Niemand wollte den 16 Jahre alten Kater mehr bis ein einsamer Rentner sein größtes Geheimnis entdeckte

Zu Hause bereitete ich ihm zunächst das Wohnzimmer vor.

Ich legte zwei weiche Decken neben das Sofa, stellte frisches Wasser bereit und richtete in einer ruhigen Ecke ein niedriges Katzenklo ein.

Dann öffnete ich seine Transportbox.

Olli kam nicht heraus.

Fünf Minuten vergingen.

Dann zehn.

Ich setzte mich auf das Sofa und wartete.

„Du kannst dir Zeit lassen“, sagte ich.

Irgendwann erschien eine orangefarbene Nase an der Öffnung.

Dann eine Pfote.

Dann sein ganzer kleiner Kopf.

Er schnupperte vorsichtig.

Schließlich stieg er heraus.

Seine Bewegungen waren langsam und etwas steif.

Er untersuchte den Teppich, den Tischfuß und die Ecke neben dem Bücherregal.

Als er an Ingrids altem Sessel vorbeikam, blieb er stehen.

Das war seltsam.

Dieser Sessel hatte seit ihrem Tod niemandem mehr wirklich gehört.

Ich hatte ihre Strickjacke längst weggeräumt, aber den Sessel nie anders gestellt.

Olli schnupperte an einem seiner Beine.

Dann sah er zu mir.

„Ja“, sagte ich leise. „Das war ihr Platz.“

Natürlich verstand er meine Worte nicht.

Trotzdem blieb er dort noch einen Moment stehen.

Danach ging er langsam zu den Decken neben meinem Sofa.

Er stieg hinein, drehte sich einmal im Kreis und legte sich hin.

Zum ersten Mal wirkte sein Körper nicht mehr ganz so angespannt.

Ich setzte mich neben ihn.

„Willkommen zu Hause, Olli.“

Er schloss die Augen.

An diesem Abend schaltete ich den Fernseher nicht ein.

Ich wollte die Ruhe nicht stören.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich die Stille in meiner Wohnung nicht leer an.

Sie fühlte sich friedlich an.

Die ersten Tage waren nicht einfach.

Olli fraß wenig.

Manchmal stand er mitten im Flur und schaute sich verwirrt um, als hätte er vergessen, wo er war.

Nachts wurde er gelegentlich unruhig.

Einmal hörte ich ihn kurz nach zwei Uhr leise miauen.

Ich fand ihn vor der Wohnungstür.

Er saß dort und blickte nach oben zur Türklinke.

Ich weiß nicht, ob er seine frühere Besitzerin suchte.

Vielleicht wollte er nur aus dem Zimmer.

Aber der Anblick traf mich.

Ich setzte mich zu ihm auf den Boden.

„Sie kommt nicht mehr, Olli“, flüsterte ich.

Er drehte den Kopf.

„Aber ich bin da.“

Eine ganze Weile saßen wir so nebeneinander.

Dann hob ich ihn vorsichtig hoch und brachte ihn zurück ins Wohnzimmer.

In dieser Nacht schlief ich auf dem Sofa, damit er nicht allein sein musste.

Irgendwann spürte ich eine leichte Bewegung an meinem Bein.

Olli war auf die Decke neben mir geklettert.

Er rückte so dicht an mich heran, dass sein warmer Rücken meine Wade berührte.

Und dann schlief er ein.

Nach einer Woche begann sich etwas zu verändern.

Olli wartete morgens auf mich, wenn ich aus dem Schlafzimmer kam.

Anfangs saß er nur vor der Tür.

Später lief er mir sogar ein paar Schritte entgegen.

Seine Hinterbeine waren noch immer steif, aber sein Schwanz stand dabei manchmal ein kleines Stück nach oben.

Ich begann, ihm sein Futter leicht anzuwärmen, wie es mir die Tierärztin empfohlen hatte.

Dann kam er sofort in die Küche.

„Na, hat der Herr schon wieder Hunger?“, fragte ich.

Olli antwortete mit einem rauen kleinen Miau.

Es klang nicht besonders schön.

