„Karl Brenner. Erdgeschoss links. Der ist im Krankenhaus.“
Ich setzte mich auf den Stuhl im Büro.
„Ist es schlimm?“
Am anderen Ende hörte ich Geschirr klappern.
„Fragen Sie ihn besser selbst. Ich kann ihm sagen, dass Sie gern kommen würden.“
Eine Stunde später rief sie zurück.
„Er sagt, wenn Sie unbedingt müssen. Aber Sie sollen nichts mitbringen.“
Ich nahm trotzdem ein paar Mandarinen mit.
Karl lag in einem Zweibettzimmer, dessen zweites Bett gerade frei war. Die blaue Arbeitsjacke hing ordentlich über einem Stuhl. Auf dem Nachttisch lagen eine Lesebrille und ein Kreuzworträtsel, bei dem kaum etwas ausgefüllt war.
Ohne Jacke wirkte er viel schmaler.
Er sah auf meine Tragetasche und schüttelte den Kopf.
„Hab doch gesagt, nichts mitbringen.“
„Sind nur Mandarinen.“
„Die haben hier Obst.“
„Dann haben Sie jetzt Auswahl.“
Er rückte ein Stück zur Seite, als müsse er mir Platz machen, obwohl ich mich auf den Stuhl setzte.
Eine Weile redeten wir über den Laden. Den neuen Pfandautomaten. Die Baustelle an der Kreuzung.
Dann fragte er: „Hab ich Dienstag verpasst?“
„Drei.“
Er schloss kurz die Augen.
„Na so was.“
Ich stellte die Tasche unter seinen Nachttisch.
„Karl. Was ist los?“
Er zog mit zwei Fingern eine Falte in der Bettdecke glatt.
„Bauchspeicheldrüse. Im Juni haben sie’s gefunden. Schon weiter gewesen.“
Ich sagte nichts.
„Die Ärztin hat gesagt, vielleicht noch ein halbes Jahr. Vielleicht mehr. Weiß keiner genau.“
Im Juni.
In dem Monat hatte er angefangen, fremde Einkäufe zu bezahlen.
Ich musste an Sandra denken, an die Äpfel, an seinen Hundert-Euro-Schein.
„Deshalb also.“
Er sah mich an, ohne zu fragen, was ich meinte.
„Ich hatte was zurückgelegt“, sagte er. „Für später.“
Dann lächelte er müde.
„Später ist kleiner geworden als gedacht.“
Seine Frau Helga war seit zwölf Jahren tot. Kinder hatten sie sich gewünscht, aber keine bekommen. Ein Bruder lebte nicht mehr, zu einem Neffen bestand seit Jahren kaum Kontakt.
Die große Wohnung hatte Karl nach Helgas Tod aufgegeben. Für ihn reichten zwei Zimmer. Im Keller standen noch Werkzeuge, die er nicht mehr heben konnte.
„Das Auto hab ich im Sommer auch verkauft. Der Kombi war nur noch geliehen von einem alten Kollegen. Ich brauch ja nicht mehr viel.“
„Und dann haben Sie Ihr Erspartes weggegeben?“
„Nicht alles. Miete und so muss schon bezahlt werden.“
Er sagte es beinahe entschuldigend.
„Aber rumliegen lassen wollte ich’s auch nicht.“
Ich schaute auf seine dünnen Handgelenke. Dieselben Hände, die im Laden so stark gewirkt hatten.
„Warum ausgerechnet Einkäufe?“
Karl schwieg lange.
Dann erzählte er von einem Winter Anfang der Achtzigerjahre.
Sein Betrieb hatte Kurzarbeit gemacht. Helga war damals Verkäuferin gewesen und nach einer Operation mehrere Wochen ausgefallen. Eine hohe Nachzahlung war gekommen, das Auto brauchte eine Reparatur, und plötzlich hatten zwei berufstätige Menschen beim Bäcker Kleingeld zählen müssen.
