Zwei Mädchen warteten allein an der Haltestelle, bis ein schweigsamer Handwerker stehenblieb

Elf Tage nach dem Morgen an der Haltestelle wurde die Mutter gefunden.

Sie lag in einem Krankenhaus, gut eine Stunde entfernt. Als sie nach einem Zusammenbruch aufgenommen worden war, hatte sie zunächst kaum Auskunft geben können. Später ließen sich ihre Angaben mit der Suche nach den Mädchen verbinden.

Frau Seidel informierte uns nur über das, was für unseren Kontakt mit den Kindern wichtig war. Die Mutter war schwer krank. Es gab keine Angehörigen, die die Mädchen kurzfristig aufnehmen konnten.

Jochen saß bei mir am Küchentisch, als er davon erzählte.

„Sie lebt“, sagte er.

Es klang erleichtert und erschrocken zugleich.

Bis dahin hatten wir in unseren Köpfen bereits eine Frau erschaffen, die einfach verschwunden war. Jetzt hatte sie einen Namen, ein Krankenzimmer und zwei Töchter, die jeden Abend nach ihr fragten.

Einige Wochen später bat Miriam darum, uns kennenzulernen. Frau Seidel begleitete das Gespräch. Die Mädchen waren an diesem Tag nicht dabei.

Miriam war siebenunddreißig. Auf dem Nachttisch lag ein Foto, auf dem Frieda und Leni mit nackten Füßen auf einem Teppich saßen.

„Sie sind die Männer von der Haltestelle“, sagte sie.

Jochen nickte.

Miriam begann zu weinen und entschuldigte sich. Immer wieder. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen, und legte sie schließlich auf meine Knie.

„Ich dachte, wenn ich mitgehe, schicken sie uns wieder weg“, sagte sie. „Ich hatte solche Angst. Ich konnte nicht mehr richtig denken.“

Wir erfuhren keine lückenlose Lebensgeschichte. Nur einzelne Stücke: eine Trennung, wechselnde Unterkünfte, verlorene Kontakte, eine Krankheit, die sie lange verdrängt hatte. Hilfe war für sie irgendwann zu etwas geworden, vor dem sie sich ebenso fürchtete wie vor dem nächsten Tag.

„Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen“, sagte sie.

Niemand im Zimmer widersprach ihr. Frau Seidel rückte ihren Stuhl näher und sprach ruhig mit ihr.

Dann sah Miriam zu Jochen.

„Haben sie sehr geweint?“

Er atmete hörbar aus.

„Ja.“

Ich war ihm dankbar für die ehrliche Antwort.

Miriam hielt sich die Hand vor den Mund. Eine Weile sagte niemand etwas.

„Aber sie waren zusammen“, fügte Jochen hinzu. „Und wir sind geblieben, bis Hilfe da war.“

Vor unserem Abschied zeigte sie auf das Foto.

„Bitte erzählen Sie ihnen später auch etwas anderes über mich.“

„Was denn?“, fragte ich.

„Dass wir sonntags Pfannkuchen gemacht haben. Und dass ich immer den ersten verbrannt habe.“

Jochen betrachtete das Bild lange.

„Das können wir uns merken“, sagte er.


Die Mädchen besuchten ihre Mutter, wenn ihr Zustand und ihre eigenen Kräfte es zuließen. Anne begleitete sie, später manchmal Frau Seidel.

Danach waren sie oft durcheinander. Frieda wurde still, Leni wütend. Einmal warf sie bei einem unserer Besuche sämtliche Bauklötze unter den Tisch.

Jochen bückte sich bereits, um sie aufzuheben, als Anne ihn sanft am Arm berührte.

„Lassen Sie ihr kurz Zeit.“

Er richtete sich wieder auf. Ich sah, wie schwer ihm das fiel.

In seinem früheren Leben musste man handeln, wenn etwas kaputtging. Jetzt lernte er, neben einem weinenden Kind zu sitzen, ohne sofort eine Lösung anzubieten.

Die Besuche wurden regelmäßiger. Wir gingen auf den Spielplatz, lasen Bücher, halfen beim Aufräumen. Wenn Leni sich vor einem lauten Geräusch erschreckte, erzählte Jochen nicht, dass sie keine Angst haben müsse. Er fragte, ob er neben ihr sitzen solle.

Frieda überprüfte jedes Mal, wann wir wiederkämen.

„Dienstag nach dem Mittagessen“, sagte er dann.

„Ganz bestimmt?“

„Wenn ich krank werde, rufe ich Anne an. Sonst Dienstag.“

Er kam immer ein paar Minuten zu früh.

Parallel gingen die Gespräche weiter. Jochen ließ sich untersuchen, reichte Unterlagen ein und nahm an Vorbereitungsterminen teil. Auch ich wurde einbezogen, weil ich im Alltag eine feste Unterstützung sein sollte.

Wir mussten darüber sprechen, was in zehn Jahren wäre. Wer einspringen konnte, wenn Jochen ausfiel. Ob er bereit war, Hilfe anzunehmen, statt alles selbst regeln zu wollen.

