Ich hielt ihn für eine Gefahr, bis ein Polizist mir seine Geschichte erzählte

Ein halbes Jahr lang hielt ich den Mann auf der Parkbank für eine Gefahr für meine Tochter. Bis der Polizist mit gesenkter Stimme zurückkam.

„Bitte bleiben Sie bei Ihrem Kind, Frau Bergmann. Ich spreche erst einmal mit ihm.“

Ich nickte und umklammerte den Riemen meiner Handtasche. Darin lag mein Handy mit den Fotos, die ich in den vergangenen Wochen gemacht hatte. Immer derselbe Mann. Immer dieselbe Bank. Immer sein Blick auf Ida.

Er trug eine verblichene Arbeitsjacke, obwohl er samstags offenbar nicht arbeitete. Seine Hände waren groß, die Fingerknöchel verdickt, unter einem Daumennagel saß ein dunkler Streifen, den vermutlich keine Bürste mehr herausbekam. Über seiner linken Augenbraue verlief eine helle Narbe.

Ida stand oben auf dem Klettergerüst und winkte.

„Mama, guck mal! Ohne Festhalten!“

„Beide Hände ans Geländer!“, rief ich.

Der Mann auf der Bank hob unwillkürlich den Oberkörper. Erst als Ida wieder sicher stand, ließ er die Schultern sinken.

Genau solche Dinge hatten mir Angst gemacht.

Er verfolgte jede ihrer Bewegungen. Er lächelte, wenn sie lachte. Wenn sie hinter der Rutsche verschwand, beugte er sich vor, bis er sie wieder sehen konnte.

Andere Kinder schienen für ihn kaum zu existieren.

Am Anfang hatte ich ihn für einen erschöpften Großvater gehalten. Hier, in unserer Kleinstadt bei Hannover, saßen viele ältere Männer auf Parkbänken, während ihre Enkel spielten.

Nur kam zu diesem Mann nie ein Kind.

Seit fast sechs Monaten begegneten wir ihm samstags gegen zehn Uhr. Manchmal stand eine Thermoskanne neben ihm. Manchmal hielt er eine zusammengefaltete Zeitung, in der er keine einzige Seite umblätterte.

Mein Mann Jörg hatte vorgeschlagen, den Spielplatz zu wechseln.

„Vielleicht bildest du dir den Zusammenhang ein, Maren. Aber wenn du dich unwohl fühlst, gehen wir eben woandershin.“

Wir waren zweimal zu einem anderen Spielplatz gefahren. Dort gab es keine große Kletterspinne, und Ida vermisste ihre Freundin Merle. Also kehrten wir zurück.

Der Mann saß wieder da.

An diesem Samstag hatte ich eine Polizeistreife angesprochen, die am Parkeingang hielt. Ich wollte nicht länger überlegen, ob ich übertrieb.

Jetzt stand der jüngere der beiden Beamten vor der Bank.

Der Mann in der Arbeitsjacke sah zu ihm auf. Er wirkte weder überrascht noch empört. Langsam griff er in seine Brusttasche, zog seinen Ausweis heraus und hielt ihn dem Polizisten hin.

Das Gespräch dauerte länger, als ich erwartet hatte.

Einmal deutete der Mann in unsere Richtung. Der Beamte schaute zu mir, dann wieder zu ihm. Schließlich setzte er sich für einen kurzen Moment auf das andere Ende der Bank.

Als er zurückkam, war seine Haltung eine andere.

„Er möchte Ihnen etwas erklären lassen“, sagte er. „Und er hat zugestimmt, dass ich Ihnen seinen Namen nenne. Ralf Mertens.“

Ich wartete.

„Er sagt, Ida sei seine leibliche Tochter.“

Hinter mir quietschte eine Schaukel.

Ich hörte das Geräusch so deutlich, als wäre plötzlich alles andere im Park verstummt.

„Das kann nicht sein.“

Der Beamte schwieg.

„Unsere Tochter ist adoptiert“, sagte ich schließlich. „Aber ihr Vater …“

Ich brach ab.

Was wusste ich tatsächlich über ihn?

Dass er bei Idas Geburt bereits über fünfzig gewesen war. Dass er im Gefängnis gesessen hatte. Dass ihre leibliche Mutter gestorben war und er der Adoption zugestimmt hatte.

Damals hatten diese wenigen Angaben gereicht, um in meinem Kopf ein vollständiges Bild entstehen zu lassen.

Ein Bild, das ich nie überprüft hatte.

„Ich kann seine Angaben hier nicht für Sie klären“, sagte der Polizist. „Das gehört in andere Hände. Aber er wird heute gehen. Er hat mir zugesichert, vorerst nicht wiederzukommen und keinen Kontakt zu Ihrer Tochter aufzunehmen.“

„Vorerst?“

„Sie können sich an Ihre damalige Vermittlungsstelle wenden. Er ist bereit, das ebenfalls zu tun.“

Ich schaute zur Bank.

Ralf Mertens hielt beide Hände zwischen den Knien. Sein Kopf war gesenkt.

„Warum sitzt er dann seit Monaten hier?“

Der Beamte antwortete erst nach einem Moment.

„Nach seinen Worten, weil er sehen wollte, ob es ihr gut geht.“

Ich spürte, wie meine Wut wiederkam.

„Das hätte er anders machen müssen.“

„Ja“, sagte der Polizist. „Das habe ich ihm auch gesagt.“

Er reichte mir einen verschlossenen Umschlag.

„Den hatte er bei sich. Sie müssen ihn nicht lesen.“

Auf der Vorderseite stand in kantiger Schrift: An Idas Eltern.

