Ich hielt ihn für eine Gefahr, bis ein Polizist mir seine Geschichte erzählte

Seine Behauptung über den Überfall ließ sich dadurch nicht beweisen. Die Mitarbeiterin sagte uns das deutlich, und ich war dankbar dafür.

Später, bei unserem ersten gemeinsamen Gespräch, fragte ich ihn direkt.

„Warum haben Sie damals nicht einfach die Wahrheit gesagt?“

Er saß uns gegenüber in einem kleinen Besprechungsraum. Ohne seine Arbeitsjacke wirkte er schmaler. Seine Hände hielt er flach auf den Oberschenkeln.

„Weil ich dachte, ich hätte noch Zeit“, sagte er.

„Wofür?“

„Um hinterher alles wieder in Ordnung zu bringen.“

Jörg verschränkte die Arme.

„Sie haben eine falsche Aussage gemacht, eine Haftstrafe in Kauf genommen und ein kleines Kind bei einer kranken Mutter gelassen. Das muss Ihnen doch klar gewesen sein.“

Ralf nickte.

Er nickte so bereitwillig, dass ich beinahe wütender wurde.

„Heute ist es mir klar. Damals habe ich nur gedacht: Wenn sie auch noch wegkommt, hat Ida niemanden mehr.“

„Es hätte Hilfe gegeben“, sagte ich.

„Ja.“

Er schaute auf seine Hände.

„Ich habe mich geschämt. Für die Schulden. Dafür, dass ich nicht gemerkt hatte, wie schlimm es geworden war. Ich wollte nicht, dass jemand in unsere Wohnung kommt und sieht, dass ich mein Leben nicht im Griff habe.“

Es klang nicht nach einem Helden.

Es klang nach einem Mann, der an einer entscheidenden Stelle alles falsch eingeschätzt hatte und seit Jahren mit den Folgen lebte.

„Ich erzähle Ihnen das nicht, damit Sie mich dafür bewundern“, sagte er. „Ich hätte Hilfe holen müssen. Viel früher.“

Dann fragte er zum ersten Mal etwas über Ida.

Ob sie nachts noch oft aufwache.

Ich schaute zu Jörg.

Früher hatte sie das getan. Jahrelang. Inzwischen nur noch selten.

„Warum fragen Sie?“

„Als sie klein war, ist sie bei jedem lauten Geräusch zusammengezuckt. Ich habe dann immer die Hand auf ihre Matratze gelegt. Nicht auf sie. Nur daneben.“

Meine Kehle wurde eng.

Ida hatte anfangs nicht gewollt, dass wir sie zum Einschlafen berührten.

Jörg hatte oft mit der Hand neben ihrem Kissen gesessen.


Ein paar Tage später besuchte ich Ruth Kruse.

Sie wohnte noch in demselben Reihenhaus. Im Flur stand dieselbe schmale Bank, auf der Ida früher ihre Hausschuhe angezogen hatte.

Ruth war inzwischen zweiundsiebzig. Sie machte keinen Kaffee, bevor sie mich fragte, ob ich Tee wollte. Solche Kleinigkeiten hatten mich schon damals beruhigt.

„Ich habe mich oft gefragt, wann das Thema kommt“, sagte sie.

„Hast du gewusst, dass er im Park sitzt?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Als ich ihn damals gesehen habe, habe ich ihm gesagt, er soll sich an die Vermittlungsstelle wenden. Eure Anschrift hätte er von mir nicht bekommen.“

Ich nickte.

Ruth ging zum Wohnzimmerschrank und holte einen Karton herunter. Darin lagen Briefe, mit Bindfaden zusammengefasst.

„Die sind aus der Zeit, als Ida bei mir war. Später kamen noch welche an meine Adresse. Ich habe sie aufgehoben und mit der Stelle besprochen, dass Ida sie bekommen kann, wenn es passt.“

Ich nahm den obersten Umschlag.

Auf der Rückseite war eine kleine Lokomotive gezeichnet.

„Er konnte ganz gut zeichnen“, sagte Ruth. „Keine Gesichter. Aber alles, was Räder hatte.“

In den Briefen standen keine großen Versprechen.

Ralf schrieb über einen Vogel vor dem Fenster. Über einen Mitgefangenen, der beim Kartenspielen immer verlor. Über eine Schraube, die er beim Arbeiten gefunden hatte und die genauso aussah wie die, nach der er einmal einen ganzen Nachmittag gesucht hatte.

Er schrieb für ein Kind, das die Buchstaben noch nicht lesen konnte.

„Heute bist du bestimmt wieder gewachsen“, stand auf einem Blatt. „Ich hoffe, jemand macht dir einen Strich an den Türrahmen.“

Ich legte es zurück.