Aber für mich war es das beste Geräusch des Tages.

Nach zwei Wochen entdeckte er die Fensterbank im Wohnzimmer.

Ich hatte eine niedrige, stabile Aufstiegshilfe aufgestellt, damit er nicht springen musste.

Zuerst beachtete er sie nicht.

Dann probierte er vorsichtig die erste Stufe aus.

Am nächsten Tag saß er plötzlich oben.

Mitten im warmen Nachmittagslicht.

Er hatte die Augen geschlossen, und sein orangefarbenes Fell leuchtete, als wäre es wieder ein bisschen jünger geworden.

Ich blieb im Türrahmen stehen und beobachtete ihn.

Er sah so zufrieden aus.

Nicht, weil er plötzlich gesund war.

Nicht, weil die vergangenen sechzehn Jahre ungeschehen gemacht worden wären.

Sondern weil er einen Platz gefunden hatte, an dem er sich sicher fühlte.

Ich machte ein Foto.

Das erste Foto seit Jahren, das ich unbedingt jemandem zeigen wollte.

Meine Tochter Sabine kam an einem Sonntag vorbei.

Sie wohnt mit ihrer Familie etwa vierzig Kilometer entfernt und besucht mich, sooft es ihre Arbeit zulässt.

Als sie Olli entdeckte, blieb sie verblüfft im Wohnzimmer stehen.

„Papa? Du hast eine Katze?“

„Sieht ganz danach aus.“

„Seit wann denn?“

„Seit gut zwei Wochen.“

Sie sah erst mich an, dann den alten Kater, der auf seiner Decke lag.

„Warum hast du nichts gesagt?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Irgendwie wollte ich erst sicher sein, dass er wirklich hierbleibt.“

Sabine setzte sich vorsichtig zu Olli.

Er hob den Kopf, beschnupperte ihre Finger und ließ sich anschließend von ihr streicheln.

„Ach Gott“, sagte sie. „Der ist ja schon uralt.“

„Sechzehn.“

Sie blickte mich an.

„Papa, du weißt aber schon, dass du ihn vielleicht nicht mehr lange hast?“

Ich nickte.

„Ja.“

Sie schwieg.

Ich sah auf Olli.

„Aber stell dir mal vor, niemand nimmt ihn auf, nur weil er nicht mehr lange lebt.“

Sabine streichelte ihn weiter.

„Dann müsste er seine letzte Zeit ganz allein verbringen.“

Meine Tochter sagte nichts.

Ich auch nicht.

Schließlich fragte sie leise: „Hast du keine Angst, dass es dir wieder das Herz bricht?“

Ich schaute zum Fenster hinaus.

Draußen ging eine Frau mit ihrem Hund vorbei. Ein Fahrradfahrer klingelte, und irgendwo rief ein Kind nach seiner Mutter.

Ganz normales Leben.

„Doch“, antwortete ich.

Meine Stimme wurde etwas heiser.

„Aber weißt du, was ich langsam begreife?“

Sabine sah mich an.

„Wenn man aus Angst vor dem Abschied niemanden mehr liebt, dann ist man eigentlich schon die ganze Zeit allein.“

Meine Tochter senkte den Blick.

Dann rückte sie näher und nahm meine Hand.

Wir saßen lange so zusammen.

Olli schlief zwischen uns.

Ein paar Tage später musste ich mit ihm zur Nachkontrolle.

Die Tierärztin war zufrieden.

Olli hatte etwas zugenommen. Seine Blutwerte mussten weiterhin regelmäßig kontrolliert werden, aber die Behandlung schien ihm gutzutun.

„Er wirkt deutlich entspannter“, sagte sie.

Ich konnte mir ein stolzes Lächeln nicht verkneifen.

„Er benimmt sich inzwischen, als würde ihm die Wohnung gehören.“

Die Tierärztin lachte.

„Dann ist er wohl angekommen.“

Als ich Olli wieder in seine Transportbox setzte, kam die Mitarbeiterin zu uns, die damals mit seiner früheren Besitzerin gesprochen hatte.

„Darf ich Ihnen etwas sagen?“

„Natürlich.“

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen