Zwei Katzen sollten sterben, doch ihre Liebe rettete am Ende mehr als nur zwei Leben

Ich dachte, die schwerste Entscheidung hätten wir an jenem Abend im Tierheim getroffen. Doch einige Monate später klingelte das Telefon, und plötzlich stand die Vergangenheit von Maja und Oskar vor unserer Tür.

Es war kurz nach halb sieben.

Daniel saß am Küchentisch und aß ein belegtes Brot, bevor er zu seiner Frühschicht fuhr. Oskar lag auf der Fensterbank, während Maja unter Daniels Stuhl auf einen herunterfallenden Krümel wartete.

Unser Leben hatte sich langsam beruhigt.

Daniels Teilzeitstelle bei dem kleinen Reparaturbetrieb war inzwischen auf sechs Stunden am Tag erhöht worden. Ich arbeitete wieder fast so viel wie früher.

Reich waren wir nicht.

Aber die Stromrechnung war bezahlt. Die Miete ging wieder pünktlich raus. Im Kühlschrank stand mehr als nur Senf, Käse und eine halbe Packung Milch.

Als mein Handy klingelte, erkannte ich die Nummer des Tierheims.

Sofort zog sich etwas in mir zusammen.

„Ist etwas passiert?“, fragte ich, noch bevor die Mitarbeiterin ihren Namen genannt hatte.

„Nein“, sagte sie schnell. „Maja und Oskar geht es doch gut, oder?“

Ich sah zu den beiden.

Oskar hatte inzwischen etwas zugenommen. Sein graues Fell glänzte wieder. Maja versuchte gerade, Daniels Schnürsenkel unter dem Tisch hervorzuziehen.

„Sehr gut“, sagte ich. „Warum fragen Sie?“

Am anderen Ende wurde es kurz still.

„Es geht um den früheren Besitzer.“

Daniel hörte auf zu kauen.

Die Mitarbeiterin erklärte, dass der Mann, dem Maja und Oskar fast acht Jahre lang gehört hatten, in einem Pflegeheim am anderen Ende der Stadt lebte.

Sein Name war Herr Albrecht.

Das hatten wir vorher nicht gewusst.

Als seine Gesundheit plötzlich schlechter geworden war, hatte man ihn direkt aus dem Krankenhaus in das Pflegeheim gebracht. Eine Nachbarin hatte die Katzen zunächst versorgt. Später waren sie ins Tierheim gekommen.

Herr Albrecht hatte geglaubt, sie seien längst vermittelt worden.

Niemand hatte ihm gesagt, wie knapp es gewesen war.

„Er fragt oft nach ihnen“, sagte die Mitarbeiterin. „In letzter Zeit sogar jeden Tag.“

Ich setzte mich auf den freien Stuhl neben Daniel.

„Was sollen wir tun?“

„Er möchte nur wissen, ob sie zusammen sind.“

Daniel sah zu Oskar.

Der Kater hob den Kopf, als hätte er seinen Namen gehört.

„Natürlich sind sie zusammen“, sagte Daniel.

Die Mitarbeiterin atmete hörbar aus.

„Dürften wir ihm vielleicht ein paar Fotos zeigen? Nur damit er sieht, dass es ihnen gut geht?“

„Ja“, sagte ich sofort.

Daniel antwortete nicht.

Nach dem Gespräch nahm ich mein Handy und suchte Bilder heraus.

Maja und Oskar schlafend auf dem Sofa.

Maja mit dem Kopf in Daniels Arbeitsschuh.

Oskar auf dem Küchentisch, obwohl er genau wusste, dass er dort nicht sitzen durfte.

Beide zusammen vor der Heizung.

Auf fast jedem Foto berührten sie sich irgendwo.

Eine Pfote.

Ein Schwanz.

Eine Schulter.

Daniel stand auf und stellte seinen Teller in die Spüle.

„Schick ihr nicht das Bild vom Tisch“, sagte er.

„Warum nicht?“

„Weil Herr Albrecht sonst denkt, wir hätten sie nicht erzogen.“

Ich musste lachen.

Daniel lächelte kurz, doch gleich danach wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Glaubst du, er hat sie freiwillig abgegeben?“

„Ich glaube, er hatte keine Wahl.“

Daniel nahm seine Jacke.

An der Tür blieb er stehen und sah noch einmal zu den Katzen.

„Dann muss das für ihn die Hölle gewesen sein.“

Am selben Nachmittag schickte ich die Bilder an das Tierheim.

Zwei Tage später kam eine Antwort.

Herr Albrecht hatte geweint.

Nicht vor Traurigkeit, schrieb die Mitarbeiterin.

Vor Erleichterung.

Er hatte jedes Foto mehrmals angesehen. Besonders lange das Bild, auf dem Oskar neben Daniel am Schreibtisch saß.

Herr Albrecht hatte gesagt, Oskar mache das immer, wenn jemand Sorgen habe.

Als ich Daniel die Nachricht vorlas, schaute er lange auf den Bildschirm.

„Dann hat er es also gemerkt“, murmelte er.

„Was?“

„Dass ich Sorgen hatte.“

Oskar saß neben ihm auf dem Sofa.

Daniel legte die Hand auf seinen Rücken.

„Du alter Angeber“, sagte er leise.

Eine Woche später rief das Pflegeheim an.

Herr Albrecht wollte uns kennenlernen.

Nicht sofort.

Nur irgendwann, wenn es für uns in Ordnung wäre.

Daniel sagte zunächst nichts.

Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und schloss ihn wieder, ohne etwas herauszunehmen.

„Wir müssen nicht hingehen“, sagte ich.

„Doch.“

„Bist du sicher?“

Er lehnte sich gegen die Arbeitsplatte.

„Er hat acht Jahre mit ihnen gelebt. Dann ist er eines Tages ins Krankenhaus gekommen und hat sie nie wiedergesehen.“

Daniel rieb sich über die Stirn.

„Ich will nicht, dass er glaubt, wir hätten sie ihm weggenommen.“

„Das glaubt er bestimmt nicht.“

„Woher willst du das wissen?“

Darauf hatte ich keine Antwort.

Am folgenden Samstag fuhren wir zum Pflegeheim.

Wir nahmen keine Katzen mit. Zunächst sollten nur wir kommen.

Herr Albrecht wohnte in einem kleinen Zimmer im ersten Stock. Auf dem Regal standen drei Bücher, eine alte Uhr und ein gerahmtes Foto.

Darauf saß ein jüngerer Herr Albrecht in einem Gartenstuhl.

Auf seinem Schoß lag Maja.

Oskar stand hinter seinem Kopf auf der Rückenlehne.

Herr Albrecht war dünn. Sein weißes Haar war ordentlich zur Seite gekämmt. Seine Hände zitterten leicht, als er uns begrüßte.

„Sie sind also die beiden“, sagte er.

Seine Stimme klang schwächer, als ich erwartet hatte.

„Wir sind Daniel und Anna.“

Er nickte.

„Und Sie haben meine Katzen.“

Daniel setzte sich auf die Stuhlkante.

„Sie leben bei uns“, sagte er. „Aber ich glaube, ein Teil von ihnen gehört immer noch zu Ihnen.“

Herr Albrecht sah ihn überrascht an.

Dann deutete er auf das Foto.

„Das war an Majas fünftem Geburtstag.“

„Sie haben ihren Geburtstag gefeiert?“, fragte ich.

„Natürlich.“

Zum ersten Mal lächelte er.

„Sie bekam gekochtes Hühnchen. Oskar hat es gestohlen.“

Daniel lachte leise.

„Das passt zu ihm.“

Herr Albrecht wollte alles wissen.

Ob Maja noch immer Wasser aus dem Hahn bevorzugte.

Ob Oskar nachts an Türen kratzte, wenn sie geschlossen waren.

Ob Maja noch Angst vor dem Staubsauger hatte.

Ob Oskar nach dem Fressen laut durch die Wohnung lief, als hätte er selbst das Essen gefangen.

Wir konnten jede Frage beantworten.

Ja, Maja saß jeden Morgen am Waschbecken.

Ja, Oskar ertrug keine geschlossenen Türen.

Ja, Maja verschwand beim Staubsaugen unter dem Bett.

Und ja, Oskar stolzierte nach jeder Mahlzeit durch den Flur.

Mit jedem Satz wurde Herr Albrechts Gesicht weicher.

Doch irgendwann sah er auf seine Hände.

„Ich habe sie im Stich gelassen.“

Daniel richtete sich auf.

„Nein.“

„Ich bin nicht zurückgekommen.“

„Sie konnten nicht zurückkommen.“

„Für die Tiere macht das keinen Unterschied.“

Daniel schwieg kurz.

Dann erzählte er ihm von dem Abend im Tierheim.

Nicht alles.

Er sagte nicht, dass die beiden am nächsten Morgen eingeschläfert werden sollten. Er sagte nur, dass das Tierheim voll gewesen war und sie dringend ein Zuhause gebraucht hatten.

Herr Albrecht hörte aufmerksam zu.

Als Daniel von Maja erzählte, die den Futternapf zu Oskar geschoben hatte, schloss der alte Mann die Augen.

„Das hat sie schon immer gemacht“, sagte er. „Als Oskar krank war, hat sie erst gefressen, wenn er fertig war.“

„Sie kümmert sich um ihn“, sagte ich.

„Und er kümmert sich um sie.“

Herr Albrecht öffnete die Schublade seines Nachttisches.

Darin lag ein abgenutztes rotes Stoffband.

„Das war an Majas erster Transportbox befestigt“, sagte er. „Damit ich sie von Oskars Box unterscheiden konnte.“

Er hielt mir das Band hin.

„Nehmen Sie es mit.“

„Das müssen Sie nicht.“

„Bitte.“

Ich nahm es vorsichtig.

Der Stoff war an einigen Stellen ausgefranst.

„Sie haben ihnen das Leben gerettet“, sagte Herr Albrecht.

Daniel blickte auf den Boden.

„Ehrlich gesagt“, antwortete er, „haben sie uns mindestens genauso geholfen.“

Herr Albrecht sah ihn lange an.

„Das machen Tiere manchmal.“

Als wir gingen, fragte er nicht, ob wir wiederkommen würden.

Er fragte nur: „Glauben Sie, ich könnte sie noch einmal sehen?“

Daniel und ich sahen uns an.

„Wir fragen, was möglich ist“, sagte ich.

Das Pflegeheim erlaubte Tiere nur unter bestimmten Bedingungen.

Die Katzen mussten gesund sein. Sie durften nicht frei durch die Flure laufen. Der Besuch musste in einem ruhigen Gemeinschaftsraum stattfinden.

Unsere Tierärztin untersuchte beide.

Oskar protestierte lautstark, als sie seine Ohren kontrollierte. Maja drückte sich so fest an Daniel, dass sie fast unter seine Jacke kroch.

Am Ende bekamen wir die Bestätigung, dass beide gesund waren.

Der Besuch wurde für den darauffolgenden Mittwoch geplant.

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