Diese letzte Frage traf ihn am härtesten.

„Ich habe mein Leben lang allein klarkommen müssen“, sagte er auf dem Heimweg.

„Dann wird es Zeit, dass du was Neues lernst.“

Er schnaubte. Am nächsten Morgen fragte er mich, ob ich donnerstags kochen könnte.

Es war eine kleine Frage. Für Jochen war sie groß.


Im Sommer starb Miriam.

In den Wochen davor hatte sie mit Unterstützung kurze Nachrichten für ihre Töchter aufgenommen. Nichts Feierliches. Sie erzählte, wie Frieda als Kleinkind alle Schuhe in einen Wäschekorb gepackt hatte. Wie Leni zum ersten Mal „noch mal“ gesagt hatte, ausgerechnet nach einem heruntergefallenen Butterbrot.

Für später schrieb sie Geburtstagskarten. Bei manchen schaffte sie nur wenige Zeilen.

Als die Mädchen von ihrem Tod erfuhren, waren wir nicht dabei. Anne und Frau Seidel begleiteten sie. Erst einige Tage später kamen wir zu Besuch.

Frieda fragte Jochen, ob ihre Mutter gewusst habe, dass sie wiederkommen wollte.

„Das hat sie gewusst“, antwortete er.

„Ich war beim letzten Mal böse.“

Jochen setzte sich auf den Boden, obwohl er danach nur schwer wieder hochkam.

„Weswegen?“

„Weil ich noch bleiben wollte. Und dann hab ich nicht Tschüss gesagt.“

Er sah kurz zu Anne. Sie nickte ihm zu.

„Deine Mama wusste, dass du sie lieb hast. Auch wenn du böse warst.“

Frieda stand lange vor ihm. Dann setzte sie sich auf seinen Schoß und begann zu weinen.

Am Abend fuhr ich mit Jochen nach Hause. Vor seiner Tür blieb er stehen.

„Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass sie es schafft.“

„Ich auch.“

Er rieb sich über den Bart.

„Die Kinder hätten ihre Mutter gebraucht.“

Wir gingen hinein. Zum ersten Mal seit jenem Samstag sprach er nicht über das freie Zimmer.


Es dauerte viele Monate, bis aus seiner Bereitschaft ein tragfähiger Plan wurde. Niemand drängte die Mädchen zu einer Entscheidung. Ihr Alltag bei Anne gab ihnen Halt, und die Erwachsenen achteten darauf, dass jeder neue Schritt langsam genug kam.

Jochen wurde schließlich als Pflegestelle für die beiden geprüft und vorbereitet. Ich blieb die vertraute Unterstützung aus der Nachbarschaft. Wir waren zwei alte Freunde mit getrennten Wohnungen, und genau so wurde auch besprochen, wer welche Verantwortung übernehmen konnte.

Zunächst kamen die Mädchen nachmittags zu ihm. Dann blieben sie zum Abendessen. Erst später gab es eine Übernachtung.

Für das Kinderzimmer halfen drei ehemalige Kollegen. Einer strich die Wände, einer brachte ein Bücherregal, und Erwin, der sonst bei jedem gemeinsamen Mittagessen über seine Schulter schimpfte, lag einen halben Tag auf den Knien und verlegte den Boden.

Jochen hatte rosa Farbe kaufen wollen.

„Vielleicht fragst du erst mal“, sagte ich.

Frieda wollte Grün. Leni auch, allerdings ein anderes Grün.

Am Ende wurden die Wände hellgrün, und über jedem Bett durfte ein anderes Bild hängen. Die Betten standen nebeneinander. Ein Hochbett hatten beide abgelehnt.

„Dann ist Frieda zu weit weg“, hatte Leni gesagt.

Am Tag des Umzugs kamen zwei kleine Koffer, eine Kiste Bücher und der blaue Luftballon ins Haus. Er war längst schlaff und wurde in einer durchsichtigen Dose aufbewahrt.

Anne blieb zum Kaffee. Als sie ging, weinte Leni.

Jochen stand hilflos im Flur.

„Sie darf Anne vermissen“, sagte Frieda streng.

Er nickte sofort.

„Natürlich darf sie das.“

Später erzählte er mir, dass ihn dieser Satz beschämt hatte. Er hatte so gehofft, dass die Mädchen sich bei ihm wohlfühlten, dass er für einen Augenblick vergessen hatte, wie viel Abschied in diesem Einzug steckte.


Die erste Zeit war nicht leicht.

Leni versteckte Brot unter ihrem Kopfkissen. Frieda stand nachts auf und prüfte, ob Jochens Schuhe noch im Flur waren. Wenn er zum Müllcontainer ging, ohne Bescheid zu sagen, suchten sie ihn im ganzen Haus.

Einmal wurde er laut, weil Leni zum dritten Mal ihren vollen Becher umstieß.

Sie duckte sich.

Jochen verstummte mitten im Satz.

Später setzte er sich neben sie, mit Abstand, damit sie selbst entscheiden konnte, ob sie näherkommen wollte.

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