Frau Krüger betrachtete den Kater noch einmal.
„Meine Nichte hat früher einen Hund gepflegt, der seine Hinterbeine nicht mehr bewegen konnte.“
„Wirklich?“
„Ja. Der hatte später sogar einen kleinen Rollwagen. Damit war er schneller unterwegs als ich mit meinem Einkaufstrolley.“
Zum ersten Mal an diesem Abend musste ich lachen.
Frau Krüger lächelte.
„Ich frage sie morgen, was sie empfehlen kann. Vielleicht kennt sie auch jemanden, der Ihnen mit Moritz hilft.“
Dann stand sie auf.
„Und jetzt gehe ich kurz nach unten.“
Ich wollte widersprechen, doch sie winkte ab.
„Keine Sorge. Ich komme wieder.“
Wenige Minuten später war sie zurück.
In einer Stofftasche brachte sie saubere alte Handtücher, mehrere Dosen Katzenfutter und eine weiche, waschbare Decke mit.
„Meine Schwester hat noch Futter übrig. Ihre Katze mag diese Sorte nicht. Vielleicht verträgt Moritz sie ja.“
Ich nahm die Dosen entgegen.
Meine Hände zitterten.
„Frau Krüger, das kann ich doch nicht annehmen.“
„Warum denn nicht?“
„Weil Sie selbst nicht viel haben.“
Sie setzte die Tasche auf den Tisch.
„Brigitte, ich bin 78. Glauben Sie mir, ich habe inzwischen gelernt, dass ein paar Handtücher niemanden arm machen.“
Dann zeigte sie auf die Auflaufform.
„Und der Kartoffelauflauf wird übrigens nicht besser, wenn Sie ihn die ganze Nacht stehen lassen.“
Wieder musste ich lachen.
Ein richtiges Lachen.
Es fühlte sich fremd an, weil ich so lange keines mehr gehört hatte.
Wir aßen gemeinsam am Küchentisch.
Frau Krüger erzählte von ihrem kleinen Balkon, von den Geranien, die dieses Jahr kaum geblüht hatten, und von ihrer Nichte, die sich schon seit Jahren um Tiere kümmerte.
Ich erzählte ihr, wie ich Moritz gefunden hatte.
Wie er seine ersten vorsichtigen Bewegungen über meinen Teppich gemacht hatte.
Wie er jeden Morgen mit beiden Vorderpfoten gegen die Schlafzimmertür tippte, wenn ich zu lange schlief.
Und wie er es irgendwie schaffte, trotz seiner Behinderung der zufriedenste kleine Kater zu sein, den ich kannte.
Frau Krüger hörte aufmerksam zu.
Schließlich sagte sie: „Das klingt nicht nach einem Tier, das dringend woanders hinmöchte.“
Ich sah zur Wäschewanne.
Moritz hatte sich zusammengerollt und war eingeschlafen.
Sein kleines Gesicht lag auf dem blauen Handtuch.
Ich stand auf und hob ihn vorsichtig heraus.
Er schmiegte sich sofort an meine Brust.
Dann begann er zu schnurren.
Erst ganz leise.
Dann etwas kräftiger.
Ich drückte mein Gesicht in sein warmes Fell.
„Ach, mein Schatz“, flüsterte ich. „Was hätte ich nur ohne dich gemacht?“
Frau Krüger ließ uns einen Moment allein.
Als ich wieder aufsah, wischte auch sie sich verstohlen über die Augen.
Bevor sie nach unten ging, nahm sie einen Kugelschreiber und schrieb ihre Telefonnummer auf einen Zettel.
„Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie an. Auch wenn es nur darum geht, dass jemand mit Ihnen einen Kaffee trinkt.“
„Aber ich möchte Sie nicht ständig stören.“
Sie sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an.
„Brigitte, ich sitze seit dem Tod meines Mannes oft allein beim Abendessen. Vielleicht haben Sie schon einmal daran gedacht, dass auch ich mich über Gesellschaft freue.“
Darauf wusste ich nichts zu antworten.
Weil ich nie auf diese Idee gekommen war.
Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon.
Es war Frau Krüger.
Ihre Nichte hatte bereits von Moritz erfahren und wollte mir einige Tipps geben.
Zwei Tage später kam die junge Frau vorbei.
Sie zeigte mir, wie ich die Unterlagen einfacher wechseln konnte, ohne lange auf den Knien zu bleiben. Sie empfahl eine niedrigere Katzentoilette und ein weiches Lagerungskissen.
Außerdem erklärte sie, welche Hilfsmittel wir mit der Tierärztin besprechen könnten.
Nichts davon löste meine Geldprobleme über Nacht.
Aber plötzlich gab es Möglichkeiten, an die ich vorher nicht gedacht hatte.
Frau Krüger half mir, eine Beratungsstelle zu finden, bei der ich meine finanzielle Situation prüfen lassen konnte. Dort erfuhr ich, welche Unterstützung möglicherweise infrage kam.
Meine Tochter rief ich ebenfalls an.
