Ich wollte nur die Sachen meiner verstorbenen Katze abgeben, doch eine alte Tierheimkatze veränderte mein Leben für immer

Sie stand auf.

Es dauerte eine Weile. Ihre Hinterbeine wirkten steif, und sie musste kurz das Gleichgewicht suchen.

Dann ging sie zu dem Kätzchen.

Und legte sich ganz dicht neben es.

Nicht auf die Decke.

Daneben.

Auf den harten Boden.

Sie drückte ihren Körper vorsichtig gegen das Kleine, bis es sich an ihr Fell schmiegen konnte.

Das Zittern wurde allmählich weniger.

Ada senkte den Kopf.

Und blieb einfach liegen.

Ich merkte, dass mir Tränen über die Wangen liefen.

Diese alte Katze hatte nicht viel.

Kein eigenes Zuhause.

Keinen Menschen, der abends auf sie wartete.

Nicht einmal eine besonders bequeme Decke.

Aber das Wenige, das sie hatte, gab sie einem Wesen, das es gerade dringender brauchte.

„Ach, du meine Güte“, brachte ich hervor.

Hinter mir blieb Sabine stehen.

„Das ist unsere Ada“, sagte sie leise.

„Macht sie das öfter?“

Sabine nickte.

„Sie kümmert sich gern um die Kleinen. Wenn eines unruhig ist, legt sie sich dazu. Manchmal putzt sie ihnen sogar das Fell.“

Ich schaute wieder durch die Scheibe.

„Wie lange ist sie schon hier?“

„Fast sieben Monate.“

„Sieben Monate?“

„Ja. Leider interessieren sich die meisten Besucher eher für die jüngeren Katzen.“

Sabine seufzte.

„Bei Ada kommt noch dazu, dass sie etwas Arthrose hat und regelmäßig kontrolliert werden muss. Aber sie ist eine unglaublich liebe Katze.“

Ich sah auf das Schild.

Fünfzehn Jahre.

Sieben Monate Tierheim.

Und trotzdem hatte Ada noch genug Zuneigung übrig, um sich um dieses winzige Kätzchen zu kümmern.

„Hat sich denn niemand für sie gemeldet?“

Sabine schüttelte den Kopf.

„Ein paar Leute haben sie angeschaut. Aber am Ende wollten sie doch lieber eine jüngere Katze.“

Dann fügte sie hinzu:

„Ich glaube, viele haben Angst, dass sie sich zu schnell wieder verabschieden müssen.“

Dieser Satz traf mich mitten ins Herz.

Denn genau das hatte ich selbst gedacht.

Keine neue Katze.

Keine neue Liebe.

Kein neuer Abschied.

Ich ging langsam vor dem Gehege in die Hocke. Meine Knie knackten dabei so laut, dass ich fast darüber lachen musste.

Ada hob den Kopf.

Ihre Augen trafen meine.

Sie miaute nicht.

Sie kam auch nicht sofort angelaufen.

Sie schaute mich einfach nur an.

So ruhig, als hätte sie längst gelernt, von Menschen nicht mehr allzu viel zu erwarten.

Und plötzlich erinnerte ich mich an Maja.

An einen Abend vor vielen Jahren, als ich nach der Trennung von meinem Mann auf dem Badezimmerboden gesessen und geweint hatte.

Maja hatte vor der Tür gewartet.

Fast eine Stunde lang.

Als ich endlich herauskam, stand sie auf, ging neben mir her und sprang später auf meinen Schoß.

Sie konnte meine Probleme nicht lösen.

Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, warum ich traurig war.

Aber sie blieb.

Und manchmal ist genau das alles, was man braucht.

„Sabine“, fragte ich, ohne mich umzudrehen, „darf ich Ada einmal streicheln?“

„Natürlich. Ich hole sie Ihnen heraus.“

Wenig später saß ich auf einer kleinen Bank im Besucherraum.

Sabine setzte Ada vorsichtig neben mich.

Die alte Katze blieb zunächst still sitzen.

Sie schnupperte an meiner Jacke, musterte meine Hände und schaute kurz zur Tür.

Ich legte meine Hand offen neben sie.

„Hallo, meine Liebe“, sagte ich.

„Ich bin die Helga.“

Ada bewegte ihre Nase ein wenig.

Dann kam sie näher.

Ganz langsam.

Bis ihre Wange meine Finger berührte.

Ich strich vorsichtig über ihren Kopf.

Ihr Fell fühlte sich etwas rau an.

Nicht so weich wie Majas.

Auch ihr Schnurren klang anders.

Leiser.

Ein bisschen krächzend.

Aber es war da.

Und in mir begann etwas zu schmerzen, das lange wie eingefroren gewesen war.

„Weißt du“, sagte ich zu Ada, „ich bin im Moment auch nicht besonders gut drauf.“

Die Katze drückte ihren Kopf etwas fester gegen meine Hand.

„Ich habe jemanden verloren.“

Meine Stimme brach.

„Und ich weiß nicht, ob ich das noch einmal durchstehen könnte.“

Ada antwortete natürlich nicht.

Sie setzte sich nur ein wenig näher an mein Bein.

Dann legte sie eine Pfote auf meinen Oberschenkel.

Es war eine kleine Bewegung.

