Einmal hatte sie zu mir gesagt: „Martin, du hast dir das Leben mit mir bestimmt anders vorgestellt.“
Ich hatte mich zu ihr gesetzt und ihre Hand genommen.
„Ja“, hatte ich geantwortet. „Ich dachte, wir werden zusammen alt und ärgern uns noch mit neunzig über unsere Nachbarn.“
Sie hatte gelächelt.
„Und jetzt?“
„Jetzt werden wir eben auf eine andere Weise zusammen alt.“
Damals verstand ich noch nicht, wie sehr mich diese Worte eines Tages verfolgen würden.
Denn Liebe bedeutet nicht nur, jemanden in seinen besten Jahren zu begleiten.
Liebe zeigt sich vor allem dann, wenn die Kraft nachlässt.
Wenn jemand langsamer wird.
Wenn der Mensch, den man liebt, nicht mehr so kann wie früher.
Und manchmal auch dann, wenn einem nichts anderes mehr bleibt, als einfach da zu sein.
Ich blickte zu Olli.
Er war mittlerweile wieder auf seinem Handtuch zusammengesunken.
„Weißt du“, flüsterte ich, „ich bin auch nicht mehr der Jüngste.“
Ein Ohr zuckte.
„Ich brauche morgens länger zum Aufstehen. Mein Rücken macht Ärger, und manchmal vergesse ich, warum ich überhaupt in die Küche gegangen bin.“
Olli blinzelte.
„Aber deswegen bin ich doch nicht weniger wert, oder?“
Ich musste über meine eigene Frage lächeln.
Und genau in diesem Moment stand er auf.
Ganz langsam.
Seine Hinterbeine zitterten.
Er machte einen Schritt.
Dann einen zweiten.
Ich hielt vollkommen still.
Olli kam näher, blieb direkt vor meinen Schuhen stehen und senkte den Kopf.
Ich dachte, er wollte an meinem Hosenbein schnuppern.
Stattdessen hob er eine seiner kleinen, knochigen Vorderpfoten.
Und legte sie auf meinen Schuh.
Nur das.
Eine alte Katze.
Eine einzige Pfote.
Eine so kleine Berührung, dass wahrscheinlich jeder andere sie übersehen hätte.
Aber mir schossen sofort die Tränen in die Augen.
Ich weiß bis heute nicht, was Olli damit sagen wollte.
Vielleicht suchte er nur Halt.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht wollte er einfach nicht mehr allein in dieser Ecke sitzen.
Doch für mich fühlte es sich an wie eine Frage.
Bleibst du?
Ich legte vorsichtig zwei Finger an seinen Kopf.
Sein Fell fühlte sich dünn und trocken an.
„Ach, Olli“, murmelte ich. „Du armer alter Kerl.“
Dann begann er zu schnurren.
Ganz leise.
Ein raues, unregelmäßiges Geräusch, beinahe wie ein kleiner Motor, der nach langer Zeit wieder anspringt.
Und da war es um mich geschehen.
„Was müsste ich denn tun, wenn ich ihn mitnehmen wollte?“, fragte ich die Mitarbeiterin.
Sie schaute mich überrascht an.
„Sie möchten Olli aufnehmen?“
Ich blickte auf den Kater, der sich inzwischen vorsichtig an mein Knie gelehnt hatte.
„Ich glaube schon.“
„Sie sollten wissen, dass er einige gesundheitliche Probleme hat.“
„Welche denn?“
Sie erklärte mir, dass Olli Arthrose hatte und seine Nieren nicht mehr ganz so zuverlässig arbeiteten wie früher. Er brauchte geeignetes Futter, regelmäßige Untersuchungen und wahrscheinlich dauerhaft Medikamente.
Außerdem hatte er in letzter Zeit Gewicht verloren.
„Wir müssen ehrlich sein“, sagte sie. „Bei einem Kater in seinem Alter kann niemand versprechen, wie viele Jahre ihm noch bleiben.“
Ich nickte.
Genau davor hatte ich Angst.
Wieder eine Bindung.
Wieder Verantwortung.
Wieder die Möglichkeit, eines Tages vor einem leeren Körbchen zu stehen.
