen mit den Mädchen unterwegs war.
Vor dem Kindergarten fragte eine Frau einmal, ob er der Großvater sei. Er verneinte.
„Dann der Onkel?“
„Ich bin ihr Pflegevater.“
Sie betrachtete seine Hände, die alte Arbeitsjacke und die beiden Kinder. Jochen merkte es. Er merkte solche Dinge immer.
Am Abend fragte er mich, ob er sich eine andere Jacke kaufen sollte.
„Weil sie kaputt ist?“
„Du weißt, was ich meine.“
Bevor ich antworten konnte, kam Frieda aus dem Wohnzimmer.
„Die Jacke muss bleiben.“
„Warum denn?“
Sie griff in die große Seitentasche.
„Da sind unsere Kastanien drin.“
Jochen sah zu mir. Dann hängte er die Jacke wieder an ihren Haken.
Mit der Zeit wurde unser Leben gewöhnlicher. Schulzettel lagen zwischen Rechnungen, am Kühlschrank hing ein Putzplan mit sehr ungleicher Arbeitsverteilung, und unter meinem Küchentisch fand ich regelmäßig kleine Socken.
Leni redete inzwischen so viel, dass Jochen gelegentlich sein schlechteres Ohr zu ihr drehte. Frieda bemerkte das sofort.
„Du musst richtig zuhören.“
„Mach ich doch.“
„Dann sag, was sie gefragt hat.“
Er konnte es nicht. Wir mussten alle lachen, sogar Jochen.
Lenis sechsten Geburtstag feierten wir in Jochens Garten. Anne kam, Frau Seidel schaute kurz vorbei, und die alten Kollegen brachten Kuchen und einen selbst gebauten Sandkasten.
Es gab blaue Luftballons, weil Leni sie sich gewünscht hatte. Einen davon befestigte sie an ihrem Stuhl.
Frieda hatte für ihre Schwester eine Karte gemalt. Darauf waren vier Menschen zu sehen, ein Haus und oben in einer Ecke eine Frau.
„Das ist Mama“, erklärte sie.
„Das habe ich erkannt“, sagte Jochen.
Er hatte ein kleines Foto von Miriam ins Wohnzimmer gestellt, nachdem die Mädchen es ausgesucht hatten. Daneben lag ein Album, das wir gemeinsam füllten. Bilder von früher, neue Fotos, aufgeschriebene Erinnerungen.
Auf einer Seite stand: „Mama hat den ersten Pfannkuchen immer verbrannt.“
Jochen verbrannte inzwischen auch gelegentlich einen. Absichtlich tat er es nicht. Er behauptete nur, unsere Pfanne habe eine schwierige Persönlichkeit.
Während die anderen Kuchen aßen, saß Leni bei mir auf dem Schoß. Frieda lehnte an Jochens Schulter.
Er betrachtete die beiden und wischte sich über die Augen.
„Schon wieder?“, fragte ich leise.
„Halt den Mund, Thomas.“
Frieda sah zu ihm hoch.
„Warum weinst du? Ist was passiert?“
Jochen schüttelte den Kopf und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ich bin froh, dass ihr hier seid.“
Sie dachte kurz nach. Dann nahm sie ihm den leeren Kuchenteller aus der Hand.
„Dann kannst du noch was essen.“
Er lachte. Diesmal blieb das Lachen eine Weile.
Ein paar Monate später schlief ich bei Jochen auf dem Sofa, weil am nächsten Morgen sehr früh ein Handwerker kommen sollte. Jochen musste mit Frieda zu einem Termin, und ich wollte bei Leni bleiben.
Gegen halb elf stand Frieda in der Wohnzimmertür. Barfuß, den Schlafanzug schief zugeknöpft.
„Darf ich was fragen?“
Jochen legte die Zeitung weg.
„Immer.“
Sie blieb an der Tür stehen.
„Wenn ich richtig schlimm werde, muss ich dann wieder weg?“
Ich richtete mich auf. Jochen stellte seine Lesebrille auf den Tisch.
„Komm mal her.“
Frieda schüttelte den Kopf.
Er blieb sitzen.
„Du musst nichts tun, damit du hier schlafen darfst“, sagte er. „Auch wenn wir streiten. Auch wenn du mal etwas kaputtmachst.“
„Aber wenn du krank wirst?“
Er sah mich an. Dann wieder sie.
„Dann hilft Thomas. Und wir haben Anne und Frau Seidel und die anderen. Wir haben darüber gesprochen.“
„Und du gehst nicht einfach?“
„Ich gehe nicht einfach.“
Sie kam langsam zu ihm. Erst als sie direkt vor ihm stand, legte er einen Arm um sie.
Später, als beide Mädchen wieder schliefen, saßen wir noch lange im Wohnzimmer. Jochen hielt die Zeitung auf dem Schoß, ohne weiterzulesen.
„Manchmal krieg ich Angst“, sagte er.
„Wovor?“
„Dass ich ihnen nicht lange genug helfen kann.“
Ich sah auf seine Hände. Die Finger waren krumm von der Arbeit. Am kleinen Finger klebte ein Pflaster mit gelben Enten.
„Morgen früh machst du Frühstück“, sagte ich. „Den Rest müssen wir weiter zusammen regeln.“
Er nickte. Das konnte er inzwischen besser.
Den alten blauen Ballon haben die Mädchen noch immer.
Er liegt mit dem Geschenkband in seiner Dose, zusammen mit einer Fahrkarte und einem kleinen Stein, dessen Bedeutung nur Leni kennt. Die Warnwesten sind längst zu klein. Frieda wollte sie trotzdem aufheben.
Neulich bat Leni mich, die Dose aus dem Regal zu holen. Sie nahm den schlaffen Ballon vorsichtig heraus und strich ihn glatt.
„Weißt du noch, als wir euch gefunden haben?“, fragte sie.
Ich wollte schon sagen, dass es andersherum gewesen war. Dann ließ ich es.
Aus der Küche rief Jochen, dass das Essen fertig sei. Man hörte Schubladen klappern und Frieda, die ihm erklärte, welche Gabel auf welchen Platz gehörte.
Leni legte den Ballon zurück und drückte mir die Dose in die Hand.
„Nicht wegmachen.“
„Nein“, sagte ich. „Die bleibt.“
Dann nahm sie meine Hand und zog mich in die Küche. Jochen stand am Herd, die alte Arbeitsjacke über einem Stuhl. Auf dem Tisch waren vier Plätze gedeckt.
„Wird aber auch Zeit“, brummte er.
Leni kletterte auf ihren Stuhl. Frieda schob mir die Schüssel hin, und Jochen setzte sich erst, als jeder etwas auf dem Teller hatte.