Zum ersten Mal sagte ich nicht, dass alles wunderbar sei.
Ich erzählte ihr von den Sorgen, den schmerzenden Knien und den Rechnungen.
Am anderen Ende der Leitung wurde es still.
Dann sagte sie: „Mama, warum hast du mir das nicht früher erzählt?“
Ich schluckte.
„Ich wollte dich nicht belasten.“
„Aber ich bin doch deine Tochter.“
Wir redeten an diesem Abend länger miteinander als in den Monaten zuvor.
Sie konnte nicht einfach alle meine Probleme lösen. Aber sie versprach, regelmäßiger anzurufen, und wir besprachen, wann sie mich besuchen konnte.
Frau Krüger kam inzwischen manchmal nachmittags auf einen Kaffee vorbei.
Moritz hatte sie schnell ins Herz geschlossen.
Wenn sie das Wohnzimmer betrat, begann er sofort, sich über seinen Teppichläufer in ihre Richtung zu ziehen.
„Na, da kommt ja mein kleiner Rennfahrer“, sagte sie dann.
Und ich musste jedes Mal lächeln.
Drei Wochen nach jener Nacht saß ich wieder auf meinem Sofa.
Die Wohnung war noch immer klein.
Meine Knie schmerzten noch immer an manchen Tagen.
Und auf dem Küchentisch lagen weiterhin Rechnungen, die bezahlt werden mussten.
Aber etwas hatte sich verändert.
Neben dem Sofa stand eine kleine, niedrige Liegefläche für Moritz. Seine Unterlagen waren leichter zu wechseln, und ich musste mich nicht mehr bei jeder Pflegebewegung auf den Boden knien.
Frau Krüger hatte für den nächsten Tag einen Besuch angekündigt.
Meine Tochter wollte am Wochenende kommen.
Und Moritz lag auf meinem Schoß, als wäre das der selbstverständlichste Platz der Welt.
Ich streichelte vorsichtig über seinen Kopf.
„Weißt du noch, mein Kleiner? Beinahe hätte ich dich weggegeben.“
Er blinzelte langsam.
Dann schob er seine Vorderpfote auf meine Hand.
Ich musste an den Zettel mit der Adresse denken.
Den hatte ich am Morgen nach Frau Krügers Besuch weggeworfen.
Nicht aus Trotz.
Sondern weil ich begriffen hatte, dass Erschöpfung allein noch keine endgültige Entscheidung sein muss.
Vielleicht würde Moritz irgendwann mehr Pflege brauchen, als ich leisten konnte. Dann müsste ich erneut überlegen, was für ihn das Beste wäre.
Aber ich musste nicht ausgerechnet in meiner schlimmsten Nacht darüber entscheiden.
Und vor allem musste ich nicht alles allein bewältigen.
An diesem Abend nahm ich das alte blaue Handtuch aus dem Schrank.
Es war inzwischen etwas ausgefranst. An einer Ecke hatte Moritz vor langer Zeit ein kleines Loch hineingekrallt.
Ich faltete es zusammen und legte es neben mich aufs Sofa.
Moritz kroch sofort darauf.
Dann hob er den Kopf und sah mich mit seinen großen grünen Augen an.
Genauso wie damals unter der Holzterrasse.
Genauso wie in jener Nacht in der Wäschewanne.
Ich beugte mich zu ihm hinunter.
„Du bleibst bei mir, mein Schatz.“
Er schnurrte.
Und während ich ihn streichelte, wurde mir etwas klar, das ich mit 67 Jahren erst noch lernen musste.
Moritz war nie meine größte Last gewesen. Meine größte Last war der Glaube, dass ich alles allein schaffen müsste.
Die alte Wäschewanne steht heute wieder im Badezimmer. Darin liegen schmutzige Handtücher, genau wie früher.
Manchmal bleibe ich davor stehen und denke an jene Nacht zurück.
An die Angst.
An meine Verzweiflung.
An den kleinen Kater, der sich trotz seiner gelähmten Hinterbeine mit aller Kraft zu mir ziehen wollte.
Und an eine 78-jährige Nachbarin, die mit einer Auflaufform vor meiner Tür stand und mir eine Frage stellte, die mein Leben veränderte.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre Moritz und ich noch zusammen haben werden.
Vielleicht sind es viele.
Vielleicht weniger, als ich hoffe.
Aber eines weiß ich ganz sicher.
Wenn ich abends meine Wohnungstür aufschließe und seine kleinen Vorderpfoten über den Teppich tapsen höre, dann denke ich nicht mehr zuerst an das, was uns fehlt.
Ich denke daran, was wir noch haben.
Ein warmes Zuhause.
Einander.
Und Menschen, die manchmal genau dann vor unserer Tür stehen, wenn wir endlich den Mut haben müssen, sie hereinzulassen.
In jener Nacht glaubte ich, Moritz brauche ein neues Zuhause. Dabei brauchte ich nur jemanden, der mich daran erinnerte, dass auch ich Hilfe annehmen darf.