Ich dachte an die Nächte nach Ingrids Tod.
An die Stille, die so schwer auf mir gelegen hatte, dass ich manchmal das Radio eingeschaltet ließ, nur um eine menschliche Stimme zu hören.
Ich dachte an Lotte.
An ihren Lieblingsplatz auf der Fensterbank.
An den Tag, an dem ich ihre kleine Futterschüssel ein letztes Mal abgewaschen hatte.
Konnte ich das wirklich noch einmal durchstehen?
Die Mitarbeiterin ließ mir Zeit.
Schließlich sagte sie: „Sie müssen sich nicht sofort entscheiden. Ein älteres Tier aufzunehmen ist eine große Verantwortung.“
Ich wollte antworten.
Doch Olli schob in diesem Moment seinen Kopf gegen meine Hand.
Einmal.
Ganz sanft.
Ich sah ihn an.
Er wusste nichts von meiner Angst.
Nichts von meinen Erinnerungen.
Nichts davon, wie sorgfältig ich mir mein kleines, einsames Leben eingerichtet hatte, damit möglichst wenig darin schiefgehen konnte.
Er brauchte einfach einen sicheren Ort.
Ein warmes Körbchen.
Etwas zu fressen.
Und jemanden, der nicht verschwand, wenn die Dinge schwieriger wurden.
Ich atmete tief durch.
„Wissen Sie“, sagte ich schließlich, „in meinem Alter weiß man ohnehin nicht, wie viel Zeit einem noch bleibt.“
Die Mitarbeiterin sah mich an.
„Vielleicht passen wir deshalb ganz gut zusammen.“
Sie lächelte.
Und ich traf eine Entscheidung, von der ich noch am Morgen behauptet hätte, dass ich sie niemals treffen würde.
„Ich möchte ihn nehmen.“
Bis alles geregelt war, verging einige Zeit.
Die Tierärztin untersuchte Olli noch einmal gründlich, besprach seine Medikamente mit mir und erklärte, worauf ich zu Hause achten musste.
Ich bekam einen kleinen Zettel mit den Fütterungszeiten und den nächsten Untersuchungsterminen.
Die graue Transportbox seiner früheren Besitzerin durfte Olli behalten.
Darin lag eine alte, ausgewaschene Decke.
Sie roch wahrscheinlich noch nach dem Zuhause, das er sein ganzes Leben gekannt hatte.
Als ich ihn hineinsetzen wollte, versteifte er sich.
Er drückte die Pfoten gegen meinen Arm und machte ein leises, klagendes Geräusch.
Vielleicht erinnerte ihn die Box an die Fahrt zur Praxis.
Vielleicht hatte er einfach Angst vor einer weiteren Veränderung.
Ich hielt ihn einen Moment länger fest.
„Ist schon gut, mein Junge.“
Seine kleinen Krallen verhakten sich in meinem Pullover.
„Du musst heute nirgendwo mehr hin, wo du nicht willkommen bist.“
Dann setzte ich ihn behutsam hinein.
Bevor ich die Tür schloss, strich ich ihm noch einmal über den Kopf.
„Ab jetzt gehören wir zusammen.“
Auf der Heimfahrt blieb Olli vollkommen still.
Ich stellte die Transportbox auf den gesicherten Rücksitz und redete während der ganzen Fahrt mit ihm.
Ich erzählte ihm, dass meine Wohnung im zweiten Stock lag, dass wir einen kleinen Balkon hatten und dass die Nachbarin gelegentlich zu laut ihren Fernseher aufdrehte.
„Und einen besonders schönen Platz am Wohnzimmerfenster haben wir auch“, erklärte ich.
„Da scheint nachmittags die Sonne rein. Den hat früher Lotte geliebt.“
An einer roten Ampel sah ich kurz in den Rückspiegel.
Olli lag zusammengerollt auf seiner alten Decke.
Seine Augen waren offen.
„Ich hoffe, du magst es bei mir“, sagte ich.
Zum ersten Mal seit langer Zeit freute ich mich darauf, meine Wohnungstür aufzuschließen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