„Ich war so wütend damals“, sagte er. „Auf alles. Am meisten auf mich.“
Eines Abends hatte eine Nachbarin vor ihrer Tür gestanden. Sie brachte Kartoffeln, Eier, Brot und einen Topf Gulasch.
Helga wollte bezahlen.
Die Nachbarin behauptete, sie habe sich mit der Menge vertan.
„Hat sie natürlich nicht“, sagte Karl.
Er atmete langsam aus.
„Helga hat an dem Abend zum ersten Mal seit Wochen wieder ordentlich gegessen. Das hab ich nicht vergessen.“
Ich wischte mir über die Wange und ärgerte mich, dass ich keine Taschentücher griffbereit hatte.
Karl bemerkte es.
„Nun machen Sie nicht so ein Gesicht. Das war ein guter Abend.“
Bevor ich ging, fragte ich, was er brauche.
Er überlegte.
„Vielleicht könnten Sie nächste Woche noch mal kommen.“
Dann fügte er schnell hinzu: „Wenn Sie sowieso in der Gegend sind.“
„Ich komme“, sagte ich.
Auf dem Parkplatz blieb ich lange im Auto sitzen.
Dann rief ich Sandra an. Ihre Nummer hatte sie mir für den Fall hinterlassen, dass ihr Blumenstrauß doch noch einen Empfänger fand.
Ich erzählte ihr nur, was Karl mir erlaubt hatte weiterzusagen.
Am anderen Ende wurde es still.
„Er soll nicht denken, dass da niemand ist“, sagte sie schließlich.
In den folgenden Tagen stellte ich eine kleine Nachricht im Laden auf. Wer den älteren Herrn kannte, der dienstags manchmal Einkäufe übernommen hatte, konnte sich bei mir melden.
Keine Diagnose. Kein Foto. Keine Einzelheiten, die ihm nicht gehörten.
Siebenunddreißig Menschen meldeten sich.
Manche waren selbst unterstützt worden. Andere erinnerten sich an einen Einkauf für ihre Mutter, ihren Sohn oder ihre Nachbarin.
Ich ging noch einmal ins Krankenhaus.
„Ein paar Leute würden Ihnen gern helfen.“
Karl verzog das Gesicht.
„Ich hab nicht bezahlt, damit ich was wiederkriege.“
„Das wissen die.“
„Ich will auch kein Bild in der Zeitung.“
„Dann gibt es keins.“
Er sah zum Fenster.
„Was wollen die denn machen?“
„Erst einmal dafür sorgen, dass Sie nach Hause können, wenn die Ärzte sagen, dass es geht. Und dass dort jemand nach Ihnen schaut.“
„Das kann man doch nicht alles von anderen bezahlen lassen.“
Ich dachte an Sandra vor meiner Kasse.
„Sie dürfen auch Nein sagen“, antwortete ich. „Aber vielleicht lassen Sie uns wenigstens überlegen.“
Am Samstag kamen wir im kleinen Gemeinschaftsraum hinter dem Markt zusammen.
Es gab Filterkaffee in unterschiedlichen Tassen. Sandra hatte einen Apfelkuchen gebacken. Herr Krüger rückte die Stühle zurecht, obwohl längst genug Platz war.
Der Junge mit der kranken Mutter hieß Tim. Er legte einen Umschlag mit zwanzig Euro auf den Tisch.
„Vom Zeitungsaustragen.“
Seine Mutter saß neben ihm. Die Behandlung hatte angeschlagen, und sie konnte wieder ein paar Stunden arbeiten.
„Mehr geht gerade nicht“, sagte sie.
Niemand fragte nach mehr.
Ein früherer Kollege Karls brachte dreihundert Euro und wurde beim Erzählen immer wieder heiser. Eine Friseurin sagte zu, Karl zu Hause die Haare zu schneiden. Frau Seidel bot an, morgens nach ihm zu sehen.
Aus den ersten Umschlägen wurden weitere Zusagen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