Nichts Besonderes, könnte man sagen.

Aber für mich bedeutete sie in diesem Moment unglaublich viel.

Ich fing an zu weinen.

Nicht ein paar stille Tränen.

Ich weinte so sehr, dass ich mein Gesicht mit beiden Händen bedecken musste.

Sabine stellte mir wortlos eine Packung Taschentücher hin.

Dann ließ sie mich in Ruhe.

Ada blieb neben mir sitzen.

Sie versuchte nicht wegzugehen.

Sie machte kein Theater.

Sie war einfach da.

Genau wie Maja damals.

Irgendwann nahm ich ein Taschentuch und wischte mir die Augen.

„Sabine?“

„Ja, Frau Neumann?“

„Was müsste ich denn machen, wenn ich Ada mit nach Hause nehmen wollte?“

Sabine sah mich überrascht an.

„Sie möchten Ada adoptieren?“

Ich schaute auf die alte Katze.

Auf ihre schiefen Schnurrhaare.

Ihre trüben Augen.

Ihre etwas steifen Beine.

„Ja“, sagte ich schließlich.

„Ich glaube schon.“

Sabine lächelte.

„Dann können wir uns in Ruhe unterhalten. Ich erkläre Ihnen alles, was Sie über ihre Gesundheit und Pflege wissen müssen.“

Wir sprachen lange.

Über Adas Futter.

Über ihre Gelenke.

Über ihre Tierarztbesuche.

Und darüber, dass niemand sagen konnte, wie viele Jahre ihr noch blieben.

Ich hörte aufmerksam zu.

Zum ersten Mal seit Monaten dachte ich nicht nur darüber nach, was ich verlieren könnte.

Sondern darüber, was ich vielleicht noch geben konnte.

Natürlich fragte ich auch nach dem kleinen Kätzchen.

Sabine erklärte mir, dass es bereits für eine spätere Vermittlung vorgemerkt war und zunächst weiter betreut werden musste.

„Ada hat ihm sehr geholfen“, sagte sie.

Ich sah noch einmal in Richtung Katzenraum.

„Dann hat sie wohl ein ziemlich großes Herz.“

Sabine lächelte.

„Das hat sie wirklich.“

Bevor ich die Unterlagen unterschrieb, fragte ich etwas, das mir wichtig war.

„Glauben Sie, dass es Ada in meinem Alter noch schwerfällt, sich an eine neue Wohnung zu gewöhnen?“

Sabine schüttelte den Kopf.

„Wir werden es langsam angehen lassen. Aber ein ruhiges Zuhause mit einem Menschen, der Zeit für sie hat, könnte genau richtig sein.“

Ich musste lächeln.

Zeit hatte ich wirklich genug.

Und Ruhe ebenfalls.

Davon gab es in meiner Wohnung beinahe zu viel.

Als ich am späten Nachmittag das Tierheim verließ, saß Ada in einer geliehenen Transportbox auf dem Rücksitz meines Autos.

Ich hatte ihren Einzug mit Sabine besprochen, alle wichtigen Informationen erhalten und die ersten notwendigen Dinge mitgenommen.

Vor der Abfahrt drehte ich mich noch einmal zu ihr um.

„Also gut, Ada“, sagte ich.

„Jetzt fahren wir beide nach Hause.“

Sie schaute mich durch das kleine Gitter an.

Dann schloss sie die Augen.

Auf der Fahrt sprach ich mit ihr.

Ich erzählte ihr von meiner Wohnung, vom Balkon und von dem großen Fenster im Wohnzimmer, durch das man die Vögel im Hof beobachten konnte.

Ich erzählte ihr auch von Maja.

„Sie war eine gute Katze“, sagte ich.

„Eine ganz besondere.“

An einer roten Ampel musste ich wieder schlucken.

„Du musst nicht so sein wie sie, Ada. Wirklich nicht.“

Ich sah kurz in den Rückspiegel.

„Du darfst einfach du selbst sein.“

Als wir zu Hause ankamen, stellte ich die Transportbox ins Wohnzimmer.

Dann holte ich Wasser, Futter und eine flache Katzentoilette.

Ich legte alles so hin, wie Sabine es empfohlen hatte, damit Ada sich in Ruhe eingewöhnen konnte.

Danach wollte ich ihre neue Schlafstelle vorbereiten.

Und da fiel mir etwas ein.

Majas graue Decke.

Sie lag noch im Karton im Tierheim.

Ich hatte sie dort gelassen, weil ich glaubte, diesen Teil meines Lebens endlich hinter mir lassen zu müssen.

Doch als ich den Karton abgegeben hatte, hatte ich nicht gewusst, dass ich am selben Tag mit einer anderen Katze nach Hause kommen würde.

Ich griff zum Telefon.

Sabine nahm gleich ab.

„Frau Neumann? Ist mit Ada alles in Ordnung?“

„Ja, alles gut“, sagte ich. „Ich wollte nur fragen, ob Sie eine bestimmte Decke aus meiner Spende noch haben.“

Ich beschrieb die graue Decke mit dem ausgefransten Rand.

„Natürlich“, antwortete Sabine. „Die liegt noch hier.“

„Dürfte ich die vielleicht wieder abholen?“

„Selbstverständlich.“

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