Ich nahm ihn, ohne etwas zu sagen.

Ralf stand auf. Er schraubte seine Thermoskanne zu, steckte sie in einen Stoffbeutel und ging über den Kiesweg zum Ausgang.

Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, schaute er nicht zu Ida.

„Mama?“

Meine Tochter stand neben mir. An ihren Handflächen klebte Sand.

„Warum ist der Mann traurig?“

Ich strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Das weiß ich noch nicht, mein Schatz.“

Es war die einzige ehrliche Antwort, die ich geben konnte.


Jörg las den Brief an unserem Küchentisch. Ich hatte ihn bereits zweimal gelesen und stand trotzdem neben ihm, als könnte ich beim dritten Mal etwas anderes darin finden.

Ida war in ihrem Zimmer und baute aus Schuhkartons eine Tierarztpraxis.

Der Brief begann ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung.

„Sie haben jedes Recht, sich Sorgen zu machen. Ich hätte Ihnen schreiben sollen, bevor ich mich auf diese Bank gesetzt habe.“

Ralf schrieb, er sei neunundfünfzig und arbeite als Mechaniker in einer kleinen Werkstatt. Nach seiner Entlassung habe er erfahren wollen, wie es seiner Tochter gehe. Er habe sich lange nicht getraut, den vorgesehenen Weg über eine Beratungsstelle zu gehen.

Dann sei er Ida zufällig begegnet.

Sie war mit Ruth Kruse unterwegs gewesen, der Frau, bei der sie vor unserer Adoption gelebt hatte. Ruth passte noch gelegentlich auf sie auf. Ralf hatte die frühere Pflegemutter erkannt und ihren Gruß gehört.

Und Idas Namen.

„Ich wollte nur einmal sehen, wie groß sie geworden ist“, schrieb er. „Dann bin ich am nächsten Samstag wiedergekommen. Irgendwann habe ich mir eingeredet, dass ich niemandem etwas wegnehme, solange ich auf der Bank bleibe.“

Darunter stand ein Satz, den ich lange ansah.

„Dass ich Ihnen damit Angst mache, habe ich gewusst und trotzdem vor mir hergeschoben.“

Jörg legte das Blatt auf den Tisch.

„Wenigstens redet er sich da nicht heraus.“

Ich deutete auf die zweite Seite.

„Lies weiter.“

Vor gut sieben Jahren hatte es einen Überfall auf eine Tankstelle gegeben. Ralf war dafür verurteilt worden. Fünf Jahre Haft. Vor etwas mehr als zwei Jahren war er entlassen worden.

Er behauptete, die Tat nicht begangen zu haben.

Anja, Idas leibliche Mutter, sei abhängig gewesen. An jenem Abend habe sie Geld beschaffen wollen. Als die Polizei ermittelte, habe Ralf erklärt, er sei es gewesen. Anja habe nichts gewusst.

Er hatte geglaubt, sie damit vor dem Gefängnis zu bewahren. Geglaubt, sie werde eine Behandlung beginnen. Geglaubt, Ida könne bei ihrer Mutter bleiben.

„Ich habe über dreißig Jahre Maschinen repariert“, stand dort. „Wenn etwas kaputt war, habe ich gesucht, bis ich die Ursache hatte. Ich dachte, bei Menschen müsste das auch gehen, wenn man nur genug aushält.“

Anja starb, während er in Haft war.

Ida kam zunächst zu Ruth, später zu uns.

„Am Ende konnte ich ihr nur noch eine Sache geben“, schrieb er. „Meine Zustimmung dazu, dass sie in einer Familie aufwachsen darf, die nicht jeden Tag auf meine Entlassung warten muss.“

Jörg rieb sich über das Gesicht.

„Das ist seine Darstellung.“

„Ich weiß.“

„Und selbst wenn es stimmt, ist das eine furchtbare Entscheidung gewesen.“

„Ich weiß.“

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander.

Als wir Ida mit drei Jahren aufgenommen hatten, war ich achtundvierzig gewesen. Jörg einundfünfzig. Nach all den Untersuchungen, Gesprächen und langen Jahren des Wartens hatte ich kaum gewagt, das kleine Bett in ihrem Zimmer fertig zu beziehen.

Ich wusste noch, wie sie in der ersten Nacht im Türrahmen gestanden hatte.

Nicht weinend. Einfach nur da.

„Ist das morgen auch noch mein Bett?“, hatte sie gefragt.

Vielleicht hatte ich deshalb alles, was vor uns gewesen war, so gern in verschlossenen Ordnern gelassen.

Weil ich wollte, dass wenigstens etwas endgültig sicher war.


Am Montag rief ich bei der Adoptionsvermittlungsstelle an.

Die Mitarbeiterin hörte mir zu, ohne meine Angst kleinzureden. Sie versprach auch nicht, aus einem Brief die Wahrheit herauslesen zu können.

„Wir sollten zuerst klären, wer er ist und welche Informationen vorliegen“, sagte sie. „Und dann überlegen wir gemeinsam, was Ida braucht.“

Es wurde keine Sache von zwei Telefonaten.

Ralf meldete sich ebenfalls dort. Er stimmte zu, dass bestimmte Unterlagen mit uns besprochen werden konnten. Wir führten mehrere Gespräche, zunächst getrennt.

Er blieb dem Spielplatz fern.

Das war das Erste, was ich tatsächlich von ihm wusste, ohne ihm glauben zu müssen: Er hielt die vereinbarte Grenze ein.

Die Identität war bald geklärt. Ralf Mertens war Idas leiblicher Vater.

Auch die Haft, Anjas Tod und seine Zustimmung zur Adoption waren dokumentiert.

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