Bei uns gab es diese Striche. Innen an der Speisekammertür, neben Jörgs alter Wasserwaage.

„Warum hat er der Adoption zugestimmt?“, fragte ich.

Ruth setzte sich mir gegenüber.

„Er hat lange gehofft, dass es nach seiner Entlassung irgendwie geht. Wohnung, Arbeit, ein Kind, das ihn kaum kannte. Irgendwann hat er verstanden, was dieses Warten für Ida bedeutet.“

Sie strich über den Kartondeckel.

„Er hat mich gefragt, ob sie wohl denken würde, er hätte sie nicht gewollt.“

Ich presste die Lippen zusammen.

„Was hast du gesagt?“

„Dass wir Erwachsenen dafür sorgen müssen, dass sie die Wahrheit erfährt, ohne unsere Last tragen zu müssen.“


Ida wusste, dass sie adoptiert war.

Wir hatten ihr nie erzählt, ich hätte sie geboren. In ihrem Bilderbuch über unsere Familie gab es Ruth, dann uns. Von ihrer ersten Mutter gab es ein Foto und einige wenige Sätze.

Über ihren ersten Vater hatten wir meist gesagt: „Darüber wissen wir noch nicht so viel.“

Jetzt wusste ich mehr.

Und ich merkte, wie gern ich trotzdem gewartet hätte.

Bis sie älter wäre. Bis ich die richtigen Worte hätte. Bis mich der Gedanke nicht mehr erschreckte, dass ein anderer Mensch einen Platz in ihrem Leben bekommen könnte, den ich nicht kontrollieren konnte.

Die Beraterin half uns, das Gespräch vorzubereiten.

Wir saßen an einem Nachmittag auf dem Teppich in Idas Zimmer. Zwischen uns lagen die Tiere aus ihrer Tierarztpraxis.

„Weißt du noch den Mann auf der Parkbank?“, fragte ich.

Ida hielt einen Stoffhund im Arm.

„Den traurigen?“

Ich nickte.

„Er heißt Ralf. Wir haben inzwischen mit ihm gesprochen. Er ist dein leiblicher Vater. Der Mann, der zu deiner ersten Familie gehört.“

Sie schaute erst mich an, dann Jörg.

„Der war im Gefängnis?“

Wir hatten das Wort früher schon einmal benutzt. Trotzdem musste ich schlucken.

„Ja“, sagte Jörg. „Das war er.“

„Kommt er jetzt und holt mich?“

Die Frage traf mich härter als alles andere.

„Nein“, sagte ich sofort. „Du wohnst hier. Du bist unsere Tochter. Daran ändert sich nichts.“

Ida drückte den Stoffhund an sich.

„Auch mein Bett nicht?“

Ich rückte näher.

„Auch dein Bett nicht.“

Wir beantworteten an diesem Nachmittag nur wenige Fragen. Manche stellte sie erst beim Abendessen, andere drei Tage später auf dem Weg zur Schule.

Ob Ralf gewusst hatte, dass sie gern Nudeln aß.

Ob er ihre erste Mutter vermisste.

Ob sie ihn treffen müsse.

„Nein“, sagte ich. „Das musst du nicht.“

Eine Woche später fragte sie, ob er immer noch traurig sei.

„Manchmal bestimmt.“

Sie dachte nach.

„Ich würde ihm gern meine Kletterspinne zeigen.“


Unser erstes Treffen dauerte vierzig Minuten.

Wir hatten es vorher vereinbart. Jörg kam mit, und die Beraterin war in der Nähe. Ralf wartete am Parkeingang, nicht auf seiner alten Bank.

Er trug eine saubere blaue Jacke. In der Hand hielt er nichts.

Später erzählte er mir, er habe drei Tage lang überlegt, ob er Blumen mitbringen dürfe. Dann sei ihm eingefallen, dass Siebenjährige mit einem Blumenstrauß auf dem Spielplatz wenig anfangen könnten.

Ida blieb dicht neben mir stehen.

„Hallo, Ralf.“

Sein Mund bewegte sich, bevor ein Ton herauskam.

„Hallo, Ida.“

„Ich kann bis ganz oben.“

„Das habe ich gesehen.“

Er verstummte und sah mich kurz an.

„Früher“, ergänzte er leise.

Ida bemerkte die Verlegenheit nicht.

„Jetzt kann ich aber auch allein wieder runter.“

„Das ist wichtig“, sagte er.

Sie ging zur Kletterspinne. Auf halbem Weg drehte sie sich um.

„Ihr müsst schon mitkommen.“

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